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12.4.2019 | Von:
Andreas Voßkuhle

Der Bildungsauftrag des Grundgesetzes

Bildung als individuelle Chance

Nach dieser Betrachtung der rechtlichen und historischen Grundlagen von Erwachsenenbildung in Deutschland ist nun der Blick auf die Gegenwart und – so viel Mut muss sein – die Zukunft zu richten. Welche Chancen bietet Bildung heute?

1987 hat das Bundesverfassungsgericht festgestellt:[27] "Unter den Bedingungen fortwährenden und sich beschleunigenden technischen und sozialen Wandels wird lebenslanges Lernen zur Voraussetzung individueller Selbstbehauptung und gesellschaftlicher Anpassungsfähigkeit im Wechsel der Verhältnisse."

Dem Wandel der Zeit sind wir alle unterworfen. Am deutlichsten vielleicht im beruflichen Alltag, wenn sich technologischer Fortschritt unmittelbar und ganz konkret in den eigenen Arbeitsabläufen und -umständen niederschlägt. Laptop, Tablet und Internet gehörten jedenfalls in meiner – nun auch schon etwas länger zurückliegenden – Ausbildungszeit noch nicht in den juristischen Werkzeugkasten des – mehr oder weniger – fleißigen Studenten. Dem technischen und sozialen Wandel nicht ausgeliefert zu sein, sondern ihn selbstbestimmt und souverän mitzugestalten, das ist auch Teil des Bildungsauftrags des Grundgesetzes, anders ausgedrückt: Bildung ist eine Chance! Die Ermöglichung individueller Selbstbehauptung und gesellschaftlicher Anpassungsfähigkeit im Wechsel der Verhältnisse sind daher auch das Anliegen der jeweiligen Weiterbildungsgesetze der Länder. Was in deren Rechtssprache als allgemeine Bildung, berufliche, politische und kulturelle Weiterbildung noch abstrakt daherkommt, übersetzen die Volkshochschulen ins Konkrete, in die Lebenswirklichkeit aller Bürgerinnen und Bürger: mehr Bildungsgerechtigkeit, Befähigung zur interkulturellen Verständigung, Förderung des Fachkräftepotenzials. Es ist nicht zu hoch gegriffen, Bildung damit zugleich als Zukunftsvoraussetzung Deutschlands zu begreifen.

"Bildung als Chance" betrifft nicht zuletzt die komplexe Frage der Integration von Migranten und Flüchtlingen. Das geflügelte Wort von "Sprache als Schlüssel der Integration" ist berechtigt und wird von der Erwachsenenbildung durch zahllose Deutschkurse in tägliche Integrationsleistung umgesetzt. Zu Recht steht hier übrigens nicht allein Sprachkompetenz im Fokus: Bildungsträger vor Ort vermitteln kulturelle, rechtliche und geschichtliche Grundlagen, die das in Freiheit und Gleichheit verfasste Zusammenleben in Deutschland erst ermöglichen. Solche Orientierungskurse in "Staatsbürgerkunde" – wenn man es etwas altertümlich umschreibt – stehen richtigerweise neben den reinen Sprachkursen. Stellvertretend für die deutsche Justiz möchte ich selbstkritisch anmerken: Vielleicht ist da noch Luft nach oben. Sind nicht gerade auch Richter und Staatsanwälte im persönlichen Engagement gefragt, in diesen und ähnlichen Veranstaltungen unsere rechtsstaatlichen und demokratischen Überzeugungen anschaulich zu vermitteln?[28]

Wissen ist durch das Internet mittlerweile umfassend und frei verfügbar, und doch ist das Interesse an "analoger" Weiterbildung in Volkshochschulkursen ungebrochen hoch. Wichtige Gründe hierfür liegen sicher in der kommunalen Verankerung vor Ort, wo die Volkshochschule präsent und allgemein bekannt ist. Und das übrigens im ländlichen Raum wie in Großstädten.[29] Auch das Bildungsangebot für Menschen jeden Alters – mit speziellen Angeboten für Kinder und ältere Menschen – spielt eine Rolle. Vor allem aber scheint mir, dass die Anonymität und Virtualität des World Wide Web nicht die gleiche Bildungschance bieten wie das unmittelbare Lernen mit und von anderen. Einrichtungen wie die Volkshochschulen sind auch im digitalen Zeitalter notwendig, um Wissen und Fertigkeiten zu strukturieren, zugänglich zu machen und in die Gesellschaft zu transmittieren. Ihre Funktion ist nicht die eines Gatekeepers und Wächters des immensen Wissensschatzes – sie sind Türöffner und Lotsen.

Bildung als Voraussetzung der Demokratie

Der Bildungsauftrag des Grundgesetzes ist vielschichtig und anspruchsvoll. Zum Ende dieser Tour d’Horizon will ich daher kurz auf die Bedeutung der Bildung für das Gemeinwesen und die Demokratie insgesamt eingehen.

Der ebenfalls viele Jahre in der Erwachsenenbildung engagierte Wiener Staatsrechtslehrer Hans Kelsen,[30] einer der größten Rechtstheoretiker des 20. Jahrhunderts, proklamierte schon 1929 in seinem demokratietheoretischen Hauptwerk: "Die Erziehung zur Demokratie wird eine der praktischen Herausforderungen der Demokratie selbst"[31] – Erziehung aber nicht mit der Gebärde der "Umerziehung" oder des paternalistischen Besserwissens. Bildung verlangt, zwischen den Formen der politischen Demokratie und dem tatsächlichen Bewusstseinsstand der Bevölkerung zu vermitteln.[32] Der Bildungsauftrag des Grundgesetzes ist damit aus demokratischer Notwendigkeit heraus umfassend. Denn die Wahrnehmung von Grundrechten und die Funktionsfähigkeit des demokratischen Systems hängen von Bildungsvoraussetzungen ab, die nicht selbstverständlich gegeben sind, sondern geschaffen und erhalten werden müssen.[33] Der Erziehungsauftrag der Schulen im freiheitlichen Verfassungsstaat ist das eine,[34] die Erwachsenenbildung ist das andere. Ihr gemeinsames Anliegen besteht darin, den Weg zum Mitbürger aufzuzeigen.[35]

Im 70. Jahr unter dem Grundgesetz erscheint es heute so wichtig wie nie, die Bedeutung der politischen Bildung zu betonen. Die Verlagerung der politischen Diskussion aus dem Alltag – Arbeitsplatz, Sport, Freundes- und Familienkreis – in die digitalen Netzwerke ist eine Herausforderung.[36] Es muss daher jederzeit deutlich gemacht werden, dass es in der politischen Bildung nicht um die Pflege von Gesinnungen, sondern um die Entwicklung von politischer Urteilskraft geht: Entscheidend ist das Einüben der Unterscheidung von Fakten und Wertungen.[37] So formuliert denn auch der sogenannte Beutelsbacher Konsens von 1976 als seither gültige Grundprinzipien jeglicher, insbesondere aber politischer Bildung: erstens das Überwältigungsverbot, das heißt keine Indoktrination; zweitens das Gebot der Beachtung kontroverser Positionen in Wissenschaft und Politik; und drittens das Prinzip der Schülerorientierung, also der Befähigung der Schüler, in politischen Situationen ihre eigenen Interessen zu analysieren.

Eine komplexer werdende Welt braucht aufgeklärte Bürger. Aufgeklärte Bürger sind neugierig. Das ist das Staatsbürgerideal des Grundgesetzes. Dieser selbstbestimmte, zur kritischen Reflexion fähige, neugierige Bürger des Grundgesetzes steht der modernen Welt nicht hilflos gegenüber. Wenn wir dieses Jahr 100 Jahre Volkshochschule feiern, ehren wir genau diesen Geist. Die Idee der Volkshochschule steht für eine Einrichtung, für die Bildung nicht mit dem Schulabschluss beendet ist und die Neugier stillen will. Mit anderen Worten, ein Ort des Dialogs und der Offenheit für Neues – auch für ältere Generationen.

Ein solcher Ort ist unersetzlicher Teil unserer demokratischen Verfassungsordnung. Schulen und Hochschulen, Akademien, Zentralen für politische Bildung, kirchliche, gewerkschaftliche sowie parteinahe Bildungsinstitute oder eben Volkshochschulen, sie alle können mit unterschiedlicher Akzentsetzung so ein Ort sein. Insbesondere die Volkshochschulen begegnen dem neugierigen Bürger dort, wo er lebt. Sie sind damit institutioneller Ausdruck eines Gesellschaftsbilds, das von unten nach oben aufgebaut ist, einer Gesellschaft, die den Einzelnen und seine Einbettung in soziale Strukturen ernst nimmt.[38] Es sind gerade die vor Ort präsenten kommunalen Bildungsnetzwerke, die Bürgerinnen und Bürger unabhängig von Herkunft, Alter und sozialem Status zusammenbringen.[39] Sie öffnen Türen für Bildungschancen und erlauben einen kritischen und informierten Blick auf die Welt.

Die Funktion der Erwachsenenbildung ist die "Aufklärung ohne Phrasen"[40]. Der Festakt "100 Jahre Volkshochschule in Deutschland" gibt Gelegenheit, daran zu erinnern – gerade an einem historisch so aufgeladenen Ort wie der Frankfurter Paulskirche. Nehmen wir diesen Bildungsauftrag in gemeinsamer Verantwortung an! Das Grundgesetz haben wir dabei auf unserer Seite!

Ich danke meinem wissenschaftlichen Mitarbeiter Thomas Jacob für seine wertvolle Unterstützung.

Fußnoten

27.
BVerfGE 77, 308 (333).
28.
Vgl. bereits Andreas Voßkuhle, Rechtsstaat und Demokratie, in: Neue Juristische Wochenschrift 43/2018, S. 3154–3159, hier S. 3158.
29.
Siehe zur Verankerung im urbanen Raum Rolf Sprink, Politische Bildung in der Volkshochschule, in: Klemm (Anm. 13), S. 75–94; zum ländlichen Raum siehe Ulrich Klemm, Politische Erwachsenenbildung im ländlichen Raum, in: ders. (Anm. 13), S. 95–111.
30.
Vgl. hierzu Tamara Ehs, Hans Kelsen und politische Bildung im modernen Staat, Wien 2007.
31.
Hans Kelsen, Vom Wesen und Wert der Demokratie, Tübingen 1929 (1920), S. 91.
32.
Vgl. Adorno (Anm. 2).
33.
Siehe Gerhard Robbers, in: v. Mangoldt/Klein/Starck, Kommentar zum Grundgesetz: GG, Bd. 1, München 20187, Art. 7, Rn. 6.
34.
Hierzu umfassend Armin Dittmann, Erziehungsmaßstab der Schule im freiheitlichen Verfassungsstaat, Vereinigung der Deutschen Staatsrechtslehrer, VVDStRL 54/1995, S. 47ff.
35.
Vgl. Fritz Borinski, Der Weg zum Mitbürger. Die politische Aufgabe der freien Erwachsenenbildung in Deutschland, Düsseldorf-Köln 1954.
36.
Siehe Andreas Voßkuhle, Demokratie und Populismus, in: Der Staat 1/2018, S. 119–134, hier S. 124.
37.
Vgl. hier und im Folgenden Bernhard Sutor, Politische Bildung im Streit um die "intellektuelle Gründung" der Bundesrepublik Deutschland, APuZ 45/2002, S. 17–27, hier S. 24f.
38.
Vgl. Voßkuhle (Anm. 11), S. 41–48, S. 47.
39.
Zum politischen Bildungsauftrag der Volkshochschulen vgl. Michael Lesky/Mareike Schams/Steffen Wachter, Demokratie braucht Volkshochschule, in: Klemm (Anm. 13), S. 112–124.
40.
Vgl. Adorno (Anm. 2).
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Andreas Voßkuhle für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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