Auf einem Modell mit Spielzeugautos ist ein Polizeiauto in einer Rettungsgasse zu sehen.

17.5.2019 | Von:
Nadine Rossol

Polizei- als Erziehungsarbeit? Zu einem zentralen Motiv deutscher Polizeiarbeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Heute begegnen wir Polizist/innen hauptsächlich in ihrer Funktion als Ordnungshüter/innen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zog sich jedoch die Erwartung, dass Polizeiarbeit auch Erziehungsarbeit sein sollte, wie ein roter Faden durch die deutschen politischen Systeme. So betonte wenige Wochen nach der Verabschiedung der Weimarer Verfassung die "Preußische Schutzmanns-Zeitung" 1919, der Beruf des Polizisten umfasse "die vielen Eigenschaften, die auch das Erzieherische nicht entbehren".[1] Kurze Zeit nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 war in der "Preußischen Polizeibeamten-Zeitung" zu lesen, der Polizist diene in "seiner dienstlichen Funktion als Erzieher des Volkes".[2] Und 1955 schrieb die westdeutsche Zeitung "Die Polizei" hoffungsvoll, dass "die Zivilisierung des öffentlichen Lebens durch den vorbildlichen Polizeibeamten vorangetrieben" werde, und führte aus: "Dem Erziehungsgedanken wird ein hoher Dienst erwiesen, wenn auch das Publikum durch das Verhalten des Polizeibeamten erfährt, wie auch auf der Straße jeder den anderen in seinem menschlichen Anspruch zu respektieren hat."[3]

Diese Auswahl zeigt, wie verschieden die Erziehungsvorstellungen waren. Die Vorbildfunktion der Polizei und ihre Verankerung im jeweiligen politischen System zählten ebenso dazu wie die tatsächliche Polizeiarbeit, die pädagogisch und manchmal disziplinierend wirken sollte. Natürlich wurden auch Informationen zur Verbrechens- und Gefahrenabwehr an die Bevölkerung vermittelt, wobei die Kategorien "Verbrechen", "Verbrecher" und "Gefahr" von 1918 bis in die 1950er Jahre sehr unterschiedlich definiert wurden. Daher erlaubt der Begriff "Erziehung" einen Zugriff auf die Erwartungen, Handlungsspielräume, Interpretationen und Interaktionen zwischen Polizei und Bevölkerung, die in Demokratien wie in Diktaturen von entscheidender Bedeutung waren, um politische Konzepte durchzusetzen. Besonders kristallisiert sich dies auf dem polizeilichen Wirkungsfeld der Verkehrskontrolle heraus, das im Folgenden jeweils als Beispiel betrachtet wird.

Weimarer Republik: Vom Schutzmann zum "Freund und Helfer"

Die Polizei der Weimarer Republik stand von Beginn an vor großen Herausforderungen. Die Revolution im November 1918 und die schwierigen Anfangsjahre der jungen Demokratie stellten den Glauben an die Fähigkeit der Polizei als Sicherheits- und Ordnungsorgan auf eine harte Probe. Das Kriegsende bedeutete, dass noch sehr viele Waffen im Umlauf waren, sodass nichtstaatliche Sicherheitsorganisationen zum Teil über mehr Waffen verfügten als die Polizei.[4] So tummelten sich in der Gesellschaft bis in die frühen 1920er Jahre verschiedene Organisationen auf dem eigentlichen Hoheitsgebiet der Polizei, darunter Einwohnerwehren, revolutionäre Sicherheitswehren, reaktionäre Freikorps und private Bürgerwehren. Sogar die Regierung schuf kurzerhand eine neue militarisierte und kasernierte Polizeitruppe, die sogenannte Sicherheitspolizei, bis Beschwerden der Alliierten zu ihrer Auflösung führten.[5]

Die Polizei musste also glaubhaft versichern, dass sie die geeignete Organisation war, die bei Gefahr und Unsicherheit angesprochen werden sollte. Damit war die Erziehungsarbeit der Bevölkerung zunächst auch eine Kommunikationsaufgabe. Im Juni 1921 entstand die Beratungsstelle zum Schutz gegen Einbruch und Diebstahl bei der Berliner Polizei, und ab 1925 fanden sich entsprechende Stellen in den meisten deutschen Großstädten. Die Resonanz der polizeilichen Beratungsstellen hing deutlich vom (Un-)Sicherheitsgefühl der Bevölkerung ab, denn mit sinkender Kriminalitätsrate Mitte der 1920er Jahre nahm auch die Zahl der Ratsuchenden ab. Allerdings erweiterten die polizeilichen Beratungsstellen ihr Angebot und boten Informationen zur Betrugsverhütung sowie zur Vermeidung anderer Gefahren an.[6]

Das Ziel der eigenen Arbeit formulierte die Fachzeitung "Die Polizei" im Mai 1929 unter dem Titel "Die Polizei als Erzieher des Volkes" im staatsbürgerlichen Sinne als Erziehung zu Bürgertugenden, durch die ein friedliches Miteinander gewährleistet werden sollte, und betonte, dass dies nicht durch abschreckende Maßnahmen, sondern durch Überzeugungsarbeit erreicht werden sollte.[7] Bis dahin war es allerdings ein weiter Weg.

Zunächst brauchte die Polizei der Weimarer Republik ein neues Image, das sie klar vom Bild des Schutzmanns aus der Kaiserzeit abgrenzen sollte. Im besten Fall hatten die Intellektuellen des Kaiserreichs über den sprichwörtlich gewordenen preußischen Schutzmann mit Pickelhaube gespottet.[8] Tatsächlich war die Polizei im kaiserlichen Deutschland aber kein Scherz gewesen und die Beamten angehalten, die Klassengesellschaft der Zeit aufrechtzuerhalten und wenn nötig hart gegen die Arbeiterschicht vorzugehen. Dies galt vor allem während der Geltungsdauer des Sozialistengesetzes von 1878 bis 1890, aber auch in der Zeit danach wurden häufig Kleinigkeiten als potenzielle Angriffe auf den Staat interpretiert und entsprechend hart reagiert.

Damit galt es in der Weimarer Republik aufzuräumen, um zu zeigen, dass die neue Polizei allen Bürger/innen verpflichtet war, ohne Klassen- oder Standesunterschiede zu machen – eine Vorstellung, die die Zeitung "Die Polizei" bereits 1919 als Handlungsanweisung formulierte: "Ein Polizeibeamter soll bekanntlich ein Freund, Helfer und Berater sein. Er soll das Vertrauen der Bevölkerung genießen und der Mann sein, an den man sich in der Not wendet. (…) Wenn er den richtigen Ton finden und sich das Vertrauen aller erhalten will, muss er alles Schroffe von sich abstreifen und in beinah väterlicher Weise auf die Leiden und Nöte seiner Volksgenossen eingehen."[9] Nur so konnte die Polizei die Bevölkerung überzeugen, mit polizeilichen Stellen zusammenzuarbeiten.

Im Herbst 1926 wurde die Große Polizeiausstellung in Berlin eröffnet, die erste große Imagekampagne der Polizei der neuen demokratischen Republik. Geplant wurde die Ausstellung unter Federführung des Preußischen Innenministeriums mit dem hoch gesteckten Ziel, die Polizei in ihrer vielfältigen Tätigkeit der Öffentlichkeit näherzubringen. Die Ausstellungsmacher wollten eine bürgernahe, kompetente, freundliche und hilfsbereite Polizei zeigen. Knapp 500.000 Menschen besuchten die Ausstellung, deren umfangreiches Rahmenprogramm Polizeikonzerte, Detektivfilme, Vorführungen mit Motorrädern sowie Veranstaltungen mit Polizeihunden und Polizeipferden umfasste.[10] Auch andere Städte versuchten mit Ausstellungen und Veranstaltungen in den 1920er Jahren, ein positives Bild der Polizei zu vermitteln.[11] Die Düsseldorfer Polizei etwa präsentierte 1930 einen eigens hergestellten Film mit dem programmatischen Titel "Dienst am Volk".[12]

Ein Gebiet, auf dem die Polizei sich in diesem Sinne besonders bemühte, war der verkehrspolizeiliche Bereich. Dieses häufig als trivial angesehene Aufgabenfeld war für die Polizei der 1920er Jahre enorm herausfordernd, denn es verband Modernität, technologischen Fortschritt und Erziehung. Der rasch ansteigende Verkehr, die fehlende Einheitlichkeit von Straßenverkehrsregeln und das ungeschulte Verhalten der Bevölkerung machten die Regelung von Verkehrsfragen besonders dringlich.[13] Zugleich wollte die Polizei nicht den Anschein erwecken, dem technologischen Fortschritt entgegenzuwirken oder gar "verkehrsfeindlich" zu sein. So erinnerte das Preußische Innenministerium seine Polizisten daran, dass die Überwachung des Verkehrs freundlich und erzieherisch stattzufinden habe und nicht kleinlich oder strafend.[14]

Dies war nicht immer einfach, denn die Polizei merkte schnell, dass Bürger sich nicht nur falsch verhielten, weil sie es nicht besser wussten, sondern weil sie keine Lust hatten, Regeln zu befolgen. Der Chef der Dortmunder Schutzpolizei folgerte daraus, dass sich Erwachsene nur schwer an neue Umstände anpassen könnten, und verlangte eine Intensivierung der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.[15] Polizeimajor Seyffahrt der Berliner Verkehrspolizei beschrieb die Idee einer Verkehrsgemeinschaft, die die Pflichten aller betonte, so: "Die Polizei braucht jeden einzelnen, jeden Fußgänger, Radfahrer, Kutscher und Kraftfahrer und vor allem jeden Schüler und jede Schülerin, wenn der Verkehr vernünftig geregelt und Unfälle verhütet werden sollen." Er schlussfolgerte, dass bei erfolgreicher Arbeit Deutschland kein Land der Polizei mehr wäre, "weil jeder auf sich selbst acht gibt und jedermann sein eigener Schupo ist."[16]

Die neue Rolle als Freund, Helfer und Erzieher wurde der Polizei jedoch nicht von allen abgenommen. Schlechte Erfahrungen mit der Polizei des Kaiserreichs saßen tief, und auch die Polizisten der Weimarer Republik gingen mitunter brutal gegen Demonstranten, besonders der politischen Linken, vor.[17] Die Polizei wusste um diese Probleme. Fachzeitungen betonten, dass die Bevölkerung noch nicht daran gewöhnt sei, die Polizei als hilfsbereiten Ansprechpartner zu sehen, ignorierten zugleich aber polizeiliche Fehler, die diese Vertrauensbildung erschwerten.[18]

Fußnoten

1.
Mit dem Volk und für das Volk!, in: Preußische Schutzmanns-Zeitung, 6.9.1919.
2.
Die objektive und subjektive Einstellung des Polizeibeamten, in: Preußische Polizeibeamten-Zeitung, 24.6.1933.
3.
Pädagogische Betrachtung polizeilicher Aufgaben, in: Die Polizei 11–12/1955.
4.
Vgl. Benjamin Ziemann, War Experience in Rural Germany 1914–1923, Oxford 2007, S. 228; Klaus Weinhauer, Protest, kollektive Gewalt und Polizei in Hamburg zwischen Versammlungsdemokratie und staatlicher Sicherheit 1890–1933, in: Friedrich Legner (Hrsg.), Kollektive Gewalt in der Stadt. Europa 1890–1933, München 2013, S. 75–78; Dirk Schumann, Politische Gewalt in der Weimarer Republik 1918–1933, Essen 2001.
5.
Vgl. Nadine Rossol, Incapable of Securing Order? The Prussian Police and the German Revolution 1918/19, in: Klaus Weinhauer et al. (Hrsg.), Germany 1916–1923. A Revolution in Context, Bielefeld 2015, S. 63–67; Johannes Buder, Die Reorganisation der preußischen Polizei 1918–1923, Frankfurt/M. 1968.
6.
Vgl. Patrick Wagner, Volksgemeinschaft ohne Verbrecher. Konzeption und Praxis der Kriminalpolizei in der Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus, Hamburg 1996, S. 107f.
7.
Die Studierstube: Die Polizei als Erzieher des Volkes, in: Die Polizei, 5.5.1929.
8.
Vgl. etwa Alfred Kerr, Wo liegt Berlin? Briefe aus der Reichshauptstadt 1895–1900, Berlin 1998, S. 195.
9.
Zur Reform der Polizei, in: Die Polizei, 31.7.1919.
10.
Vgl. Nadine Rossol, Die deutsche Polizei im Wandel der Gesellschaften und politischen Systeme, in: Detlef Lehnert (Hrsg.), "Das deutsche Volk und die Politik". Hugo Preuß und der Streit um "Sonderwege", Berlin 2017, S. 251–276, hier S. 256ff. Für einen zeitgenössischen Überblick vgl. Wilhelm Abegg, Aufbau und Gliederung der Grossen Polizeiausstellung, Berlin 1926.
11.
Vgl. z.B. Eröffnung der Polizeiausstellung in Danzig, in: Vossische Zeitung, 11.7.1924; Preußen auf der Karlsruher Polizeiausstellung, in: Vossische Zeitung, 16.6.1925; Polizei und Bürger. Zur Ausstellung im Frankfurter Polizeipräsidium, in: Frankfurter Zeitung, 28.11.1926.
12.
Carsten Dams, Vom "Dienst am Volk" zum "Tag der Deutschen Polizei." Öffentlichkeitsarbeit und Selbstinszenierung der Düsseldorfer Polizei in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus, in: ders. et al. (Hrsg.), Dienst am Volk? Düsseldorfer Polizisten zwischen Demokratie und Diktatur, Frankfurt/M. 2007, S. 147–151.
13.
Vgl. Dietmar Fack, Automobil, Verkehr und Erziehung. Motorisierung und Sozialisation zwischen Beschleunigung und Anpassung 1885–1945, Opladen 2000.
14.
Vgl. RdErl. MdI, 17.6.1926, in: Ministerial-Blatt der Preußischen inneren Verwaltung, 23.6.1926.
15.
Vgl. Zur Frage der Verkehrsbeschulung der Jugend, in: Die Polizei, 5.12.1927.
16.
Welches Interesse hat die Polizei an der freundlichen Mitarbeit des Publikums bei der Verkehrsunfallverhütung und insbesondere an der Verkehrserziehung der Jugend?, in: Verkehrswarte 12/1932, S. 183.
17.
Vgl. Thomas Lindenberger, Vom Säbelhieb zum "sanften" Weg? Lektüre physischer Gewalt zwischen Bürgern und Polizisten im 20. Jahrhundert, in: Werkstatt Geschichte 35/2003, S. 7–22; Richard Bessel, Policing, Professionalisation and Politics in Weimar Germany, in: Clive Emsley/Barbara Weinberger (Hrsg.), Policing Western Europe, Westport 1991, S. 178–218.
18.
Vgl. etwa Polizei und Publikum, in: Die Polizeipraxis, 1.6.1926; Die Schutzpolizei und die öffentliche Meinung, in: Die Polizei, 5.3.1924; Volkspolizei und Polizeivolk, in: Der Preußische Polizeibeamte, 30.3.1929; Polizeistaat und Rechtsstaat, in: Die Polizeipraxis, 15.10.1927.
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Autor: Nadine Rossol für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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