Der „Schwarze Montag“ in Polen am 3. Oktober 2016. Tausende polnische Frauen treten in den Streik, um gegen eine weitere Verschärfung des ohnehin restriktiven Abtreibungsstrafrechts zu protestieren.

10.5.2019 | Von:
Daniel Hornuff

Lebensschutzdebatte im Zeitalter der Digitalisierung. Über Schwangerschaft als Gestaltungsprojekt

Mediale Vergegenwärtigung

Aktuell entfalten solche Überlegungen neue Brisanz. Schließlich wurden die wesentlichen kultur-, körper-, medien- und sozialwissenschaftlichen Beobachtungen zur allgemeinen Ästhetisierung der Schwangerschaftsphase historisch vor dem Aufkommen der Sozialen Medien formuliert. Dies ist insofern nicht unerheblich, als vor allem bildzentrierte Plattformen im Grunde jeder und jedem die Möglichkeit bieten, nahezu sämtliche Dimensionen der Schwangerschaft und ihre einzelnen Stadien öffentlich – und das heißt: prinzipiell weltweit einsehbar – in Szene zu setzen. Eine Schwangerschaft lässt sich also zumindest potenziell mit allen anderen Menschen teilen und somit zu einer kollektiven kommunikativen Praxis ausweiten. Man könnte sogar davon sprechen, dass sich in den Sozialen Medien nun tatsächlich und massenkompatibel vollzieht, was Duden bereits 2002 als "‚fötale Umgebung‘" beschrieb,[10] als eine technologie-visuelle, mediale Allgegenwart des Pränatalen.

Insbesondere das zum Bild gewordene Ungeborene erlebt auf Plattformen wie Instagram, Tumblr und Flickr unter Hashtags wie #babyscan oder #ultraschall eine bislang ungeahnte Öffentlichkeitskarriere. Millionen Menschen posten Sonogramme, die sie entweder von ärztlichen Ultraschalluntersuchungen mitbringen oder von rein kommerziell arbeitenden Ultraschallstudios erhalten, die teilweise selbst in den Sozialen Netzwerken präsent sind.[11] Solche Studios bieten werdenden Eltern – lange vor Entwicklung eines privathäuslichen "Baby-Scans" – ohne jeglichen medizindiagnostischen Auftrag scheinbare Einblicke in den Uterus. In einer Kultur, in der das Sichtbare zumeist auch als das Beweisbare und damit hinlänglich Identifizierbare ausgelegt wird, bedienen solche Angebote das Bedürfnis nach einem möglichst frühzeitigen "Bonding" mit dem kommenden Kind.

Das Kommende soll bereits pränatal in Sichtbarkeit überführt werden, da diese – technologisch hergestellte und damit künstlich konstruierte – Sichtbarkeit ein Gefühl sozialer Gegenwärtigkeit stiftet. Die Bilder vom Ungeborenen dienen somit einmal mehr der Vergewisserung, es im Bauch der Frau mit einer anthropologisch-wesenhaften Tatsache zu tun haben. Gefeiert werden im Anschluss an solche Termine sogenannte Fötus-Partys, die sich vor allem in den USA steigender Beliebtheit erfreuen: Wie um einen postmodernen Gral versammeln sich Familie und Freunde um die ersten Bilder vom Ungeborenen – was bedeutet, dass gerade nicht der Körper an sich bestaunt wird, sondern dessen bildhaftes Zeichen.

Der Fötus im Netz

Vor diesem Hintergrund ist es nur ein kleiner (medialer) Schritt, diese solcherart visuell und sozial adoptierten Ungeborenen nun auch in die Sozialen Netzwerke einzuspeisen. Dort fungieren sie schließlich als ihre eigenen Ausweismarken, was unter anderem dadurch unterstrichen wird, dass die begleitenden Texte zumeist auch den Namen des "Kindes" nennen, ja diesen – ergänzend zur Nennung des Geschlechts – erstmalig-feierlich öffentlich bekanntgeben.

Da religiöse Glaubensdimensionen in diesem Fall keine oder allenfalls untergeordnete Rollen spielen dürften, ließen sich solche Formen der Namensgebung als profaniert-mediale Taufakte interpretieren: Indem das Bild vom eigenen Ungeborenen mit dem ihm zugedachten Namen belegt wird, findet der präsentierte Körper zugleich Eingang in die Gemeinschaft all jener, die sich als bereits zugehörig zu dieser und jener Plattform erwiesen haben. Das digital child wird paradoxerweise bereits vorgeburtlich geboren, sodass auf Ebenen der medialen Repräsentation und sozialen Eingliederung die Grenze zwischen Prä- und Postnatalität aufweicht: "Children’s social media presence often begins before birth as parents share ultrasounds images to announce the imminent arrival of a baby, and the joys of early childhood are often shared on Facebook, Instagram, Flickr and elsewhere."[12]

Bild- und medienethisch – und womöglich auch aus juristischer Perspektive – betrachtet, stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage nach dem Recht am eigenen Bild: Wem gehören Bilder, die "jemanden" zu zeigen scheinen, der möglicherweise – je nach Ausgestaltung der Fristenregelung – zwar schon als eigenständiges Rechtssubjekt gilt und trotzdem noch nicht geboren wurde? Die abertausenden Sonogramme auf Instagram fungieren im besten Sinne als Vor-Bilder: Sie gehen den Körpern voraus, sodass die Bilder als ästhetische Objekte auf jene Körper gewissermaßen "warten", die auf ihnen selbst gezeigt werden. So kann es passieren, dass man als heutiger frischgeborener Mensch auf seine eigene Bildkarriere in den Sozialen Medien stößt – und man somit bereits Bestandteil eines global agierenden Kommunikationsnetzwerkes geworden ist. Die eigene Geburt bedeutet demnach, Bildern jene physische Entsprechung nachzureichen, die in der bildlichen Darstellung behauptet wird.

Wo dereinst Bilder unter dem Verdacht standen, die Wirklichkeit immer nur unvollständig oder gar bewusst verfälschend wiederzugeben, wird heute von Körpern erwartet, den Vorgaben der Bilder zu entsprechen. Die weitere Entwicklung dieser Trends scheint vorgezeichnet – zumindest wenn es nach Auffassung einer thematisch prägnanten Illustration geht, die die Kulturwissenschaftlerin Deborah Lupton in ihrem Buch zur sozialen Funktion ungeborener Körper schildert: "This trend was lampooned by a cartoon in the New Yorker magazine appearing in December 2012, which showed a pregnant woman undergoing an ultrasound in a medical setting. The foetal ultrasound image on the screen was accompanied by the options to share it on Facebook, Twitter or YouTube."[13]

Fußnoten

10.
Barbara Duden, Die Gene im Kopf – der Fötus im Bauch. Historisches zum Frauenkörper, Hannover 2002, S. 91.
11.
Siehe als Beispiel https://twitter.com/windowtothewomb«.
12.
Sean McBlain/Jill Dunn/Ian Luke, Contemporary Childhood, London 2017, S. 171.
13.
Deborah Lupton, The Social Worlds of the Unborn, London 2013, S. 42.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Daniel Hornuff für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.