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1.3.2004 | Von:
Klaus K. Urban

Hochbegabtenförderung und Elitenbildung

Elite und Demokratie

Dass Elite und Demokratie kein Gegensatz sind, lässt sich auch mit Thomas Jefferson zeigen, der dafür plädiert "alle jene Talente zu fördern, die so frei unter den Armen wie unter den Reichen verstreut sind, welche nutzlos untergehen und verkommen, wenn sie nicht gesucht und kultiviert werden"[4].

In der Bundesrepublik wurde die Förderung besonders Begabter lange Zeit mit ungerechtfertigten Privilegien der ohnehin Begünstigten auf Kosten der anderen gleichgesetzt oder als "elitäres" Macht- oder Wunschdenken diffamiert. Der Begriff "Elite" war in der Vergangenheit hochgradig suspekt und wurde geradezu als Gegensatz zur Demokratie betrachtet, nicht aber als deren möglicher und notwendiger Teil. Hier zeigt sich ein typisch deutsches Problem und nicht zuletzt eine Bürde der jüngeren deutschen Geschichte, weil "der furchtbare Missbrauch, den die Diktaturen unserer Zeit damit getrieben haben, uns mit Recht misstrauisch gemacht hat gegen alles, was nach planmäßiger Elitebildung und Aufzucht einer Auslese aussieht, und weil solche Bemühungen auch anderswo meist unheilvolle Ergebnisse zeitigen"[5].

Es gibt aber kein gesellschaftliches System - gleich welcher ideologischen Couleur - ohne Eliten. Böswillig formuliert: Jedes System hat die Eliten, die es verdient! Allerdings sind Eliten, wie sie traditionell aufgrund von Geburt, Macht, Prestige oder Geld entstanden sind - von Thomas Mann sarkastisch auch als "General Dr. von Staat" bezeichnet-, mit Demokratien unvereinbar.

Der frühere Direktor des Berliner Wissenschaftskollegs, Peter Wapnewski, betont zu Recht, dass auch Demokratien Eliten brauchen: Eine Elite, die sich nicht definiert durch angeborene oder angemaßte Privilegien, werde als durchlässige und grundsätzlich jedem offen stehende Gruppe das republikanische Gewissen nicht gefährden, wohl aber den Bestand einer von ihrer Leistung profitierenden Gesellschaft stabilisieren und wohltuend ihre Akzente setzen in der komfortablen, aber auch reizlosen Landschaft einer egalitären Welt.[6]

Die demokratisierte Industriegesellschaft bilde - so Hans Peter Dreitzel - "einen komplizierten Funktionszusammenhang von Wirtschaft und Verwaltung, Technik und Kulturkonsum, in dem die politischen, ökonomischen und kulturellen Bedürfnisse durch eine Fülle von Organisationen und Institutionen befriedigt werden müssen. Hier überall ist ein Spezialistentum entstanden, das allein die fachliche Leistung prämiert"[7]. Die Spitzengruppen seien Leistungseliten, die sich durch ihre je besondere Funktion qualifizierten. So sei die Entwicklung von der bürgerlichen Klassengesellschaft zur demokratischen Industriegesellschaft gleichermaßen durch den Rückgang des Klassenanachronismus und die Vervielfältigung der Eliten gekennzeichnet gewesen. Eliten in Industriedemokratien müssen grundsätzlich durchlässige Gruppen sein, die sich von anderen Teilen der Gesellschaft nicht absondern. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass der Elitebegriff als typisch bürgerlicher Protestbegriff gegen die Aristokratie zunächst die Forderung nach einem offeneren Zugang zu Führungsgruppen in den verschiedensten Bereichen des öffentlichen Lebens beinhaltete.[8]

Es scheint, als hätten die Deutschen inzwischen ein weniger verkrampftes Verhältnis zur Elite. Dies zeigt etwa die Verwendung des Begriffs in den Bereichen Sport ("Elitekicker") und Musik. Nach Gabriele Wölke sollte Leistung nicht einseitig als Produktionsfaktor gewertet werden, sondern als ein Prinzip schöpferischer Entfaltung. Elite wäre dann weniger als gesellschaftliche Klassenkategorie zu verstehen, sondern "vielmehr als Synonym für hervorragende Leistung im Bereich des Geistigen, Wissenschaftlichen, Kulturellen, Politischen und Sozialen"[9].

Das Prinzip der Offenheit von Eliten muss es den Begabten - unabhängig von allen sozialen Rangkriterien - erlauben, in die gesellschaftlichen Machtpositionen aufzusteigen. "Die Förderung von Begabungen und Leistungen besonders in Wissenschaft und Forschung, von Phantasie und schöpferischem Geist muss heute zu den Bestandteilen eines Eliteverständnisses gehören, das durch Massendemokratie und ihre Lebensbedingungen maßgeblich geprägt wird. Da liegen die Möglichkeiten, die es zu nutzen gilt - zum Nutzen aller."[10]

Elite und Demokratie sind also nicht als Gegensätze aufzufassen. Vielmehr besteht ein funktionales, um nicht zu sagen dialektisches Verhältnis zwischen den vielfältigen, im Prinzip offenen Eliten und einer demokratischen Verfassung. Diese gewährt jedem Einzelnen die Chance auf und Unterstützung für eine Qualifizierung und Professionalisierung, durch die wiederum die Eliten bestimmt sind. Daher vermag gerade die Förderung besonderer Begabungen zu einer Verbesserung der demokratischen Funktionen von Eliten beitragen, indem sie zu einer höheren Qualifizierung derjenigen führt, die in verschiedenen Funktionsbereichen schließlich Teile der Eliten bilden. Wenn man die Frage nach der Entstehung von Eliten ernst nimmt, so ist eine weitere Veränderung des öffentlichen Klimas erforderlich: "die Bereitschaft, anderes und Besseres nicht nur zu tolerieren, sondern zu wünschen, die Fähigkeit, Exzellenz gelten zu lassen und anzuerkennen. Das hörtsich leicht an, aber es ist vielleicht das Schwerste"[11].


Fußnoten

4.
Thomas Jefferson, Notes of the State of Virginia, Paris 1782.
5.
Hans Zbinden, Ohnmacht der Eliten, Zürich 1963.
6.
Vgl. Peter Wapnewski, Denkfabrik im Grunewald, in: Die Zeit vom 7. März 1980.
7.
Hans Peter Dreitzel, Elitebegriff und Sozialstruktur, Stuttgart 1962, S. 51.
8.
Vgl. Walter Rüegg, Eliten in der Demokratie - Reform und Repräsentanz, in: Elite. Zukunftsorientierung in der Demokratie, Köln 1982, S. 9 - 28.
9.
Gabriele Wölke, Eliten in der Bundesrepublik Deutschland. Zur Rückkehr eines Begriffs, Köln 1980, S. 51.
10.
Ebd.
11.
Vgl. Hermann Rudolph, Elite. Ein Begriff kehrt wieder, in: Die Zeit vom 30. Mai 1980.