Auf einem Modell mit Spielzeugautos ist ein Polizeiauto in einer Rettungsgasse zu sehen.

17.5.2019 | Von:
Georg Seeßlen

Cops, Bullen, Flics, Piedipiatti. Polizist*innen in der populären Kultur - Essay

Die Guten, die Bösen und die dazwischen

Der Mythos zeigt den Polizisten als letzten wahren Anarchisten oder wenigstens Individualisten, während auf der anderen Seite der "schäbige" Privatdetektiv durch den nicht weniger "schäbigen" Polizisten Konkurrenz erhält. Dirty Harry mag immerhin noch korrekt gekleidet sein, Gene Hackman als "Popeye" Doyle in "The French Connection" (1971) ist auch das nicht mehr, genau wie Schimanski und einige seiner Nachfolger auf den Dresscode pfeifen. Diese Cops sind echte "Loser", aber sie bewahren in all dem Dreck und Versagen eine hartnäckige Würde. Gene Hackman und Roy Scheider gingen in der Vorbereitung für "The French Connection" mit den realen Vorbildern auf Streife und waren durchaus schockiert von Gewalt und Rassismus. Der Regisseur William Friedkin meinte: "Es gibt eine dünne Linie zwischen dem Polizisten und dem Verbrecher, die die Cops jeden Tag übertreten." So lässt sich der Polizeifilm als Genre nicht nur als heroische Überhöhung, als Versöhnung und als indirektes Gesellschaftsbild ansehen, sondern auch als kritischer Eingriff. Die Grenzen von Gewalt, Korruption, Anarchie und Paranoia werden nicht bloß beständig angepasst, immer wieder wird auch ihre Einhaltung eingefordert. Einen exemplarischen Film wie "Dirty Harry" konnte man immer als beides ansehen: als Lob eines sehr fragwürdigen Helden wie als Kritik an einer deregulierten Polizeiarbeit, die sich nicht nur in den Methoden, sondern auch in ihrer Sprache immer weiter dem Gegner angleicht.

Nicht weniger verwandt sind flics und Gangster in den stilisierten Filmen von Jean-Pierre Melville, von denen der Regisseur freimütig einräumt, er habe diese "race des seigneurs" ohne große Rücksicht auf die Wirklichkeit für das Kino erfunden. Aber gerade in dieser Stilisierung macht der Regisseur deutlich, wie sehr das Genre auch eine ästhetische, ja sogar eine modische Seite aufweist. Nicht nur die Gangster, auch die Polizist*innen können zu Stilikonen werden. Und ihr Kampf geht nicht nur um Leben und Tod, sondern auch um Zeichen und Symbole. Um zu gewinnen, müssen die Polizist*innen nicht nur stärker sein als die Gangster, sondern auch attraktiver. Die gemeinsame Heimat von Cop und Gangster, die Straße, ist nicht nur Kampfplatz, sondern auch Laufsteg. Und als Genre liefern Polizeifilm und Polizeiserie nicht nur Held*innen, sondern auch Rollenmodelle. Cool wie ein Beverly Hills Cop, ein väterlicher Freund wie der schlagkräftige piedipiatto ("Plattfuß" als despektierlich-freundliche Bezeichnung für den "Bullen" in italienischen Städten) Bud Spencer oder heimatgemütlich wie ein Rosenheim Cop – immer geht es auch um ein Identifikationsangebot oder, trivial gesagt, um eine fiktionale Nachwuchswerbung.

Die Polizeiarbeit mag schwer sein in unserem Nicht-Polizeistaat, bedroht von Gewalt, Korruption und Paranoia, aber, hey, sie steckt auch voller Abenteuer, Ermächtigung, Teamwork und Performance. Wir müssen lernen, uns Polizist*innen als glückliche Menschen vorzustellen.

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