Passanten lesen während der Fahrt in der Londoner U-Bahn

15.3.2019 | Von:
Schlecky Silberstein

Lesen und gelesen werden. Wie Social Media die öffentliche Debatte steuert - Essay

Konsum und Verbreitung von Online-Artikeln

Es gibt eine grundsätzliche Tendenz bei der Verbreitung von Online-Artikeln, die einen starken Einfluss auf gesellschaftliche sowie politische Dynamiken haben. Facebook spielt dabei als größter Nachrichtenmakler der Welt eine zentrale Rolle. 2014 veröffentlichte die "New York Times" versehentlich ein Strategiepapier, auf das Medienhäuser weltweit mit einer Mischung aus Sorge und Panik reagierten:[1] Zwischen 2011 und 2013 sei die Zahl der Leser, die ihre Nachrichten gezielt über die Startseite auf nytimes.com suchten, von 160 Millionen auf 80 Millionen gesunken. Der Rest kam mehr oder weniger zufällig über Empfehlungen auf Facebook. Man mag sagen: Über welchen Weg die Leser zur "New York Times" kommen ist doch egal, bestenfalls gewinnt das Blatt durch Facebook neue Leser. Und zum Teil stimmt das auch. Das Papier teilte aber noch eine andere Beobachtung. Die Art und Weise, wie Nachrichten und Nachrichtenkonsumenten zueinander finden, verändert sich dramatisch, wie eine Umfrage aus dem Jahr 2013 der US-amerikanischen Filiale der Gesellschaft für Konsumforschung ergab: Mehr als 5000 Facebook-Nutzer wurden nach ihrem Nachrichtenkonsum über Facebook befragt. 16 Prozent gaben an, auf Facebook gezielt nach Informationen zu suchen, 78 Prozent sagten, sie stolperten dort lediglich über Nachrichten. Das ist neu. Früher entschied sich der auf Mündigkeit erpichte Bürger aktiv für Nachrichten, indem er sich eine Zeitung kaufte oder rechtzeitig zur "Tagesschau" respektive den "Tagesthemen" den Fernseher einschaltete. Heute scrollen wir durch unseren Facebook-Feed und lassen uns überraschen. Das ist das Spannende an Facebook: Es können Urlaubsbilder eines Bekannten angezeigt werden, lebensverändernde Sinnsprüche oder eben ein Nachrichtenartikel, den einer unserer Facebook-Freunde für teilenswert hält, meist mit einem persönlichen Kommentar versehen, der die Empfehlung unterstreicht. Nicht jede Überschrift führt zum Klick auf den ganzen Artikel, aber im Vorbeiscrollen nistet sie sich in unserem Unterbewusstsein ein. Dagegen können wir gar nichts tun. Auf diese Weise ist Facebook immer mehr zum Mittler zwischen Nachrichtenproduzenten und Nachrichtenkonsumenten geworden. Unterm Strich hat es das Unternehmen damit geschafft, die Regeln vorzugeben, nach denen Artikel ihre Leser finden.

Algorithmen und Angst

Ein Newsfeed ist so etwas wie die Startseite eines sozialen Netzwerks. Hier finden Sie auf einer Art niemals endenden Wand die Postings der Menschen oder Organisationen, die Sie im Laufe ihrer Social-Media-Karriere abonniert haben. Im Falle von Facebook wird dieser Newsfeed streng kuratiert, damit er für Sie relevant bleibt. Entsprechend sehen sie nie die Status-Updates dieses ehemaligen Schulfreundes, dessen Freundschaftsanfrage sie eher aus Höflichkeit angenommen haben. Es sei denn, Sie liken ab und an seine Selfies. Das wäre eine Interaktion und wird von einem Algorithmus als Hinweis darauf identifiziert, dass dieser Kontakt relevant für Sie sein könnte. Ansonsten filtert der Algorithmus die Person früher oder später aus Ihrem Newsfeed heraus, was ihre Relevanz noch weiter sinken lässt.

Die Algorithmen von Facebook haben eine einfache Zielfunktion: Sie sollen die Inhalte, die wir im Newsfeed sehen, so auswählen, dass unsere Interaktionsbereitschaft auf ein Maximum steigt. Aber wann und wie steigt unsere Interaktionsbereitschaft? Gibt es Parameter, die unsere Interaktion begünstigen? Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir die Technologie verlassen und uns der Psychologie widmen. Tatsächlich reagieren wir auf unterschiedliche emotionale Impulse unterschiedlich intensiv. So reagieren wir auf das Gefühl der Angst messbar schneller und intensiver als auf andere Gefühle. Aus gutem Grund: In den vergangenen 2,8 Millionen Jahren hat sich das Gehirn der Gattung Homo zum perfekten Bedrohungssensor entwickelt. Der moderne Mensch vergisst allzu leicht, dass die Menschheit Gesetze und Medikamente erst seit extrem kurzer Zeit kennt. Mehr als 99 Prozent der Geschichte des Homo Sapiens besteht exklusiv aus dem Kampf ums Überleben gegen Tiere, Krankheitserreger, Umwelt und Artgenossen. Wer eine dieser Bedrohungen falsch eingeschätzt oder nicht wahrgenommen hatte, bezahlte in der Regel unmittelbar mit dem Leben. Was unsere Vorfahren gerettet hat, ist die Fähigkeit, Bedrohungen wahrzunehmen, kurz: die Angst. Während die leichtsinnigen Exemplare der Gattung Homo wenig Zeit hatten, ihre Gene weiterzugeben, überlebten die Ängstlichen und prägten über diesen natürlichen Selektionsprozess unseren Charakter und unsere Wahrnehmung. Die Luxus-Emotionen wie Glück, Zufriedenheit und Liebe empfinden wir heute als elementar wichtig, evolutionär gesehen spielen sie praktisch keine Rolle. Unser Körper hat seine wichtigsten Funktionen voll und ganz in den Dienst der Angst gestellt. Noch bevor wir spüren, dass wir Angst haben, passieren viele faszinierende Dinge in unserem Körper gleichzeitig: Zum Beispiel werden unsere Skelettmuskulatur und unsere Bronchien besser durchblutet und unser Sehfeld wird größer.[2]

Angst verleiht uns buchstäblich Superkräfte. Allerdings leben wir heute in einer Zeit, in der Gefahren und Bedrohungen verglichen mit der Jungsteinzeit lächerlich klein wirken – zumindest in westlichen Industrienationen. Die Menschheit hat in den vergangenen 3000 Jahren einen gigantischen zivilisatorischen Kraftakt geleistet, der uns zum einen durch Gesetze und Institutionen voreinander schützt, zum anderen haben technologische und medizinische Entwicklungen zu einem Quantensprung in Sachen Sicherheit und Lebensqualität geführt. Unsere Wahrnehmung und unsere Reflexe sind allerdings nicht die Summe aller Erfahrungen aus dem 20. und 21. Jahrhundert, sondern aller Erfahrungen der vergangenen 2,8 Millionen Jahre und damit nicht immer zeitgemäß. Das gilt zum Beispiel auch für die vom Psychologen Daniel Kahneman besprochene Negativitätsdominanz.[3] Dahinter verbirgt sich die grundsätzliche Tendenz unseres Gehirns, schlechte Nachrichten schneller und intensiver wahrzunehmen als gute Nachrichten. In der Lebensrealität eines Menschen aus der Jungsteinzeit ist dieses Phänomen gerechtfertigt, heutzutage füllt es Therapeuten-Praxen.

Was hat das mit unserem Nachrichtenkonsum zu tun? Die dominante Emotion, auf die wir signifikant schneller und intensiver reagieren, ist die Angst. Man kann auch sagen: Unsere Interaktionswahrscheinlichkeit ist dann am größten, wenn wir uns bedroht fühlen. Oder anders: Wer unsere Interaktionsfreude maximieren möchte, muss uns in eine Lage versetzen, in der wir uns möglichst oft bedroht fühlen. Und damit wären wir bei Interaktionsalgorithmen, die ganz entscheidend dafür sind, welche Nachrichten wir sehen und welche nicht.

Fußnoten

1.
Vgl. Stefan Schulz, Redaktionsschluss: Die Zeit nach der Zeitung, München 2016, S. 220.
2.
Vgl. Hans Morschitzky, Angststörungen: Diagnostik, Erklärungsmodelle, Therapie und Selbsthilfe bei krankhafter Angst, Hamburg 2013, S. 213.
3.
Vgl. Daniel Kahneman, Schnelles Denken, langsames Denken, München 2014.
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Autor: Schlecky Silberstein für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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