Aufkleber, die auf unterschiedliche Toiletten und Waschräume in einem Einkaufszentrum hinweisen

1.2.2019 | Von:
Paddy Ladd

Die politische Situation von Gebärdensprachgemeinschaften - Essay

Es gibt 70 Millionen Gehörlose[1] auf der Welt, die mithilfe von über 300 Gebärdensprachen kommunizieren. Ihre Gemeinschaften, auch als Sign Language Peoples (SLPs) bezeichnet, kämpfen seit mehr als einem Jahrhundert für die Anerkennung ihres einzigartigen politischen Status. Ihre Mitglieder betrachten sich selbst weder als defizitäre Wesen, wie sie das medizinische Modell von Behinderung definiert,[2] noch als Klienten im Rahmen eines sozialen Modells von Behinderung, das davon ausgeht, dass manche Menschen durch die Gesellschaft behindert werden. Vielmehr verstehen sie ihre Gemeinschaften als kultursprachliche Einheiten[3] und fordern, dass ihre kollektiven Menschenrechte ebenso gesetzlich geschützt werden wie die von Angehörigen anderer Minderheitensprachen und -kulturen.

Gehörlose erfahren Audismus – eine Diskriminierung, die auf der kulturellen Annahme der "Überlegenheit von Sprache und der Repression nicht-phonetischer Kommunikationsformen" basiert.[4] Die besondere Situation der Gehörlosengemeinschaften und ihrer Kulturen findet selten Eingang in den breiten politischen Diskurs, und auch ein großer Teil der bemerkenswerten neueren Forschungsliteratur über Gehörlosengemeinschaften erreicht kein großes Publikum, sodass die Benachteiligungen weitgehend unangefochten bestehen bleiben.

Im Folgenden möchte ich daher eine allgemeine, weniger akademische Einführung in deren komplexe Natur geben. Dabei beziehe ich mich auf das Konzept der Deafhood Theory, das audistische Unterdrückung dekonstruiert, und nehme metapolitische Ebenen sowie die Frage in den Blick, wie kulturelle Einstellungen und Werte sich gesellschaftspolitisch äußern. Diese betrachte ich als "Bewusstseinsebenen", also als Stufen kultureller Erkenntnis über Gehörlose und ihre Gemeinschaften.

Soziopolitischer Hintergrund der Gehörlosenkulturen

Obwohl Gehörlose unter die Kategorie "Behinderte" subsumiert werden, handelt es sich bei SLPs in erster Linie um Sprachgemeinschaften. Die Gebärdensprachen ermöglichen Gehörlosen seit über drei Jahrhunderten, auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene Netzwerke, Clubs und Vereine sowie Schulen aufzubauen, in denen ihre gesellschaftlichen Werte, Geschichten und Kunstformen über Generationen hinweg weitergegeben wurden. Zentrale Sprachmittler waren dabei häufig bis in die achte Generation zurückreichende Gehörlosenfamilien, die in den Gemeinschaften entsprechend verehrt werden.[5]

Von spezifischen kulturellen Anschauungen, Werten und Normen ausgehend, besitzen SLPs eigene Kulturen und sind daher kulturelle Gemeinschaften. Allerdings findet von Generation zu Generation im Vergleich zu anderen Kulturen eine geringe Weitergabe statt, da 95 Prozent der Eltern gehörloser Kinder selbst hören. Daher sind Gehörlosenschulen entscheidende Orte der Sozialisation: Eine zweisprachige, multikulturelle Bildung durch Gehörlosenlehrer bietet ein solides Fundament für die Identitätsentwicklung und den Glauben an sich selbst, sodass die Absolventen befähigt werden, sowohl die zukünftige Lebensqualität ihrer Gemeinschaften zu verbessern als auch vollwertige Bürgerinnen und Bürger der Mehrheitsgesellschaften zu sein.

Von den Anfängen des Gehörlosenunterrichts um 1760 an waren Gebärdensprachen zentrales Medium der Gehörlosenbildung. Viele selbst gehörlose Lehrer gründeten Schulen. Während der Aufklärung und auch im Osmanischen Reich wurden Gebärdensprachen und ihre Träger positiv gesehen, und Gehörlose nahmen an den allgemeinen gesellschaftspolitischen Diskursen teil, in denen sie mit ihrer ganz eigenen Art, zur Erweiterung menschlicher Erkenntnis beizutragen, anerkannt wurden. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts blühten die Gebärdensprachgemeinschaften durch die Gründung von Gehörlosenclubs und -gesellschaften kulturell auf, und immer mehr Gehörlose waren als Fachleute, Künstler oder Politiker erfolgreich.[6]

Doch mit dem Ende des 19. Jahrhunderts führten Szientismus, Rassentheorie und Medikalisierung zur Entwicklung von Tropen wie dem des "Fortschritts", entlang dem Gebärdensprachgemeinschaften wie auch indigene Völker als "rückwärtsgewandt" und "wild" markiert wurden. Die Ideologie des Sozialdarwinismus gebrauchte das Konzept vom "Überleben des Stärkeren", um die Unterdrückung von Minderheiten zu rechtfertigen, und mündete zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die Eugenik. Daraus entwickelte sich das audistisch-medizinische Modell einer Gehörlosenbildung und mit ihm das lautsprachlich orientierte Erziehungsprinzip des sogenannten Oralismus, dessen Vorherrschaft und Einfluss bis heute andauern.

Vertreter des Oralismus definierten diesen Ansatz als eine Philosophie des Sprechens und Hörens.[7] Zwar hatten die Gebärdensprachgemeinschaften selbst bereits die Entwicklung dieser Fähigkeiten als Teil einer zweisprachigen Philosophie der Gehörlosenbildung unterstützt. Doch nun wurde der Oralismus zum einen durch die physische Misshandlung von gehörlosen Kindern – auf dem Rücken oder an der Schulbank festgebundene Hände, Prügel und vieles mehr – und zum anderen durch die Verdrängung von Gehörlosenlehrern durchgesetzt. Es kam zu eugenischen Maßnahmen: Von Eheschließungen unter Gehörlosen wurde abgeraten, Sterilisierungen wurden vorgenommen. Später dienten Hörgeräte dazu, "teilweise gehörlose" Kinder weiter von den Gehörlosengemeinschaften und -kulturen zu trennen. Gehörlosigkeit wurde als "abgeschafft" erklärt.[8]

Vor diesem Hintergrund kann der Oralismus als ein Vorsatz betrachtet werden, alles Gehörlose in gehörlosen Kindern zu löschen, um sie so "normal" wie möglich zu machen, indem ihnen der Zugang zur Gehörlosenkultur, -geschichte und -forschung, zu gebärdensprachlichen Kunstformen und nicht zuletzt zu den Gehörlosengemeinschaften selbst verweigert wird.[9] Dies weist Parallelen zum Umgang mit indigenen Völkern in den USA, Australien und andernorts auf, wo Kinder von ihren Familien und Sippen getrennt und in eine weiße Bildungsumgebung gebracht wurden.

Der Oralismus hat weltweit beträchtlichen Schaden unter Gehörlosen verursacht, sowohl auf individueller als auch auf gemeinschaftlicher Ebene. Generationen von Gehörlosen litten unter akutem Analphabetismus und erkrankten doppelt so häufig an psychischen Störungen wie Hörende.[10] Die Gehörlosenidentität und der Glaube an sich selbst litten in einem solchen Ausmaß, dass Gehörlosenkunst schließlich vollkommen verschwand.[11] Doch die Gebärdensprachgemeinschaften wehrten sich im Laufe des 20. Jahrhunderts und erhielten ihre Organisationen am Leben, um Gehörlose im Anschluss an ihre Schulbildung nachträglich zu unterrichten.

Erst mit den postkolonialen und kulturpolitischen Bewegungen der 1960er-Jahre und deren Kritik am (natur)wissenschaftlichen Materialismus, ihrem Respekt vor Diversität sowie ihrer Neubestimmung der Beziehungen zu Natur und Umwelt begann das Blatt, sich zu wenden. Nachdem Forschungen Gebärdensprachen als authentische Sprachen bestätigten, die also der allgemeinen Definition einer Sprache entsprechen und ein jeweils eigenes grammatisches Regelwerk besitzen,[12] setzte eine "Wiederauferstehung der Gehörlosen" ein. Millionen hörender Menschen weltweit lernten Gebärdensprachen, der Beruf des Gebärdensprachdolmetschers entwickelte sich, und in der Folge verbesserte sich der Zugang Gehörloser zum öffentlichen Leben spürbar.[13] Das Gehörlosenfernsehen etablierte sich, Gehörlosenkunstformen kamen wieder auf, und an den Universitäten entwickelten sich die Deaf Studies. Internationale Organisationen gediehen – allen voran der von den Vereinten Nationen anerkannte Weltverband der Gehörlosen (WFD) mit 133 Mitgliedsstaaten und acht Regionalsekretariaten. Vor allem aber kehrten die zweisprachige Bildung und die Gehörlosenlehrer zurück.

Forschungen bestätigten zunehmend, dass es sich bei Gehörlosenkulturen um authentische Kulturen handelt – dass, wenn Menschen ihre eigenen Sprachen haben, sie daher auch ihre eigenen Kulturen haben.[14] So wurde etwa eine breite Palette von Gehörlosenkulturwerten und -normen für Gehörlosengemeinschaften der USA aufgezeigt.[15] Weitere neue Konzepte wie das der SLPs, von Deafhood und Deaf-Gain entwickelten sich;[16] Letzteres beschreibt, wie Gesellschaften von den visuellen Fähigkeiten und Sprachen Gehörloser profitieren können. Das in dieser Hinsicht offensichtlichste "Geschenk" der Gebärdensprachgemeinschaften sind "Babyzeichen", die Nutzung der Gebärdensprache zur Kommunikation mit hörenden Kleinkindern.

Diese positiven Entwicklungen gerieten jedoch von drei Seiten unter Druck. Eine erste Herausforderung erwuchs aus dem sich verbreitenden sozialen Modell von Behinderung, das Menschen mit Behinderungen als Individuen betrachtet und auf deren gesellschaftliche "Integration" fokussiert ist, ohne jedoch die kollektiven Lebenswege von Gruppen zu beachten. Zwar wurden dadurch gesellschaftliche Zugangsmöglichkeiten für einzelne erwachsene Gehörlose geschaffen. Aber der diesem Modell innewohnende Audismus verhinderte die Anerkennung der kollektiven kulturellen Existenz von SLPs – und damit auch der Notwendigkeit der Aufrechterhaltung von Gehörlosenschulen. So erhielten Oralisten nicht nur Gelegenheit, sich der Zweisprachigkeit zu widersetzen, sondern auch Gehörlosengemeinschaften auseinanderzureißen, indem gehörlose Kinder unter dem Vorwand der "Inklusion" an Regelschulen kamen.

Diese Politik wurde durch eine neue medizinisch-technologische Entwicklung verstärkt: den Cochlea-Implantaten – elektronische Hörprothesen, die Oralisten mit beträchtlichem Medienecho als "Wunderkuren" darstellten,[17] sodass sich der Ruf "Taubheit ist abgeschafft" erneut verbreitete.

Dieser doppelte Druck hatte verheerende Folgen für die Gehörlosengemeinschaften. In Großbritannien etwa wurden inzwischen 81 Prozent der Kinder mit Implantaten versehen und integriert – und die meisten Gehörlosenschulen geschlossen.[18] Es gibt erste Hinweise darauf, dass für Kinder ohne gestärkte Gehörlosenidentität ein höheres Risiko bestehen könnte, psychisch zu erkranken.[19]

Eine dritte Herausforderung erwuchs aus dem Bereich der Gentechnik, die verdeckte Schritte in Richtung einer neuen Eugenik unternahm. Der "wissenschaftliche Fortschritt" legte nahe, dass bald keine gehörlosen Kinder mehr geboren werden und die Gebärdensprachgemeinschaften vollständig verschwinden könnten.

Aufgrund des mangelnden Zugangs zu gesellschaftspolitischen Diskursen entwickelten SLPs neue Strategien zum Schutz ihrer Kinder und Gemeinschaften. Die britische Gehörlosenvereinigung etwa trat für die Gleichstellung ihrer Gebärdensprache mit dem Englischen, dem Walisischen und dem Gälischen ein.[20] Die neu gegründete Europäische Gemeinschaft der Gehörlosen kämpfte anschließend erfolgreich für ihre 1998 erfolgte Anerkennung durch die EU; dies blieb jedoch rein nominell, da die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen von 1992 sowie das Europäische Büro für weniger verbreitete Sprachen die Annahme der Gebärdensprachen verweigerte, weil sie erstens nicht gebietsspezifisch und zweitens keine gesprochenen Sprachen seien. Gleichwohl kämpfen der WFD und zahlreiche nationale Vereinigungen weiterhin für sprachliche, wenn schon nicht kulturelle Menschenrechte.

Fußnoten

1.
Für den englischen Begriff "Deaf communities" wurde vor rund 30 Jahren die Schreibung mit einem großen "D" eingeführt, um diejenigen, die sich zu Gemeinschaften der Gebärdensprachkultur zugehörig fühlen, von den knapp 14 Prozent der Bevölkerung zu unterscheiden, die ihr Hörvermögen im späteren Verlauf ihres Lebens verloren haben.
2.
Vgl. Michael Oliver, The Politics of Disablement, Basingstoke 1990.
3.
Vgl. Paddy Ladd, Was ist Deafhood? Gehörlosenkultur im Aufbruch, Seedorf 2008.
4.
H-Dirksen L. Bauman, Audism: Exploring the Metaphysics of Oppression, in: The Journal of Deaf Studies and Deaf Education 2/2004, S. 239–246, hier S. 244.
5.
Vgl. Harlan Lane/Robert Hoffmeister/Ben Bahan, Journey Into The Deaf-World, San Diego 1996.
6.
Vgl. Harlan Lane, Mit der Seele hören: Die Geschichte der Taubheit, München 1988.
7.
Vgl. Richard Winefield, Never the Twain Shall Meet, Washington, D.C. 1987.
8.
Vgl. Lane (Anm. 6).
9.
Vgl. ders., Die Maske der Barmherzigkeit: Unterdrückung von Sprache und Kultur der Gehörlosengemeinschaft, Hamburg 1994.
10.
Vgl. Reuben Conrad, The Deaf Schoolchild, London 1979; Peter Hindley/Nick Kitson, Mental Health and Deafness, London 2000.
11.
Vgl. Nicholas Mirzoeff, Silent Poetry, Princeton 1995.
12.
Vgl. William Stokoe, Sign Language Structure, Silver Spring 1960; Rachel Sutton-Spenser/Bencie Woll, The Linguistics of British Sign Language, Cambridge 1999.
13.
Vgl. Oliver Sacks, Stumme Stimmen: Reise in die Welt der Gehörlosen, Reinbek 1990.
14.
Vgl. Ladd (Anm. 3).
15.
Vgl. Carol Padden/Tom Humphries, Gehörlose: Eine Kultur bringt sich zur Sprache, Hamburg 1991; Anna Mindess, Reading Between the Signs, Yarmouth 2000; Thomas K. Holcomb, Introduction to American Deaf Culture, Oxford 2013.
16.
Vgl. H-Dirksen L. Bauman/Joseph Murray (Hrsg.), Deaf Gain, Minneapolis 2014.
17.
Vgl. Linda Komesaroff, Surgical Consent: Bioethics and Cochlear Implantation, Washington, D.C. 2007.
18.
Vgl. Paul Simpson, The Education of Deaf Pupils in Mainstream Schools, 29.11.2017, http://www.batod.org.uk/information/the-education-of-deaf-pupils-in-mainstream-schools«.
19.
Vgl. Hindley/Kitson (Anm. 10).
20.
Vgl. Peter Burns, BSL – Britain’s Fourth Language, London 1987.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Paddy Ladd für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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