Die Woodrow Wilson Memorial Sphere im Garten des Völkerbundpalastes in Genf

5.4.2019 | Von:
Susanne Brandt

"Schmach" und "Schande". Parlamentsdebatten zum Versailler Vertrag

Als der französische Staatspräsident Raymond Poincaré am 18. Januar 1919 die Pariser Friedenskonferenz eröffnete, erinnerte er in seiner Rede daran, dass an genau diesem Tag 1871 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles das Deutsche Kaiserreich ausgerufen worden war, das gleich als Erstes zwei französische Provinzen geraubt hatte. Das Reich sei schlecht von seinen Ursprüngen her und trage aufgrund des Fehlers seiner Gründer den Keim des Todes in sich. Im Unrecht geboren, sei es nun in Schande untergegangen.[1] Zwar begann die Pariser Friedenskonferenz nicht absichtlich an genau diesem Tag, sondern weil die italienischen Delegierten sich verspätet hatten,[2] doch bot das Datum die Gelegenheit, die nicht anwesenden Deutschen anzuklagen und zu demütigen. Von der Schuld des Deutschen Reiches am Krieg überzeugt, weigerten sich die Vertreter der Siegerstaaten, mündlich mit den Deutschen zu verhandeln. Diese Überzeugung sowie die Auffassung, dass der Kaiser und auch einige deutsche Soldaten als Kriegsverbrecher angeklagt werden müssten, bildeten das schmale und zerbrechliche Band, das die Siegermächte trotz aller Interessengegensätze zusammenhielt.

Auf diesen Auftakt folgten weitere Demütigungen: Sowohl bei der Anreise zur Übergabe des Vertrages als auch zu seiner Unterzeichnung wurden die deutschen Vertreter im Schritttempo mit dem Zug durch die zerstörten Gebiete Frankreichs gefahren. "Wir sollten auf die Büßerrolle gedrillt werden", erinnerte sich der sozialdemokratische Journalist Victor Schiff 1929. "[W]ir alle [waren] besonders nach dem damaligen Stand der Geschichtsforschung noch aufrichtig davon überzeugt, daß die größere Verantwortung am Kriegsausbruch bei der Gegenseite liege."[3] Der Anblick schockierte die Delegationsmitglieder: die verbrannte, vergaste und verdorrte Landschaft, vor allem aber die zerlumpten deutschen Kriegsgefangenen, die entlang der Eisenbahngleise in der Roten Zone Metallreste, Schutt und nichtexplodierte Munition sammelten. Zur Unterzeichnung des Friedensvertrages am 28. Juni 1919, die im Spiegelsaal von Versailles stattfand, begrüßte der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau auch fünf schwerversehrte französische Veteranen, die mit ihren entstellten Gesichtern als Zeugen, Kläger und Richter der Krieges zugleich die deutschen Delegierten beschämen sollten.[4]

Vor diesem Hintergrund und angesichts der harten Bestimmungen des Versailler Vertrages – das Deutsche Reich musste zahlreiche Gebiete und all seine Kolonien abtreten, sein Heer auf 100.000 Mann beschränken, durfte keine schwere Artillerie, Panzer, Luftwaffe oder U-Boot-Flotte mehr unterhalten und sah umfangreichen Reparationen entgegen – sowie insbesondere des Artikels 231, der die alleinige deutsche Kriegsschuld und die Anklage von Kriegsverbrechern festschrieb, wurden in der Diskussion über den Versailler Vertrag in Deutschland "Schmach" und "Schande" zu zentralen Begriffen. Das spiegeln auch die Debatten in der Nationalversammlung beziehungsweise im Reichstag der Weimarer Republik wider.

Fußnoten

1.
Vgl. Le Figaro, 19.1.1919.
2.
Vgl. Maurice Hankey, Notizen zum Treffen des Obersten Kriegsrates vom 13.1.1919, in: Arthur S. Link et al. (Hrsg.), The Papers of Woodrow Wilson, Bd. 54, Princeton 1986, S. 43–50, hier S. 49.
3.
Victor Schiff, So war es in Versailles …, Berlin 1929, S. 28. Siehe auch Walter Simons an seine Frau, 30.4.1919, in: Alma Luckau, The German Delegation at the Paris Peace Conference, New York 1971, S. 116.
4.
Vgl. Stéphane Audoin-Rouzeau, Die Delegation der "gueules cassées" in Versailles am 28. Juni 1919, in: Gerd Krumeich (Hrsg.), Versailles 1919. Ziele – Wirkung – Wahrnehmung, Essen 2001, S. 208–287, hier S. 287.
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Autor: Susanne Brandt für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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