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6.10.2005 | Von:
Jan W. van Deth

Kinder und Politik - Essay

Kinder und Demokratie

Wie sollten denn bitte gute Bürger aussehen? Eine gute Bürgerin oder ein guter Bürger ist sicherlich auch jemand, der oder die bereits in der Kindheit ernst genommen worden ist und über das demokratische Recht auf Mitbestimmung verfügt. Die Ergebnisse neuerer Forschungsprojekte bestätigen, dass junge Kinder sehr wohl in der Lage sind, sich sinnvoll mit politischen Themen zu beschäftigen. So stellen Marina Berton und Julia Schäfer auf Grund umfangreicher Interviews mit sechsjährigen Kindern fest, dass Kinder "... grundsätzlich über ein gewisses politisches (Vor)verständnis, Grundorientierungen und Wissen verfügen. Sie können mit politischen Inhalten umgehen, sind politisch involviert und interessiert."[2]

Inwieweit diese Einstellungen auch später den guten Bürger kennzeichnen werden, ist fraglich. Klar ist, dass politische Einstellungen bereits bei jungen Kindern vorhanden sind und viele Kinder schon beim Eintritt in die Grundschule politische Themen und Objekte zuordnen können. Die Frage, wie und wann diese offensichtlich früh vorhandenen politischen Kenntnisse, Fähigkeiten und Kompetenzen sich wandeln, stellt nach wie vor eine der wichtigsten Herausforderungen der politischen Sozialisationsforschung dar. Insbesondere ist dabei auch eine Verknüpfung mit den Ergebnissen der Jugendforschung von großer Bedeutung. Das häufig präsentierte Bild von politisch und gesellschaftlich eher distanzierten Jugendlichen lässt sich nicht ohne weiteres mit dem durchaus positiven Bild der Einstellungen junger Kinder verbinden. Somit sind nicht nur die Lernprozesse während der Adoleszenz für die politische Sozialisation der Bürgerinnen und Bürger relevant, sondern darüber hinaus auch das, was zwischen den frühen und späteren Phasen der Kindheit passiert.

Letztendlich ist eine Demokratie nur dann lebensfähig, wenn sie von informierten und engagierten Bürgerinnen und Bürgern mitgestaltet wird. Allerdings sollte man hier nicht die übertriebenen Zielsetzungen einiger politischer Bildungs- und Erziehungsprojekte zum Maßstab nehmen, sondern sich an den demokratischen Einstellungen und dem politischen Verhalten der Bürgerinnen und Bürger in der heutigen Gesellschaft orientieren. Insbesondere für die politische Sozialisation gilt die alte Redensart: "Man kann seine Kinder noch so gut erziehen, sie machen einem doch alles nach."


Fußnoten

2.
Marina Berton/Julia Schäfer, Politische Orientierungen von Grundschulkindern, Mannheim 2005. Arbeitspapier 86 des Mannheimer Zentrums für Europäische Sozialforschung, online unter: www.mzes.uni-mannheim.de/fs_publikationen_d.html.