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23.3.2004 | Von:
Holger Backhaus-Maul

Corporate Citizenship im deutschen Sozialstaat

Erst Mitte der neunziger Jahre fand die internationale Debatte über Corporate Citizenship in Deutschland positive Resonanz. Im Beitrag werden Entwicklungslinien nachgezeichnet sowie Dilemmata und Entwicklungsoptionen skizziert.

Nachholende Modernisierung?

Unternehmen als Bürger, als Corporate Citizens? Weitreichende politische Mitentscheidungs- und Mitgestaltungsrechte und die Übernahme gesellschaftspolitischer Verantwortung durch privatgewerbliche Unternehmen? Was in anderen Gesellschaften pragmatisch als ressourcenstarkes Potenzial wahrgenommen wird, trifft in Deutschland zunächst vielfach auf Unverständnis, Skepsis und Kritik. Unternehmen übten ohnehin schon einen viel zu starken Einfluss auf Staat und Politik aus, seien am Eigennutz und nicht am Gemeinwohl interessiert und latent bestrebt, sich selbst minimalen sozialstaatlichen Pflichten als Steuer- und Beitragszahler zu entziehen. In den sechziger und siebziger Jahren reichte allein das Stichwort "Profit", um Unternehmen mit einer Art Kollektivschuld zu beladen. Mittlerweile ist die öffentliche Einschätzung von Unternehmen in Deutschland etwas "anspruchsvoller" geworden, ohne dass aber hinreichend differenziert wird. Deshalb empfiehlt es sich, Unternehmen anhand ihrer Größe, Produktpalette, Branchenzugehörigkeit und strategischen Ausrichtung zu unterscheiden, um spezifischer nach ihren gesellschaftlichen Rollen und Vorstellungen zu fragen.




Was bedeutet es, wenn man von Corporate Citizenship als kultureller Selbstverständlichkeit spricht? Es handelt sich dabei um eine relativ junge Tradition aus den achtziger und neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Corporate Citizenship umfasst eine Rechte- und eine Pflichtendimension: Die Kurzformel "Freiheit und Verantwortung" kennzeichnet dieses Wechselspiel. Den Ausgangspunkt bildet die staatlich garantierte Freiheit zu wirtschaftlicher Betätigung, die durch Formen institutioneller Beteiligung im Politik- und Gesetzgebungsprozess und den massiven Einsatz öffentlicher Mittel gefördert und gewährleistet wird. Diese staatliche Begünstigung geht einher mit der Zuweisung einer pauschalen und diffusen gesellschaftspolitischen Verantwortung an Unternehmen. In der Regel greift aber nur ein Teil diese Verantwortungszuweisung auf: Diese Unternehmen wollen als Corporate Citizens in den von ihnen selbst gewählten Engagementbereichen und -projekten, sei es etwa in den Politikfeldern Bildung und Erziehung, Soziales oder Kultur, eigenständig mitentscheiden und -gestalten.[1]

Dabei geht es sowohl um die Bereitstellung von Geld- als auch verstärkt von Personal- und Sachmitteln. Der Begriff Corporate Citizenship unterscheidet zwischen dem klassischen Corporate Giving, der Bereitstellung von Geldmitteln, und dem noch relativ neuen Instrument des Corporate Volunteering, dem Einsatz von Personalressourcen und der Bereitstellung ergänzender Sach- und Geldmittel für gesellschaftliche Anliegen. Die Instrumente des Corporate Giving reichen von altruistisch motivierten Spendenzahlungen über Maßnahmen des Social Sponsoring bis hin zu den Aktivitäten operativer Unternehmensstiftungen. Diese drei Instrumente zeichnen zugleich die Entwicklung des Corporate Giving nach: von Zahlungen für ein nicht näher bestimmtes Gemeinwohl über zweckgebundene und zum Unternehmens- bzw. Produktimage passende Sponsoringmittel bis hin zum unternehmensstrategischen Einsatz von Geldressourcen in eigener Regie bzw. in einer unternehmensnahen Organisationsform. Corporate Volunteering hingegen bedeutet den Einsatz von Personalressourcen für gesellschaftliche Anliegen unter dezidiert unternehmensbezogenen Prämissen.[2] Im Kern handelt es sich dabei um das individuelle Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter außerhalb der Arbeitszeit, das seitens des Unternehmens durch begrenzte Freistellungen, engagementbezogene Geldzahlungen (matching funds) und die kostenlose Bereitstellung von Sachmitteln unterstützt wird.

Als mittlerweile typische Formen des Corporate Volunteering sind zu nennen:

- regelmäßige Freiwilligentage von Unternehmen, an denen sich interessierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in ausgewählten gemeinnützigen Projekten durch den befristeten Einsatz ihrer Arbeitskraft engagieren;

- mittelfristig angelegte Partnerschaften mit gemeinnützigen Einrichtungen, insbesondere Schulen und sozialen Diensten, in denen sich die Unternehmensmitarbeiter direkt in der Arbeit mit Schülerinnen und Schülern - insbesondere als Tutoren oder Mentoren - und Klienten engagieren;

- der mittelfristig angelegte Einsatz (oder auch Austausch) von Führungs- und Leitungskräften mit spezifischen beruflichen Kompetenzen und Erfahrungen in Aufgabenbereichen von Non-Profit-Organisationen.

Gesellschaftspolitisch betrachtet handelt es sich beim Corporate Citizenship um die freiwillige Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung durch private Unternehmen vor dem Hintergrund wirtschaftspolitisch günstiger Rahmenbedingungen. Die jeweiligen Vorhaben und Projekte sind verknüpft mit unternehmensstrategischen Überlegungen und beziehen sich primär auf die lokalen, regionalen und nationalen Unternehmensstandorte. Bei der Entwicklung, Durchführung und Auswertung von Corporate-Citizenship-Aktivitäten arbeiten Unternehmen mit passenden Non-Profit-Organisationen zusammen. Derartig selbstgewählte Passungen zwischen gewinnorientierten Unternehmen und Non-Profit-Organisationen sind höchst voraussetzungsreiche und anspruchsvolle Kooperationen, die im günstigsten Fall so genannte Win-Win-Situationen konstituieren, d.h. ein Positivsummenspiel mit Gewinnbeteiligung für beide Seiten sein können. Unter günstigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen oder auch zu deren Verbesserung können Corporate Giving und Corporate Volunteering die Handlungsspielräume privatgewerblicher Unternehmen deutlich erweitern. Darüber hinaus werden den beteiligten Non-Profit-Organisationen nennenswerte Geld-, Personal- und Sachressourcen in Aussicht gestellt.

Wenn die skizzierten Grundannahmen des Corporate Citizenship zutreffend sind, es sich also um ein Positivsummenspiel mit Gewinnbeteiligung für Unternehmen und Non-Profit-Organisationen sowie Wohlfahrtsgewinnen für die Bürger handelt, wäre in wirtschaftlich führenden Nationen ein positiver Entwicklungstrend im Bereich Corporate Citizenship zu erwarten. Und in der Tat: Ausgehend von den USA in den späten siebziger Jahren[3] und über Großbritannien hat das Thema in den neunziger Jahren das europäische Festland, dort allen voran die Niederlande und Dänemark, erreicht. Bemerkenswert ist, dass in den genannten Ländern über Corporate Citizenship debattiert wurde, als sie sich in einer wirtschaftlich und sozial grundlegenden Umbruchsituation befanden.[4] Ein gesellschaftliches Problembewusstsein und die Bereitschaft zur Veränderung gepaart mit institutioneller Flexibilität sind - so könnte man unter Verweis auf diese Länder mutmaßen - wichtige Voraussetzungen, damit Gesellschaften das Potenzial von Corporate Citizenship identifizieren und erschließen können.

Die in Europa in Fragen des Corporate Citizenship führenden Länder können mittlerweile auf Unternehmensnetzwerke, Beratungsorganisationen und auch einzelne anwendungsorientierte Forschungs- und Beratungsinstitute verweisen. Als Schlüsselinstitutionen sind "Business in the Community" (Großbritannien), das "Copenhagen Centre" (Dänemark) und "Corporate Social Responsibility Europe/CSR Europe" mit Sitz in Brüssel zu nennen.[5] Besondere Aufmerksamkeit verdient CSR Europe, ein europaweites, maßgeblich durch die Europäische Kommission mitinitiiertes Netzwerk von kommissions- und unternehmenspolitischen Akteuren auf EU-Ebene. Insgesamt lassen sich trotz der relativen Neuheit des Themas in Europa eine erhebliche Dynamik und Ansätze zur Institutionalisierung feststellen.

In Deutschland fand die internationale Debatte über Corporate Citizenship erst relativ spät, d.h. Mitte der neunziger Jahre, erste Resonanz in Fachzirkeln[6] und dehnte sich gegen Ende des Jahrzehnts auf innovative Teile der gesellschaftspolitischen Fachöffentlichkeit aus.[7] Damit stellt sich die Frage, ob es sich beim Corporate Citizenship in Deutschland um eine nachholende gesellschaftliche Modernisierung handelt oder ob sich hier die Konturen einer allenfalls mittelmäßigen nationalen Variante des Corporate Citizenship abzuzeichnen beginnen. Welcher Entwicklungspfad zeichnet sich ab, und welche Gründe lassen sich für die spezifische Entwicklungsdynamik des Corporate Citizenship in Deutschland anführen?

Im Folgenden sollen zunächst Entwicklungslinien der Debatte in Deutschland nachgezeichnet und wichtige Spieler in diesem engagementpolitischen Feld identifiziert werden. Abschließend werden einige ausgewählte Dilemmata des Corporate Citizenship in Deutschland diskutiert und Entwicklungsoptionen aufgezeigt.


Fußnoten

1.
Vgl. André Habisch, Corporate Citizenship. Gesellschaftliches Engagement von Unternehmen in Deutschland, Berlin u.a. 2003; Gerd Mutz/Susanne Korfmacher/Karin Arnold, Corporate Citizenship in Deutschland, Frankfurt/M. 2002; Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" des Deutschen Bundestages (Hrsg.), Bürgerschaftliches Engagement von Unternehmen, Opladen 2003.
2.
Vgl. Renate Schubert/Sabina Littmann-Wernli/Philipp Tingler, Corporate Volunteering. Unternehmen entdecken die Freiwilligenarbeit, Bern u.a. 2002.
3.
Vgl. Holger Backhaus-Maul, Engagementförderung durch Unternehmen in den USA, in: Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" (Anm. 1).
4.
Vgl. Gosta Esping-Andersen, The Three Worlds of Welfare Capitalism, Cambridge 1990; Franz-Xaver Kaufmann, Der deutsche Wohlfahrtsstaat im internationalen Vergleich, Frankfurt/M. 2003; Josef Schmid, Wohlfahrtsstaaten im Vergleich, Opladen 2002.
5.
Vgl. Claudia Bethin/Ann Vandenhende, Corporate Social Responsibility in Europa, in: Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" (Anm. 1).
6.
Vgl. Achim Westebbe/David Logan, Corporate Citizenship. Unternehmen im gesellschaftlichen Dialog, Wiesbaden 1995.
7.
Vgl. Heinz Janning/Heinz Bartjes, Ehrenamt und Wirtschaft. Internationale Beispiele bürgerschaftlichen Engagements der Wirtschaft, Stuttgart 1999.