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5.2.2005 | Von:
Wilfried Röhrich

Der Islam in der Weltpolitik

Vom Kalifat zum Nationalstaat - und zurück?

Die Islamisten und die islamistischen Terroristen eint ein Schlagwort. Sie fordern die Wiedererrichtung des Kalifats - einer politischen Ordnung, die der Islam als eine historische Staatsform kennt. Dieses Zurück zur Geschichte, vor allem zur großen Zeit der ersten Kalifen und der frühen muslimischen Gemeinschaft, der Umma, ist alles andere als eine Flucht. Vielmehr zielt die islamistische Vision auf eine politische Aufrüstung: intern gegen die westlich orientierten Nationalstaaten und extern gegen das "ungerechte Machtverhältnis" zwischen der islamischen und der westlichen Welt.

Die ein Kalifat anstrebenden Islamisten sehen im Ur-Islam die Leitbilder für alle Zeiten gesetzt. Für sie sind die Ereignisse in Mekka und Medina während der kurzen Ära der prophetischen Führung keine unwiederholbaren Vorbilder, sondern ein politisches Programm für die Gegenwart. Damals wurde die Gemeinde von Medina zur Keimzelle des islamischen Staates, in dem Religion und Politik eine Einheit bildeten. Durch Mohammeds Kriege wurde der Kampf mit dem Schwert in den Islam einbezogen.[6] Bereits im Jahre 630 n.Chr. erstreckte sich die islamische Ordnung über den größten Teil der Arabischen Halbinsel. Zwei Jahre darauf, nach dem Tod des Propheten, Staatsmannes und Feldherrn, wurde das Kalifat zur Ordnungsvorstellung des Islam.

Da Mohammed keinen Nachfolger bestimmt hatte, einigte man sich darauf, das Kalifat als ein Amt zu schaffen, dessen gewählter Inhaber das Erbe des Propheten verwalten sollte. In der Periode der ersten vier rechtgeleiteten Kalifen, die mit dem Propheten verwandt waren, erfuhr das Kalifat eine streng religiöse Deutung: Die Autorität des Kalifen gründete auf der uneingeschränkten Souveränität Gottes. Der Kalif war nicht nur Leiter der Umma, sondern auch Stellvertreter des Propheten. In dessen Namen kam es zu einer weit ausgreifenden Expansion. Der Djihad-Krieg diente dem islamischen Welteroberungsprojekt, das zweifellos die heutigen Islamisten und islamistischen Terroristen in ihrem irrealen Anspruch auf universale Herrschaft nachhaltig inspiriert.

Übersehen wird dagegen, dass bereits die Periode der ersten vier Kalifen - das idealisierte Modell islamistischer Staatsvision - nicht nur zahlreiche innere Konflikte aufwies, sondern auch allmählich von einem Kalifat geprägt wurde, dem primär die Funktion zukam, die Existenz der Umma zu wahren. Die Organisation der durch Expansion geschaffenen Großreiche, die ursprünglich der Leitung der Prophetengefährten anvertraut war, ging sukzessive auf unterschiedlich legitimierte Führungsgruppen über. In den Omaiyaden-Dynastien wurde die militärische Funktion für die Leitung der Umma immer wichtiger. Während der Abbasiden-Herrschaft schwächte sich die Macht der zentral regierenden Kalifen erheblich ab - de facto herrschten lokale Dynastien. Zudem waren fest umrissene Institutionen entstanden, die entgegen der ursprünglichen Einheit die Sphären von Politik und Religion trennten: den Herrschaftsapparat vom Bereich der Rechtsgelehrten.

Das Kalifat entwickelte sich - wie das hier ausgeblendete schiitische Imamat - zu einem Kontrastbild zur heutigen islamistischen Ideologie, die im Kalifen noch immer den Stellvertreter des Propheten sieht. Im Osmanischen Reich schließlich, einem auf den Krieg gegen die Ungläubigen zielenden Militärstaat, war der Titel des Kalifen weitgehend eine Ehrenbezeichnung. Unter der Führung des Sultans wurde der Kalif nur noch nominell anerkannt. Zwar ist das Osmanische Reich 1517 in ein Kalifat umgestaltet worden, als der letzte Abbasiden-Kalif seinen Titel auf den damaligen Sultan übertrug. Damit endete jedoch das Kalifat in seiner arabischen Ausprägung. Schließlich löste sich die Umma nach der von Kemal Atatürk und der türkischen Nationalversammlung 1924 verfügten Abschaffung des Kalifats in zahlreiche islamische Nationalstaaten auf. Es vollzog sich ideologisch und politisch der Wandel vom Kalifat zum Nationalstaat.

Der arabische Nahe Osten übernahm damals jene Institution des Nationalstaates, die im Kolonisationsprozess auf die islamische Zivilisation übertragen wurde. Damit entstand ein "Transplantat ohne Wurzeln"[7], ein für den Islam künstliches Gebilde, da dem islamischen - nominellen - Nationalstaat die Substanz fehlt, die die demokratische und zivilgesellschaftlich ausgerichtete Einheit auszeichnet. Der säkulare, auf interner und externer Souveränität gründende Nationalstaat ist von seinem Ursprung her eine europäische Institution, heute aber zugleich die einzige weltweit gültige Staatsform im System internationaler Beziehungen.

Der Nationalstaat, der auf dem Prinzip der Volkssouveränität basiert, ist von diesem Grundsatz her mit dem Islam nicht vereinbar. Nach islamischem Glauben kommt weder dem einzelnen Menschen noch einer politischen Gruppe Souveränität zu. Der einzige Souverän ist Gott. Das von den Islamisten erneut angestrebte Kalifat leitete sich hiervon ab. Wenn dennoch der nominelle Nationalstaat zur islamischen Realität zählt, so lässt sich dies auf jene Führungsgruppen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zurückbeziehen, die die europäische Kolonialherrschaft bekämpften, aber den Widerspruch übersahen, der in der simultanen Übernahme des Nationalstaatsmodells lag. Damit entstand eine politisch-gesellschaftliche Rahmenorientierung. Innerhalb derer empfingen die islamischen Länder konstitutionelle Prinzipien wie die gesetzgebende Gewalt der Parlamente, die sie jedoch nach islamischen Grundsätzen, analog dem Prinzip der Schura, der Konsultation, umgestalteten: In den konstitutionellen Monarchien wie Jordanien und vor allem Marokko besteht zwar ein beratendes Repräsentantenhaus, oberster Gesetzgeber ist jedoch der König. In den nichtmonarchischen Staaten wie Ägypten, Syrien und Tunesien existieren ebenfalls legislativ begrenzte Parlamente, teils ergänzt durch beratende Organe, wie sie in den Vereinigten Arabischen Emiraten konstitutionell verankert sind. Aber auch hier bestimmt der jeweilige Präsident relativ autonom die substantiellen Richtlinien der Politik. Nicht von ungefähr: Die Machtfülle der Herrschenden ist ein Relikt der frühen islamischen Vergangenheit.

Manche Verfassungen der islamischen Staaten erklären den Islam zur Staatsreligion und das islamische Recht der Scharia zur Grundlage der Gesetzgebung.[8] Allerdings wird deren Geltungsbereich vielfach auf das Familien- und Erbrecht und auf ein begrenztes Strafrecht eingeschränkt. Die wohl bekannteste Ausnahme - neben dem schiitischen Iran mit seiner islamistischen Ideologie - bildet Saudi-Arabien, dessen "Grundgesetz für das Regieren" den Koran, die Sunna und die Scharia als Grundlagen der wahhabitischen Monarchie herausstellt. Saudi-Arabien kommt damit von seiner Ideologie her dem Idealtyp einer strengen islamischen Ordnung nahe: Gott als Stifter der Normen und Werte menschlicher Existenz verfügt über die Souveränität im islamischen Staat. In Ausübung dieser Souveränität legt er die normativen Grundlagen und damit das Recht der Scharia für die islamische Ordnung fest.[9] Die Scharia bedarf der Staatsgewalt. Denn nur unter dem Schutz der Herrschenden lässt sich das islamische Recht durchsetzen.

Mehrere islamische Nationalstaaten sehen im erwähnten Prinzip der Schura, der Konsultation, eine islamische Variante der Demokratie. Der Begriff der Schura [10] geht auf zwei Textstellen im Koran zurück: Die erste, zu Mekka offenbarte Sura As-Sura weist in Vers 38 primär auf den von Mohammed geübten Brauch hin, sich mit seinen nächsten Gefolgsleuten zu beraten. Diesem Brauch kamen auch die ersten vier rechtgeleiteten Kalifen nach, ehe er im Laufe der islamischen Geschichte in Vergessenheit geriet. Erst nachdem die Muslime mit der westlichen Demokratie konfrontiert wurden, entdeckten sie erneut das Prinzip der Schura. Sie beriefen sich auf die zweite Textstelle im Koran, auf die Sura Al-Imran (Vers 159), die zu Medina offenbart wurde, wo ein islamischer Staat bestand. Nach neuer Interpretation bildet die gegenseitige Beratung - realiter: beratende Institution - eine Leitidee der Staatsgestaltung.

Es liegt im Ermessen der nominellen Nationalstaaten, im Rahmen des islamischen Rechts die Schura konstitutionell zu verankern. Eine solche Staatsgestaltung kann die Prinzipien der Schura und vor allem der Scharia gegen den Islamismus richten, den viele Nationalstaaten als eine Herausforderung erleben. Denn der islamische Fundamentalismus wendet sich ja nicht nur extern gegen die Welt des Westens. Er richtet sich auch intern gegen die westlich orientierten Führungsschichten. Bereits Sayyid Qutb forderte die wahren Muslime auf, sich von der Gesellschaft der Abtrünnigen zu trennen und eine "Gegengesellschaft" zu errichten.[11] Qutb zufolge besteht ein Kriegszustand zwischen diesen Muslimen und den Ungläubigen, die durch den Djihad, den "Heiligen Krieg", zu bekämpfen seien.

Für die heutigen Islamisten und islamistischen Terroristen ist Sayyid Qutbs "Gegengesellschaft" jenes Kalifat der Periode der rechtgeleiteten Kalifen, in der nicht nur Religion und Politik in vollem Einklang standen. Auch existierte eine starke Solidargemeinschaft - ein Machtfaktor, der zur historischen Verbreitung des Islam beitrug und den die gegenwärtigen Islamisten wieder erreichen wollen. Dass zur Zeit der rechtgeleiteten Kalifen bereits große Reiche entstanden waren, forciert die islamistische Forderung nach dem Kalifat. Vor allem die Al-Qaida-Terroristen verfolgen die Errichtung eines Kalifats in Gestalt eines islamischen Imperiums.

Die Terroristen und Islamisten übersehen in ihrem Fanatismus, dass sich die Welt seit der Herrschaft der Kalifate grundlegend verändert hat. Diejenigen, die die Wiedererrichtung des Kalifats fordern, verkennen zudem, dass diese politische Ordnung vor allem in der Omaiyaden- und Abbasidenzeit weniger aus religiösen als aus funktionalen Gründen beibehalten wurde. Es ging darum, das Überleben der Umma zu sichern. Das Kalifat, das in keiner Sure des Koran genannt wird, galt bereits in der islamischen Vergangenheit nicht als heilsnotwendig. Dass es sich als bestimmende Norm nicht halten konnte und seine Macht immer schwächer wurde, hängt damit zusammen. Das Kalifat bildet eine historisch erprobte, aber nicht für alle Zeiten verbindliche Staatsform. Zur heutigen Weltpolitik steht das Kalifat in einem tief greifenden Antagonismus.


Fußnoten

6.
Vgl. Heribert Busse, Grundzüge der islamischen Theologie und der Geschichte des islamischen Raumes, in: Werner Ende/Udo Steinbach (Hrsg.), Der Islam in der Gegenwart, München 1996, S. 19 - 53.
7.
Vgl. Bassam Tibi, Transplantat ohne Wurzeln. Die Legitimitätskrise des Nationalstaates in Ländern der islamischen Zivilisation, in: Dieter S. Lutz (Hrsg.), Globalisierung und nationale Souveränität. Festschrift für Wilfried Röhrich, Baden-Baden 2000, S. 319 - 353; ders., Vom Gottesreich zum Nationalstaat. Islam und panarabischer Nationalismus, Frankfurt/M. 1987, insbes. Kap. II.
8.
Vgl. Udo Steinbach, Die Stellung des Islams und des islamischen Rechts in ausgewählten Staaten, in: W. Ende/U. Steinbach (Anm. 6), S. 213 - 232.
9.
Vgl. Gudrun Krämer, Gottes Staat als Republik. Reflexionen zeitgenössischer Muslime zu Islam, Menschenrechten und Demokratie, Baden-Baden 1999, insbes.S. 257 - 275.
10.
Vgl. Nadeem Elyas, Der islamische Staat - Theologische Grundlagen und politische Realität, in: Severin J. Lederhilger (Hrsg.), Gottesstaat oder Staat ohne Gott. Politische Theologie in Judentum, Christentum und Islam, Frankfurt/M. 2002, S. 111 - 120.
11.
Vgl. dazu G. Krämer (Anm. 9), S. 211 - 217.