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7.3.2005 | Von:
Helmke Jan Keden

Musik in nationalsozialistischen Konzentrationslagern

Eine Vielzahl von Quellen und Untersuchungen zeigen, dass Musik in vielfältiger Weise zur brutalen Lebenswelt der Konzentrationslager gehörte.

Einleitung

Die beiden Begriffe "Musik" und "Konzentrationslager" stehen sich scheinbar unvereinbar gegenüber. So sträubt man sich, den Inbegriff der grausamen Realität des "Dritten Reiches", die nationalsozialistische Internierungs- und Vernichtungsmaschinerie, mit musikalischen Konnotationen zu verknüpfen, doch hat die Forschung in einer Vielzahl von Beiträgen darauf hingewiesen, dass Musik häufig ein fester Bestandteil in Konzentrationslagern war.[1] Dabei bezogen sich diese Untersuchungen und Berichte zumeist auf die exemplarische Darstellung der gängigen Musikpraxis in unterschiedlichen Lagern und ihre zum Teil erschütternden Umstände.[2] Eine vertiefende, systematische Beschäftigung setzte bis auf wenige Beiträge bisher nur zögerlich ein.[3]




Auch wenn sich momentan der Fokus des wissenschaftlichen Interesses innerhalb der Auseinandersetzung mit Musik in totalitären Staatssystemen wieder zu übergreifenden, besonders komparatistischen Diskursen öffnet,[4] kann gerade die Erörterung der funktionalen Bedeutung von Musik in Konzentrationslagern auch diese Intentionen mit neuen Sichtweisen bereichern. So beinhaltet die vergleichende Untersuchung des Einsatzes von Musik im Mikrokosmos "Lager" die Möglichkeit, Erkenntnisse in der ambivalenten Funktionalisierung von Musik, bzw. über deren Einsatz durch Unterdrücker und Unterdrückte gleichermaßen, zu gewinnen. Ohne den instrumentalen Musikbereich vernachlässigen zu wollen, soll der Schwerpunkt auf der Darstellung der vokalen Musikpraxis liegen. Sie hatte in den Lagern eine besonders große Bedeutung, weil sie zu den ursprünglichsten Formen musikalischer Betätigung zählte.


Fußnoten

1.
Vgl. Hans-Günther Klein, ...Wenigstens den "zweiten Tod" wieder aufzuheben ... Komponisten in Theresienstadt, in: Neue Zeitschrift für Musik, 156 (1995) 1, S. 30 - 33; Ulrike Migdal, Und die Musik spielt dazu. Chansons und Satiren aus dem KZ Theresienstadt, Zürich 1986; Katja Klein, Kazett-Lyrik. Untersuchungen zu Gedichten und Liedern aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen, Würzburg 1995.
2.
Vgl. Eckhard John, Musik und Konzentrationslager. Eine Annäherung, in: Archiv für Musikwissenschaft, 48 (1991) 1, S. 14 - 36; Milan Kuna, Musik an der Grenze des Lebens. Musikerinnen und Musiker aus böhmischen Ländern in nationalsozialistischen Konzentrationslagern und Gefängnissen, Frankfurt/M. 1993; Gabriele Knapp, Das Frauenorchester in Auschwitz. Musikalische Zwangsarbeit und ihre Bewältigung, Hamburg 1996, S. 121.
3.
Vgl. Guido Fackler, "Des Lagers Stimme" - Musik im KZ. Alltag und Häftlingskultur in den Konzentrationslagern 1933 bis 1936. Mit einer Darstellung der weiteren Entwicklung bis 1945 und einer Biblio-/Mediographie, Bremen 2000; vgl. ebenfalls Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager, Das Lied der Moorsoldaten. 1933 - 2000, Papenburg 2002.
4.
Vgl. Marion Demuth, Musik - Macht - Missbrauch, Dresden 1995; Isolde von Foerster u. a. Musikforschung - Faschismus - Nationalsozialismus, Mainz 2001; Oliver Kautny/Helmke Jan Keden, Musik in Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Tagungsbericht des Wuppertaler Symposions 2004, Mainz 2005 (i.E.).