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6.10.2005 | Von:
Jan W. van Deth

Kinder und Politik - Essay

Jugend und Kinder

Die Entwicklung der politischen Sozialisationsforschung in den letzten Jahrzehnten war nicht nur von Stagnation und Frustration gekennzeichnet. Es folgte eine Verschiebung der Forschungsinteressen weg von Kindern und hin zur Betrachtung der Einstellungen und des Verhaltens während der Jugend- und frühen Erwachsenenzeit. Auch in Deutschland bilden diese Gruppen heute die wichtigsten Objekte der Sozialisationsforschung. Nach der Vereinigung Deuschlands war eine regelrechte Welle von Studien zu verzeichnen, welche sich unter anderem mit rechtsradikalen Tendenzen, Ausländerfeindlichkeit, Gewalt und Gewaltbereitschaft, Devianz und Delinquenz Jugendlicher, besonders in den ostdeutschen Bundesländern und im Ost-West-Vergleich, beschäftigten.

Die Fokussierung auf Jugendliche und ihre Probleme ist für bestimmte Themen sicherlich berechtigt. Trotzdem kann man sich fragen, ob nicht mit der Vernachlässigung junger Kinder Chancen verschenkt worden sind. Die Welt - auch die Kinderwelt - sieht heute nicht mehr so aus wie vor 30 oder 40 Jahren, und eine erneute Aufmerksamkeit für die politische Sozialisation junger Kinder erscheint dringender denn je.

Erstens zeigen die veränderten physischen (vorgezogene Pubertät), aber auch die psychischen Entwicklungen der Kinder, dass die Kindheit nicht mehr nach den gleichen Mustern wie früher verläuft. Außerdem führen gesellschaftliche Differenzierung und Pluralisierung auch zu einer starken Differenzierung und Pluralisierung von Kindheit, Erziehung und Bildung. Es hat einen "Strukturwandel" oder eine "Entstrukturierung" der Jugendphase stattgefunden oder sogar eine "Liquidation of Childhood". Daher geht politische Sozialisation für Kinder heute mit ganz anderen Lernprozessen einher als noch vor wenigen Jahrzehnten. Mit diesem Wandel hängt ein zweiter Faktor zusammen. In einer Welt, in der Medien und Werbung allgegenwärtig sind, gibt es auch für Kinder kaum noch "Free Spaces", an denen sie sich diesen Einflüssen entziehen können. Politische Sozialisation junger Kinder findet deshalb in einem ganz anderen gesellschaftlichen und politischen Umfeld statt, als es die Forscher in den sechziger Jahren antrafen. Insbesondere lassen sich die medialen und kommerziellen Einflüsse auf die Kinder nicht mehr vernachlässigen. Ein dritter Faktor betrifft die Position der Familie als dominante Sozialisationsinstanz. Die zweifellos herausragende Bedeutung familiärer Einflüsse ist zwar auch schon in der Vergangenheit kritisch betrachtet worden, aber inzwischen wachsen immer mehr Kinder in "Patch-Work"-Familien und damit unter erheblich veränderten Bedingungen auf. Die primäre Welt vieler Kinder hat sich gravierend verändert. Allerdings ist nicht klar, welche Sozialisationsinstanzen auf Kosten der Familie an Bedeutung gewonnen haben.

Aufsehen erregende Publikationen wie die von Judith Harris sprechen sowohl der Familie als auch der Schule den Anspruch auf eine dominante Position ab. Es wird festgestellt, dass stattdessen "Peer Groups" eine maßgebliche Rolle spielen. Für die politische Sozialisation junger Kinder bedeutet das, dass mehrere Sozialisationsinstanzen das relativ einfache Modell der familiären Dominanz ersetzt haben.

Die drei erwähnten Faktoren unterstreichen die Notwendigkeit, die politische Sozialisation junger Kinder neu zu überdenken. Neben sozialwissenschaftlichen und sozialisationstheoretischen Überlegungen für diese Erneuerung ist auch auf klare gesellschaftliche und politische Veränderungen hinzuweisen. Frühere Studien beschäftigten sich mit Kindern, weil man diese als zukünftige Bürgerinnen und Bürger betrachtete, welche die zukünftige Gesellschaft demokratisch gestalten sollten und somit ihre Interessen erst in der Zukunft zu vertreten hatten. Kinder können aber auch als junge Bürger der derzeitigen Gesellschaft mit klaren Interessen an derzeitiger Beteiligung betrachtet werden. Mit anderen Worten: Kinder sind keine "kleinen Bürger in Ausbildung", sondern vollwertige Mitglieder der Gesellschaft. Dementsprechend fordert die UNO-Kinderrechtskonvention die Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen. Ein derartiges Recht wird unter anderem auch von der Europäischen Union, dem Land Schleswig-Holstein oder der Stadt Aalen gefordert. Initiativen wie die "Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen" bemühen sich um das Wahlrecht für Kinder und Jugendliche. Somit bilden demokratische Einstellungen und politisches Verhalten von Kindern eigenständige Aspekte der demokratischen Gesellschaft. Deren Betrachtung erfordert weder entwicklungspsychologische noch demokratietheoretische Begründungen.