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1.3.2004 | Von:
Michael Hartmann

Eliten in Deutschland

Rekrutierungswege und Karrierepfade

Die entscheidenden Rekrutierungskriterien

Richtet man den Blick zunächst auf die Wirtschaft als den entscheidenden Bereich - immerhin sind über zwei Drittel der zur Elite zählenden Promovierten in diesem Sektor tätig -, so zeigt sich ganz klar, dass der wichtigste Grund für die wesentlich höhere Erfolgsquote der Bürgerkinder in ihrem klassenspezifischen Habitus zu suchen ist. Wer in die Vorstände und Geschäftsführungen großer Unternehmen gelangen will, der muss nämlich vor allem eines besitzen: habituelle Ähnlichkeit mit den Personen, die dort schon sitzen. Da die Besetzung von Spitzenpositionen in großen Unternehmen von einem sehr kleinen Kreis von Personen entschieden wird und das Verfahren nur wenig formalisiert ist, spielt die Übereinstimmung mit den so genannten "Entscheidern", der "gleiche Stallgeruch", die ausschlaggebende Rolle. Es wird sehr viel weniger nach rationalen Kriterien entschieden, als man gemeinhin vermutet.

Die Bedeutung der "richtigen Chemie" oder des "Bauchgefühls" hängt wesentlich mit dem Bedürfnis zusammen, sich mit Personen zu umgeben, denen man vertrauen kann. Man müsse sich einen Vorstand, so ein interviewter Topmanager, in der Regel als eine "Schicksalsgemeinschaft" vorstellen, die gemeinsam erfolgreich sei oder aber scheitere. Maßgeblich dafür, ob man glaubt, jemandem vertrauen zu können, und damit auch für die Entscheidung, ob diese Person als Vorstandskollege akzeptiert wird, ist letztlich der Habitus der Person.

Der gewünschte Habitus wird in den Chefetagen der deutschen Großunternehmen an vier zentralen Persönlichkeitsmerkmalen festgemacht. Man sollte eine intime Kenntnis der Dress- und Benimmcodes aufweisen, weil dies aus Sicht der Entscheider anzeigt, ob der Kandidat die geschriebenen und vor allem die ungeschriebenen Regeln und Gesetze in den Chefetagen der Wirtschaft kennt und auch zu beherzigen gewillt ist. Eine breite Allgemeinbildung ist erwünscht, weil sie als ein klares Indiz für den berühmten und als unbedingt notwendig erachteten "Blick über den Tellerrand" angesehen wird. Unternehmerisches Denken (inklusive der aus Sicht von Spitzenmanagern damit notwendigerweise verknüpften optimistischen Lebenseinstellung) gilt als zwingend erforderlich, weil es die Voraussetzung für Visionen darstelle. Persönliche Souveränität in Auftreten und Verhalten als wichtigstes Element schließlich zeichnet in den Augen der Verantwortlichen all diejenigen aus, die für Führungsaufgaben dieser Größenordnung geeignet seien.[25]

So nachvollziehbar all diese Begründungen auch sind, letztlich geht es um etwas anderes. Die Entscheider beschreiben mit diesen Merkmalen eigentlich nur den Mann, für den sie sich selbst halten. Der Glaube, selbst der richtige Mann am richtigen Platz zu sein, veranlasst die Topmanager, jemanden mit denselben oder ähnlichen Eigenschaften auszuwählen. Das aber bedeutet letztlich, dass ganz eindeutig Personen bevorzugt werden, die (wie man selbst) aus dem Bürgertum stammen. Sich so in den Vorstandsetagen bewegen, als sei einem das Gelände seit jeher vertraut, können selbstverständlich am besten diejenigen, die in diesem Milieu aufgewachsen sind. Soziale Aufsteiger lassen es fast immer an der erwünschten Selbstverständlichkeit in Auftreten wie Verhalten und damit zugleich an der Bereitschaft mangeln, den offiziellen Kanon und die herrschenden Codes auch einmal gekonnt in Frage zu stellen bzw. sie gegebenenfalls zu durchbrechen. Diese Souveränität, die den spielerischen Umgang mit den gültigen Regeln beinhaltet, macht die entscheidende Differenz aus zwischen denen, die dazu gehören, und denen, die nur dazu gehören möchten.[26]

Die deutlich günstigeren Aufstiegsaussichten, die sich den Promovierten aus der breiten Bevölkerung in den drei anderen Gesellschaftsbereichen bieten, lassen vermuten, dass sich die habituellen Anforderungen wie auch die Auswahlmechanismen dort mehr oder minder deutlich von denen in der Wirtschaft unterscheiden. Das ist auch so. In der Politik gilt immer noch das Prinzip der "Ochsentour". Wer es bis in den Bundestag oder ein Landesministerium schaffen will, der oder die muss ganz unten - im Ortsverein - anfangen.[27] Der "kontinuierliche innerparteiliche Aufstieg, überwiegend begonnen in lokalen Vorstandspositionen, [stellt] eine nahezu unabdingbare Voraussetzung zur Erlangung nationaler Führungspositionen" dar.[28] Die vergleichsweise demokratischen Auswahlprozesse in den großen Volksparteien sorgen dafür, dass - im Unterschied zu bürgerlichen Honoratiorenparteien[29] - die sozial relativ breit gestreute Parteibasis einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Kandidatenaufstellung besitzt. Außerdem müssen Politiker, wollen sie erfolgreich sein, eine gewisse Affinität zu ihrer Wählerklientel aufweisen. All das begünstigt Bewerber, die in ihrem Habitus nicht zu weit von der viel beschworenen Basis entfernt sind. Ein stärker kleinbürgerlicher Habitus ist in der Politik deshalb kein Nachteil, sondern sogar eher ein Vorteil.

In der Justiz sind es in erster Linie die stark formalisierten Besetzungsprozeduren, der vom Beamtentum geprägte Habitus und der Einfluss der Politik auf die Personalentscheidungen in den oberen Ebenen, welche die Karriereaussichten für die promovierten Juristen aus der Arbeiterklasse und den breiten Mittelschichten deutlich günstiger ausfallen lassen als in der Wirtschaft.[30] Ähnliches gilt für die Wissenschaft. Wer auf eine Professur berufen wird, der muss zuvor mehrere stark formalisierte Stufen eines Berufungsverfahrens durchlaufen, in denen trotz der rechtlich abgesicherten Gremienmehrheit der Professoren auch alle anderen Gruppen der Hochschule Einflussmöglichkeiten besitzen. Außerdem sind externe politische Einflüsse nicht zu unterschätzen. Eine einfache "Kooptation" durch wenige Entscheidungsträger wie in der Wirtschaft ist dadurch ausgeschlossen. Das garantiert eine gewisse soziale Öffnung, wie ein Blick auf die klassische Ordinarienuniversität zeigt. Die Auswahlprozeduren, die hier einst durchlaufen werden mussten, hatten eine der Wirtschaft vergleichbare scharfe soziale Auslese zur Folge.[31] Außerdem kommt der für die Wissenschaft charakteristische Habitus der "Wissensorientierung" und "Bildungsbeflissenheit" dem Nachwuchs aus der breiten Bevölkerung erheblich stärker entgegen als der des "souveränen Machers", wie er in den Topetagen der Wirtschaft vorherrscht. Alles in allem gilt die Regel, dass der Zugang zu Elitepositionen sozial umso geschlossener ist, je kleiner der Kreis von Personen, die über die Besetzung entscheiden, und je informeller das Auswahlverfahren.


Fußnoten

25.
Einzelheiten zu diesen Persönlichkeitsmerkmalen in Michael Hartmann, Topmanager. Die Rekrutierung einer Elite, Frankfurt/M. - New York 1996: S. 117ff.; ders., Klassenspezifischer Habitus oder exklusive Bildungstitel als Selektionskriterium? Die Besetzung von Spitzenpositionen in der Wirtschaft, in: Beate Krais (Hrsg.), An der Spitze. Deutsche Eliten im sozialen Wandel, Konstanz 2001, S. 184ff.; ders. (Anm. 3), S. 122ff.
26.
Diesen Sachverhalt hat Pierre Bourdieu in seinen Studien (vor allem in: Die feinen Unterschiede, Frankfurt/M. - New York 1982) am Beispiel Frankreichs ausführlich beschrieben.
27.
Diese Regel bestimmt die Karrieren in den großen Volksparteien CDU/CSU und SPD. In der FDP und bei den Grünen gilt diese Regel aufgrund der anderen Parteistrukturen und der anderen Wählerklientel nur eingeschränkt.
28.
Dietrich Herzog, Der moderne Berufspolitiker. Karrierebedingungen und Funktion in westlichen Demokratien, in: Hans Georg Wehling (Red.), Eliten in der Bundesrepublik, Stuttgart 1990, S. 36. Siehe dazu auch Hilke Rebenstorf, Die politische Klasse. Zur Entstehung und Reproduktion einer Funktionselite. Frankfurt/M. - New York 1995, S. 160ff.
29.
Wie die Parteienlandschaft in Frankreich zeigt, gelten in Honoratiorenparteien andere Regeln, die ähnlich der Wirtschaft Personen mit einem bürgerlichen Habitus begünstigen. Vgl. M. Hartmann (Anm. 3), S. 161ff.
30.
Zu den Auswahlverfahren in der Justiz vgl. Wolfgang Kaupen, Die Hüter von Recht und Ordnung. Neuwied 1969; Elmar Lange/Niklas Luhmann, Juristen - Berufswahl und Karrieren, in: Verwaltungsarchiv, 65 (1974), S. 113 - 162.
31.
Vgl. Hans Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Dritter Band: Von der "Deutschen Doppelrevolution" bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges, München 1995, S. 1219; Ralf Dahrendorf, Gesellschaft und Freiheit, München 1961, S. 185.