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10.5.2005 | Von:
Rainer Brunner

Zwischen Laizismus und Scharia: Muslime in Europa

Die kontroverse Debatte unter europäischen Muslimen über muslimische Identität in säkularer Umgebung reicht von der Übernahme des Laizismus bis zum Versuch, islamisches Recht neu zu interpretieren.

Einleitung

Die dauerhafte Präsenz von Muslimen in Westeuropa ist ein relativ junges Phänomen. War die erste Generation von Migrantinnen und Migranten vor einigen Jahrzehnten noch im Gefolge des Zusammenbruchs der Kolonialreiche oder als so genannte Gastarbeiter gekommen, so hat sich das Bild heute grundlegend gewandelt. Neben einer wachsenden Zahl von europäischen Neumuslimen sind es vor allem die Nachkommen in der dritten oder gar vierten Generation, die dazu beigetragen haben. Die Vorstellung, der Aufenthalt von Muslimen sei nur temporärer Natur, ist mithin obsolet.




Es ist daher nur konsequent, dass im Zuge dessen in den vergangenen Jahren auch auf Seiten der Muslime eine intensive Debatte über muslimische Identität im Westen in Gang gekommen ist. Dabei handelt es sich um eine Diskussion ohne geschichtliches Vorbild, denn für das klassische islamische Recht stellte sich die Frage nicht. Es war nicht vorgesehen, dass Muslime auf Dauer in einem nichtmuslimischen Land lebten; im Falle einer Eroberung muslimischen Territoriums durch Nichtmuslime hatten die Muslime, jedenfalls nach mehrheitlicher Meinung muslimischer Juristen, in den Herrschaftsbereich des Islams auszuwandern.[1]

Dass eine solche Vorstellung keine Diskussionsgrundlage für das 21. Jahrhundert mehr sein kann, steht außer Frage. Es geht in der Debatte daher auch weniger um die Frage, ob es für Muslime möglich ist, in Europa zu leben. Zwar existieren Splittergruppen und Extremisten, die das - häufig selbst hier lebend - kategorisch verneinen und vollständige Abschottung predigen.[2] Aber diese können, ungeachtet ihres eigenen Anspruchs, nicht als repräsentativ für die muslimische Gemeinde als Ganzes gelten. Für die große Mehrheit stellt sich vielmehr die Frage, wie es möglich ist, als europäische Muslime zu leben - und nicht als Muslime, die sich mehr oder minder zufällig in Europa aufhalten.

Das Problem wird dadurch zusätzlich kompliziert, dass es in der Hauptsache nicht um christlich-muslimische Beziehungen geht. Religion ist in Europa weitgehend säkularisiert und privatisiert, öffentliche Manifestationen erschöpfen sich zumeist im Symbolischen. Wie also kann eine stärker religiös definierte Weltsicht mit einer säkularen Umgebung in Übereinstimmung gebracht werden? Für zahllose Missverständnisse in der wechselseitigen Wahrnehmung spielt dieser Umstand eine wichtige Rolle. Kontroversen wie die, ob Muslimen das Schächten gestattet werden dürfe oder ob muslimische Lehrerinnen oder Schülerinnen das Kopftuch tragen dürfen, wurden in etlichen europäischen Ländern vor Gericht ausgetragen und sind nach wie vor in der Öffentlichkeit stark umstritten.[3]


Fußnoten

1.
Vgl. Fritz Meier, Über die umstrittene Pflicht des Muslims, bei nichtmuslimischer Besetzung seines Landes auszuwandern, in: Der Islam, 68 (1991), S. 65 - 86; allg. zum Islam im Westen: Yvonne Yazbek-Haddad/I. Qurqmaz, Muslims in the West: a Select Bibliography, in: Islam and Christian-Muslim Relations, 11 (2000), S. 5 - 49; Ursula Spuler-Stegemann, Muslime in Deutschland. Informationen und Klärungen, Freiburg i. Br. 2002; Brigitte Maréchal u.a. (Hrsg.), Muslims in the Enlarged Europe. Religion and Society, Leiden 2003.
2.
Vgl. Dominique Thomas, Le Londonistan. La voix du djihad, Paris 2003; Werner Schiffauer, Die Gottesmänner. Türkische Islamisten in Deutschland, Frankfurt/M. 2000.
3.
Zum Kopftuchstreit in Deutschland vgl. Jens Jetzkowitz, Ein Symbol vor Gericht. Das Bundesverfassungsgericht entscheidet im Fall "Lehrerin mit Kopftuch", in: www.spirita.de/ftp/f03-jetzkowitz.pdf; W. Shahid/P.S. van Koningsveld, Muslim Dress in Europe: Debates on the Headscarf, in: Journal of Islamic Studies, 16 (2005), S. 35 - 61; zum historischen Hintergrund vgl. Barbara Freyer-Stowasser, The Hijab. How a Curtain Became an Institution and a Cultural Symbol, in: A. Afsaruddin/A.H. Mathias Zahniser (Hrsg.), Humanism, Culture, and Language in the Near East. Studies in Honor of Georg Krotkoff, Winona Lake 1997, S. 87 - 104.