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Landesväter und Staatskörper: Präsidenten-Bilder aus Hollywood


25.10.2005
Das Bild, das Hollywood-Filme vom amerikanischen Präsidenten erzeugen, verschwimmt zwischen Heldenverehrung, politischer Inkompetenz und Verschwörungstheorien.

Einleitung



Es ist in etwa so wie bei dem Sprichwort von dem Wald, der vor lauter Bäumen unsichtbar wird: Natürlich herrscht in Kinos, Videotheken und Fernsehsendern alles andere als ein Mangel an US-amerikanischen Spielfilmen - ein Gesamtbild eines Film-Amerikas ist an Hand dieser Filme jedoch kaum zu gewinnen. Die Suche nach "dem USA-Bild", das sich durch zeitgenössische Hollywood-Produktionen vermittele, ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Zu groß war und ist die Masse an Filmen, die mit unterschiedlichen Perspektiven, Schwerpunkten und Interessen ein Land bebildern, das innerhalb der Erzählungen die verschiedensten Rollen spielt: vom Hintergrund für Horrorfilme, Komödien oder Dramen bis hin zur Hauptrolle, indem die Verfassung der Vereinigten Staaten zum Thema wird. Der Marktanteil US-amerikanischer Filme am Verleihumsatz in Deutschland lag in den letzten Jahren bei weit über 70 Prozent, kaum anders verhält es sich mit dem Gesamtmarktanteil in allen 25 EU-Mitgliedstaaten: Wir leben mit einer Fülle von USA-Bildern, sie sind Teil unserer alltäglichen Umwelt - jede systematische Annäherung an sie ist immer schon ein Produkt unserer Auswahl und unserer Perspektive.

Die wohl naheliegendste Möglichkeit, sich mit der Frage der Repräsentation der Vereinigten Staaten zu befassen, besteht darin, sich auf den Repräsentanten, den Präsidenten der USA, zu konzentrieren - so wie der dandyhafte Revolverheld English Bob (Richard Harris), der in Clint Eastwoods Western Erbarmungslos (1992) den Unterschied zwischen dem alten Europa und Amerika - "ein sehr wildes Land, müssen Sie wissen" - an dem beklagenswerten Mangel eines aristokratischen Herrscherhauses festmacht: "Ich denke, dieses Land sollte sich einen König leisten oder noch besser eine Königin anstatt eines Präsidenten. Niemand schießt so leicht auf einen König oder eine Königin - auf Majestäten von königlichem Blut."

Als präsidiale Demokratie "leisten" sich die USA einen Präsidenten, der die Funktion des Staatsoberhaupts und die des Regierungschefs in sich vereint. Diese zentrale Rolle eines einzigen Mannes als Repräsentant und Entscheidungsträger gleichermaßen führt dazu, dass Spielfilme, in denen es um den US-Präsidenten oder die -Präsidentschaft geht, immer zugleich auch das politische System selbst thematisieren. Der Machtinhaber repräsentiert nicht nur "das Land", "die Nation" oder "das amerikanische Volk" (was immer das sein mag), sondern zugleich ein System, das ganz auf ihn ausgerichtet ist. Als ein Körper, in dem Zeichen- und Machtfülle zusammenkommen, setzt die Figur des US-Präsidenten eine Symbolgeschichte Amerikas fort, in der das Land selbst als ganzer Körper begriffen worden ist. Birth of a nation - die Rede von der "Geburt der Nation" - ist als geflügeltes Wort für die Entstehung der Vereinigten Staaten bis heute Teil der US-amerikanischen Legenden- und Geschichtsschreibung. Noch immer wird der 4. Juli 1776 als "Geburtstag der Nation" gefeiert. "Nationale Kulturen", betont der Sozial- und Kulturwissenschaftler Stuart Hall, "werden nicht nur aus kulturellen Institutionen, sondern auch aus Symbolen und Repräsentationen gebildet",[1] und im Falle der USA ist das Körpersymbol von besonderer Bedeutung. Diese Einheits-Metapher, das Bild der US-amerikanischen Nation als zur Welt gekommener Körper, hat der französische Philosoph Jacques Rancière als "Amerikas dominante Fiktion" beschrieben. "The dominant American fiction, the fiction of ,the birth of a nation`, can represent the codes as the result of a history, and replay the conflicts of that history in different ways: whites versus Indians; North versus South; Law versus Outlaw, etc."[2]



Fußnoten

1.
Stuart Hall, Kulturelle Identität und Globalisierung, in: Karl H. Hörning/Rainer Winter (Hrsg.), Widerspenstige Kulturen, Frankfurt/M. 1999, S. 416.
2.
Jacques Rancière, Interview: The Image of Brotherhood, in: Edinburgh Magazine Nr. 2 (History/Production/Memory), 1977, S. 28.