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4.4.2005 | Von:
Grisha Alroi-Arloser

Deutschland und Israel aus israelischer Sicht

Nur wenn Deutsche und Israelis begreifen, dass ein wichtiger Teil ihrer so gegensätzlichen Identitäten in jenen zwölf Jahren der NS-Zeit begründet sind, gibt es Hoffnung auf gesunde "Normalität" in den Beziehungen.

Einleitung

Vieles fällt einem zu diesem Thema ein, Persönliches, Politisches, Historisches. Deutschland und Israel: ein schwieriges, aber gutes Verhältnis, belastet, aber belastbar; nichts vergessen, aber den Blick nach vorn gerichtet. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, habe den größten Teil meines erwachsenen Lebens in Israel verbracht und lebe zur Zeit wieder in Deutschland. Ich habe beide Pässe, spreche beide Sprachen, bin dort und hier daheim und fremd zugleich. Ich will mich auf eine sehr persönliche Sicht der Dinge beschränken, angreifbar und völlig unempirisch.

Gibt es überhaupt eine israelische Sicht auf Deutschland und das deutsch-israelische Verhältnis? Ich glaube schon, und meine damit nicht die amtliche, diplomatische, offizielle. Ich erinnere mich gut an das Jahr 1991, kurz nach dem Beschuss Israels durch irakische Scud-Raketen. Außenminister Hans-Dietrich Genscher war zu Gast bei seinem israelischen Amtskollegen David Levy, und dieser verkündete im Brustton der Überzeugung, dass die deutsch-israelischen Beziehungen "noch nie so gut waren wie heute". In den Straßen Tel Avivs konnte man am gleichen Tag Graffiti in Hebräisch lesen: "Es gibt kein anderes Deutschland!"

Die offizielle Sicht unterscheidet sich oft von der der Menschen, ob sie Fußball schauen, in einen MAN-Bus steigen, sich für eine AEG-Waschmaschine entscheiden oder in abgedichteten Räumen mit ihren Gasmasken sitzen. Die Konnotation von Deutschland und Gas wog schwerer, als viele Diplomaten es sich vorstellten oder wünschten. Das war immer dann der Fall, wenn die Vergangenheit nicht vergehen wollte, in der Imhausen/Rabta-Affäre, im Degussa-Zahngoldskandal, nach der Jenninger-Rede, nach Bitburg und während der Auseinandersetzung zwischen Helmut Schmidt und Menachem Begin um deutsche Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien.

Meine allererste Erfahrung mit der israelischen Sicht auf Deutschland machte ich als 20-Jähriger in Nazareth-Illit. Im Rahmen einer Ausbildung zum Jugendleiter der zionistischen Jugend in Deutschland hatte es mich für einige Monate dorthin verschlagen. Da ich noch sehr wenig hebräisch sprach, sollte ich meinen sozialen Dienst an der Gemeinde als Aushilfslehrer für Englisch in einer 4. Klasse der religiösen Grundschule leisten. Ich hatte mich gut vorbereitet, doch schaffte ich nur einen einzigen Satz: "Ich heiße Grisha und komme aus Deutschland." Der Tumult war enorm. 40 Schüler skandierten: "Nazi, Nazi, Nazi". Sie waren nicht zu beruhigen, und meine Versuche, ein apologetisches "aber ich bin doch Jude" hinterherzuschicken, scheiterten kläglich.

Besonders deutlich wird dieser Reflex im israelischen Verhältnis zur jüdischen Gemeinde im Land der Täter. Dabei ist die Sicht der Israelis auf die Diaspora insgesamt bis heute eine eher bevormundende, überhebliche und in vieler Hinsicht verständnislose. Auch wenn die Verurteilung derer, die dem Ruf des Zionismus nicht Folge leisten mochten, in den vergangenen 15 Jahren in ihrer Rigorosität abnahm, so bleibt der Kern der Kritik bestehen: Wir gestalten jüdische Geschichte unter Einsatz unseres Lebens und ermöglichen euch, in sicherer Distanz zu leben; wir sind souverän, ihr Spielball anderer; wir sind stark, ihr schwach; wir verkörpern Zukunft, ihr Vergangenheit; eure Unterstützung für uns geschieht nicht um unsert-, sondern um euretwillen. Gleichzeitig wurde den großen jüdischen Gemeinden vor allem in den USA, in Frankreich, Großbritannien und Lateinamerika eine gewisse Existenzberechtigung zuerkannt, vielleicht auch aufgrund der Mittlerrolle, die eine steigende Anzahl an Israelis dort übernahm.

Dies gilt jedoch nicht so für Deutschland. Oft hat meine Aussage, in Deutschland aufgewachsen zu sein, bei meinem israelischen Gegenüber Verständnislosigkeit bis Unmut ausgelöst. "Wie konnten Deine Eltern nur ausgerechnet nach Deutschland gehen? Ins Naziland?" Es sei unbegreiflich, dass nach dem Holocaust Juden weiterhin in Deutschland leben, sagte Israels Staatspräsident Ezer Weizman während seines Deutschlandbesuchs im Januar 1996. Wenn dies aber ein Land ist, in dem Juden besser nicht mehr leben sollten, welche Schlüsse lässt dies für die allgemeine Sicht auf dieses Land zu?

Nazismus und Shoah gehören bis heute zu den ersten Assoziationen, die Israelis bei der Erwähnung Deutschlands haben. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob man nun selbst oder familiär vom Holocaust in Mitleidenschaft gezogen wurde, ob man europäischer oder orientalischer Abstammung ist, eher links oder rechts wählt, gebildet oder weniger gebildet, religiös oder säkular eingestellt ist. Aber der Umgang mit dieser Assoziation unterscheidet sich, wenn auch nur graduell. Es gibt natürlich noch Totalverweigerer, in erster Linie sind es Überlebende der Konzentrationslager, teilweise aber auch jüngere Menschen, für die diese Assoziation ausschlaggebend für ihre Sicht auf Deutschland, die deutsche Sprache und alles Deutsche ist.

Insgesamt kann aber festgestellt werden, dass es einen relativ entspannten Umgang mit Deutschland gibt, nicht in Ermangelung des erwähnten Assoziationsreflexes, sondern dessen ungeachtet. Deutsche Besuchergruppen, die ich in den achtziger und neunziger Jahren durch das Land geführt habe, waren von der Offenheit und Herzlichkeit überrascht, mit denen ihnen als Deutschen begegnet wurde. Häufig erst bei den Abschlussgesprächen eröffnete man mir, dass man befürchtet hatte, "als Deutscher angefeindet zu werden". Als es nicht dazu kam, war man erleichtert. Israelis nähern sich deutschen Besuchern oft unbeschwerter, als dies Holländer, Dänen oder Polen tun.