Eine mit nuklearen Sprengköpfen bestückbare US-Interkontinentalrakete vom Typ LGM-30 Minuteman bei einem Test in Kalifornien, 03.05.2019.

26.4.2019 | Von:
Bernd Greiner

Einstein und die neun Zwerge. Historisches zum INF-Vertrag - Essay

"Welch triste Epoche, in der es leichter ist, ein Atom zu zertrümmern als ein Vorurteil", bemerkte Albert Einstein mit Blick auf den Kalten Krieg im Allgemeinen und den Unwillen zur Abrüstung nuklearer Superwaffen im Besonderen. Bis zum Abschluss des INF-Vertrages im Dezember 1987 gab es keinen Anlass zur Relativierung dieses Satzes. Selbst in den Jahren der Entspannungspolitik nicht, als man sich allenfalls auf kosmetische Korrekturen, auf Obergrenzen bei dem einen oder anderen Waffensystem, nicht aber auf nachhaltige Einschnitte hatte verständigen können. Erst der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow und der US-Präsident Ronald Reagan wagten das schier Unmögliche und vereinbarten die vollständige Verschrottung einer jahrelang für unverzichtbar deklarierten Generation von Massenvernichtungswaffen – der in Europa stationierten Mittelstreckenraketen mit einer Reichweite von 500 bis 5500 Kilometern.

Die Rekonstruktion dieser unwahrscheinlichen Geschichte hat viel zum Verständnis der Spätphase des Kalten Krieges beigetragen. Eine Frage indes kommt immer noch zu kurz: Warum ließ der Durchbruch gut 40 Jahre auf sich warten? Einfache Antworten wird es nicht geben, aber eine Beobachtung drängt sich allemal auf: dass die Beziehungen der Atommächte jahrzehntelang durch Misstrauen an der Wurzel vergiftet waren, und dass Abrüstung ohne Vertrauen nicht zu haben ist.

Doch woher das Misstrauen rührte und weshalb es sich schier unverwüstlich behaupten konnte, daran scheiden sich die Geister. Feindbilder? Fehlwahrnehmungen? Erfahrungen mit Krieg und Gewalt? Unvereinbare Interessen? Konkurrenz um Macht und Einfluss? Zweifellos spielten derlei Faktoren eine eminente Rolle, einzeln und in mannigfacher Überlappung erst recht. Dennoch fehlt Entscheidendes in dieser Aufzählung – der Katalysator nämlich, der aus diversen Zutaten ein toxisches Gebräu macht. Seit dem 6. August 1945, als Hiroshima buchstäblich mit einem Schlag ausradiert wurde, ist ein markanter Brandbeschleuniger aus der Geschichte der internationalen Beziehungen nicht mehr wegzudenken: Gemeint sind Nuklearwaffen in allen Größen, Variationen und Stückzahlen, verteilt auf Lafetten, Flugzeuge, Raketen und alsbald vermutlich auch auf Raumstationen.

Waffen werden entwickelt und gehortet, weil man einander nicht traut, also muss zuerst das Misstrauen aus der Welt, wenden sogenannte Realisten gegen den vermeintlich idealistischen Appell zu umfassender Abrüstung ein. Ihre These lässt sich mit Fug und Recht umdrehen: Sobald Waffenarsenale, die nuklearen zumal, abgerüstet werden, versiegt eine Urquelle des Misstrauens. Oder: Wer die materielle Substanz nicht anrührt, wird auf Dauer auch kein Vertrauen stiften können. Nichts illustriert diese These besser als ein Blick auf die Dynamik des Wettrüstens vor 1987.

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