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2.11.2005 | Von:
Herfried Münkler

Nutzen und Nachteil des amerikanischen Imperiums - Essay

Der Begriff des Imperiums hat in der westlichen Welt einen schlechten Klang. Dass Imperien aber auch eine Ordnungsfunktion in der Staatenwelt besitzen, soll deutlich gemacht werden.

Einleitung

Der Begriff des Imperiums hat in der westlichen Welt einen schlechten Klang. In der Regel werden damit Expansion und Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt assoziiert. Von den friedensstiftenden Leistungen der Imperien ist selten die Rede, was wohl auch damit zu tun hat, dass der imperiale Frieden als einer gilt, der mehr auf Zwang und Unterdrückung denn auf freiwilliger Zustimmung beruht. Die jüngere Literatur über eine friedliche Weltordnung dreht sich ausschließlich um den republikanischen Frieden im Anschluss an Kant, während sich zum imperialen Frieden, wie ihn Dante entworfen hat, kein aktualisierender Bezug findet.

Das hat viele Gründe: Der Untergang der europäischen Kolonialreiche und die Verarbeitung dieses Untergangs als positiv verlaufener Lernprozess dürfte der wichtigste sein. In Deutschland kommen das zweimalige Scheitern einer gewaltsamen Imperienbildung sowie dessen moralische und materielle Kosten hinzu. Und in den USA hat der antiimperiale Gründungsmythos, die Befreiung vom britischen Empire durch einen Unabhängigkeitskrieg, lange dafür gesorgt, dass eine Selbstbeschreibung als Imperium nicht in Frage kam. Imperial - das waren immer die anderen, vor allem die Sowjetunion, bis zu ihrem Zusammenbruch Anfang der neunziger Jahre Inbegriff des Imperiums. Dementsprechend sieht das Bild des Imperiums aus: Eine wesentlich auf militärischer Übermacht beruhende Ordnung, die den Unterworfenen das Recht auf Selbstbestimmung und Mitsprache verweigert.

Das hat sich zuletzt ein wenig geändert, weil eine Reihe amerikanischer Intellektueller und Wissenschaftler zu einer positiv akzentuierten Selbstbezeichnung der USA als Empire übergegangen sind. Dabei haben sie das Bild eines liberalen Imperiums entworfen, nicht nur, weil sie an die friedlichen und zivilisierenden Traditionen einiger Weltreiche, namentlich des Römischen und Britischen, erinnerten, sondern auch, weil die Vorstellung einer Weltordnung ohne die von den USA erbrachten Ordnungsleistungen, also der Übergang von einer uni- zu einer multipolaren Welt, inzwischen nicht mehr nur Behagen, sondern auch Sorge bereitet. Damit war die Debatte über Nutzen und Nachteil imperialer Ordnungen neu eröffnet.[1]


Fußnoten

1.
Vgl. Empire Amerika. Perspektiven einer neuen Weltordnung, hrsg. von Ulrich Speck/Natan Sznaider, München 2003; Sabine Jaberg/Peter Schlotter (Hrsg.), Imperiale Weltordnung - Trend des 21. Jahrhunderts?, Baden-Baden 2005.