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10.5.2005 | Von:
Rainer Brunner

Zwischen Laizismus und Scharia: Muslime in Europa

Etablierung von Autorität

An diesen wenigen Beispielen wird deutlich, wie groß die Spannweite der Meinungen europäischer Muslime zum Verhältnis zwischen dem Ideal islamischer Religion und der Lebenswirklichkeit in säkularisierter Umgebung ist. Bencheikhs Plädoyer für eine Übernahme des Laizismus ist sicherlich die Ausnahme - die umso bemerkenswerter ist, als sie aus der Feder eines Muftis stammt. Sehr viel häufiger ist das Bemühen, vermeintliche oder eindeutige Prinzipien des Islams so zu definieren, dass sie mit dem Leben in der säkularen Gesellschaft kompatibel werden. Ramadans Kritik an den Überliefererketten der Musikgegner macht einerseits Musikhören überhaupt möglich. Andererseits vermag er damit an einem Werkzeug traditioneller islamischer Rechtsfindung festzuhalten.[40]

Dahinter scheint aber noch etwas anderes auf. Fast alle Stellungnahmen muslimischer Intellektueller, Gelehrter und Organisationen zum Thema Islam in Europa sind gleichzeitig auch eine Positionierung im Ringen um theologische und juristische Autorität. Das trifft auf den Mufti von Marseille und den Schweizer Intellektuellen ebenso zu wie auf die deutsche Dachorganisation. Der Islam wird oft beschrieben als Religion, bei der der Gläubige ohne Priester oder Kirche unmittelbar vor Gott stehe, und je nach Standpunkt des Betrachters ist das positiv oder negativ gemeint. Eine solche Charakterisierung ist allerdings unscharf, denn ohne Kontrolleure, die die Einhaltung der Normativität überwachen, ist selbstverständlich auch der Islam nicht ausgekommen. Es ist daher wohl zutreffender, von einer Proliferation von Autorität zusprechen.

In den islamischen Kernländern haben sich in einem langen und unabgeschlossenen Prozess Autoritäten herausgebildet, deren Urteile weithin als maßgeblich anerkannt werden. Beispiele dafür sind etwa die sunnitische Azhar-Universität in Kairo oder die schiitischen Religionsgelehrten in Qom (Iran) oder Nadschaf (Irak). In Europa steht diese Entwicklung erst am Anfang. Die Institutionalisierung ist noch nicht weit fortgeschritten, und der Europäische Fatwa-Rat oder der unlängst in London gegründete International Council of Muslim Clerics[41] sind noch längst nicht allgemein anerkannt.

Entsprechend groß ist die Konkurrenz, und wenn Tariq Ramadan in seinem jüngsten Buch der Entwicklung eines Minderheitenrechts eine deutliche Absage erteilt und sich dabei sogar vorsichtig von Yusuf al-Qaradawi distanziert,[42] dann ist das sicherlich auch in diesem Zusammenhang zu sehen.

Hinzu kommt, dass im Internetzeitalter die Gläubigen mehr denn je einer Vielzahl von miteinander konkurrierenden Autoritäten ausgesetzt sind. Elektronische Fatwas sowie Weblogs und Chatrooms werden auf die weitere Entwicklung muslimischer Identität in einer säkularen Umgebung tief greifende und gegenwärtig noch unabsehbare Auswirkungen haben. Im weltweiten "religiösen Supermarkt" ist auch der Islam dabei, sich in Europa (neu) zu definieren.


Fußnoten

40.
Vgl. T. Ramadan, Dâr ash-shahâda (Anm. 35), S. 24ff., zu den von ihm identifizierten Hauptformen muslimischer Auseinandersetzung mit dem Westen; Vertreter der von ihm favorisierten Richtung des "Salafi Reformism" sind u.a. al-Banna, Maududi und Qutb; als Ziel des von ihm in Anführungszeichen gesetzten "Liberal' or Rational' Reformism" definiert er "the integration/assimilation of Muslims".
41.
Auch bei dessen Gründung wirkte Qaradawi mit; vgl. Stephen Stalinsky, Sheikh Yousef Al-Qaradhawi in London to Establish "The International Council of Muslim Clerics", in: MEMRI, Special Report no. 30 (8.7. 2004), in: www.memri.org/bin/articles.cgi? Page = archives&Area = sr&ID = SR3004.
42.
Vgl. T. Ramadan (Anm. 35), S. 6, 53.