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1.3.2004 | Von:
Michael Hartmann

Eliten in Deutschland

Rekrutierungswege und Karrierepfade

Konkurrenz und Verdrängung

So offensichtlich der Zusammenhang zwischen Besetzungsprozessen und der sozialen Öffnung von Elitepositionen ist, er offenbart doch nur die halbe Wahrheit. Die für die Promovierten aus der "Normalbevölkerung" im Vergleich zur Wirtschaft deutlich besseren Aufstiegsmöglichkeiten in der Politik, der Justiz und der Wissenschaft sind nicht allein darauf zurückzuführen, dass die Entscheidungen dort von einem größeren Kreis von Personen und nach stärker formalisierten Regeln getroffen werden; sie hängen auch mit Wahlmöglichkeiten und Prioritäten zusammen.

Die Chancen für den Nachwuchs aus der Arbeiterklasse und aus den breiten Mittelschichten sind immer dann überdurchschnittlich gut, wenn das Interesse der Konkurrenten aus gehobenem Bürgertum und Großbürgertum eher schwach ausfällt. Da es Letztere in erster Linie dorthin zieht, wo die größte Macht und das höchste Einkommen winken - in die Chefetagen der Wirtschaft[32] -, entschärft sich zwangsläufig die Konkurrenzsituation in den anderen Bereichen. Damit eröffnen sich aber allein aufgrund mangelnden Interesses seitens der "Bürgerkinder" für die Promovierten aus den anderen Klassen und Schichten der Gesellschaft Karrieremöglichkeiten, die in den großen Unternehmen nicht existieren.

Besonders gut lässt sich dieser Zusammenhang erkennen, wenn man die Promotionsjahrgänge 1965 und 1975 miteinander vergleicht. Sie bilden, was die beruflichen Perspektiven angeht, die beiden Extrempole. Die Absolventen des Jahrgangs 1965 trafen auf außergewöhnlich günstige Bedingungen, weil nicht nur die Wirtschaft durch ihren Boom Ende der sechziger/Anfang der siebziger Jahre ausgesprochen gute Aufstiegschancen bot, sondern die Ausweitung des öffentlichen Dienstes und vor allem der Ausbau des Hochschulsystems in Justiz und Wissenschaft zeitgleich auch hervorragende Karrieremöglichkeiten eröffneten. Die 1975 Promovierten sahen sich dagegen besonderswidrigen Verhältnissen ausgesetzt. Das Wirtschaftswunder war unwiederbringlich vorbei und die Welle der Besetzung von Professorenstellen an den deutschen Hochschulen im Auslaufen begriffen. Die Zahl der frei werdenden oder gar der neu geschaffenen Toppositionen war dementsprechend niedrig. Einzig die Justiz bildete (zumindest teilweise) eine gewisse Ausnahme.

Der Nachwuchs des gehobenen und vor allem des Großbürgertums hat auf die gravierend veränderte Situation sofort reagiert und versucht, den spürbaren Verlust an Spitzenpositionen in den großen Unternehmen durch einen Wechsel in andere Bereiche zu kompensieren. Während das den Abkömmlingen des Großbürgertums problemlos gelungen ist - sie haben den mit 15 Prozent leichten Rückgang in der Wirtschaft durch starke Zuwächse an den Hochschulen (plus 76 Prozent) und in der Justiz (plus 80 Prozent) sogar mehr als wettmachen können -, waren die Promovierten aus dem gehobenen Bürgertum nicht ganz so erfolgreich. Ihre Einbuße in den Chefetagen fiel mit 26 Prozent nicht nur deutlicher aus, sie haben sie trotz eines Zuwachses um 250 Prozent in der Justiz auch nicht komplett ausgleichen können, weil sie an den Hochschulen mit 26 Prozent genauso stark verloren haben wie in der Wirtschaft.

Verglichen mit dem Rückgang, den die Promovierten aus der Arbeiterklasse und den breiten Mittelschichten hinnehmen mussten, ist das allerdings nicht weiter nennenswert. Letztere haben nicht nur eine von zwei Toppositionen in der Wirtschaft räumen müssen, sondern auch einen fast vierzigprozentigen Einbruch an den Hochschulen zu verzeichnen. Einzig in der Justiz haben sie mit sieben Prozent leicht zulegen können. Insgesamt bleibt aber ein Verlust von knapp 40 Prozent. Während aus der Kohorte der 1965 Promovierten noch mehr als jeder Vierte eine Spitzenposition erreichen konnte - allein jeder Achte in der Wirtschaft und jeder Neunte an den Hochschulen -, trifft das bei den 1975 Promovierten nur noch auf jeden Siebten zu. Bei den Promovierten mit bürgerlichem Familienhintergrund bietet sich ein ganz anderes Bild. Von den Sprösslingen des gehobenen Bürgertums hat trotz eines Verlustes von ca. zehn Prozent immer noch jeder Fünfte eine Spitzenkarriere gemacht, von den Großbürgerkindern dank eines Zuwachses von gut zehn Prozent sogar fast jeder Dritte.

Noch deutlicher zeigen sich die unterschiedlichen Möglichkeiten, die dem Nachwuchs des Bürgertums auf der einen und dem der restlichen Bevölkerung auf der anderen Seite offen stehen, wenn man den Blick ausschließlich auf die Juristen richtet. Sie waren seit der zweiten Hälfte der siebziger Jahre von den verschlechterten Aufstiegschancen in der Wirtschaft besonders stark betroffen; denn sie sahen sich zusätzlich zur allgemeinen Reduzierung der Spitzenpositionen auch noch einem Verdrängungsprozess seitens der Betriebswirte ausgesetzt, die immer mehr der von ihnen traditionell besetzten Toppositionen eroberten, zunächst in der Industrie, dann aber auch in ihrer klassischen Domäne, dem Finanzsektor. Hatten von den Vorstandsmitgliedern der vier führenden Großbanken 1980 noch fast zwei Drittel ein juristisches Examen aufzuweisen, so ist es heutzutage gerade noch ein gutes Viertel.[33] Für die 1975 promovierten Juristen war die Situation also ganz besonders problematisch. Sie versuchten dementsprechend, vor allem in die Justiz auszuweichen, die noch die besten Karriereaussichten bot. Dieser Wechsel gelang allerdings nicht allen gleichermaßen gut. Während die promovierten Juristen, die aus der breiten Bevölkerung stammen, ihre Erfolgsquote nur um knapp 50 Prozent steigern konnten, war der Nachwuchs des Großbürgertums doppelt so erfolgreich. Die Söhne des gehobenen Bürgertums, die vom Rückgang in der Wirtschaft und an den Hochschulen stärker betroffen waren als die Großbürgerkinder, erhöhten ihre Quote sogar auf das Vierfache.[34]


Fußnoten

32.
Während die Promovierten aus dem gehobenen und dem Großbürgertum Spitzenpositionen in der Wirtschaft (einschließlich der hier nicht näher behandelten Verbände) zwei- bis dreimal so häufig bekleiden wie vergleichbare Positionen in Politik, Justiz und Wissenschaft, sind die erfolgreichen Promovierten aus der breiten Bevölkerung mehrheitlich in diesen drei Sektoren zu finden.
33.
Vgl. Michael Hartmann, Juristen - Abschied aus den Vorständen der Großkonzerne, in: Stefan Machura/Stefan Ulbrich (Hrsg.), Recht - Gesellschaft - Kommunikation, Baden-Baden 2003, S. 119f.; vgl. auch ders, Juristen in der Wirtschaft - Eine Elite im Wandel, München 1990.
34.
Vgl. M. Hartmann (Anm. 3), S. 103. Die Kohorte von 1985 bietet im Übrigen ein genau entgegengesetztes Bild. Die Bürgerkinder haben sich dank deutlich verbesserter Karriereaussichten in der Wirtschaft wieder aus der Justiz zurückgezogen. Ihr Anteil hat sich ungefähr doppelt so stark reduziert wie der der Promovierten aus der breiten Bevölkerung.