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17.1.2005 | Von:
Peter Franz

Regionalpolitische Optionen für schrumpfende Städte

Das Programm Stadtumbbau Ost ist zu einseitig auf den Abriss von Wohnungen und Sanierung großer Wohnungsunternehmen gerichtet. Umbaumaßnahmen könnten attraktivitätssteigernd wirken, wenn die vorhandenen städtischen Potenziale genutzt würden.

Einleitung

Schrumpfende Städte und die sie begleitenden Abrisse scheinen sich als weiterer Stein in jenes Mosaik verschiedener Symptome zu fügen, die das Ende des "kurzen Traums immer währender Prosperität" (Burkart Lutz) in Deutschland anzeigen. Dass dieser Prosperitätszuwachs nicht nur bei den Privatvermögen, sondern auch in der öffentlichen Sphäre als "kollektiver Wohlstand" wahrzunehmen war - dafür sorgte in Westdeutschland die rasche Wiederauferstehung der Städte aus den Kriegsruinen, die gestiegene Attraktivität der Stadtzentren und die Verbesserung des Stadtbilds in einer vierzigjährigen Phase der stetigen Steigerung des wirtschaftlichen Wachstums. Dieser Exportartikel "attraktive Städte und Innenstädte" wurde seit 1990 auch in den neuen Ländern als dominierendes Leitbild der Stadtentwicklung übernommen. Inzwischen ist nicht zu übersehen, dass die Planer in zahlreichen Städten trotz hartnäckiger Entwicklungshemmnisse in den Innenstädten und Konkurrenz der Handelsstandorte auf der "grünen Wiese" diesem Ziel inzwischen ein Stück näher gekommen sind.[1]

Die deutsche Vereinigung und die marktwirtschaftliche Integration Ostdeutschlands bewirkten aber nicht nur eine Neuausrichtung der Stadtentwicklungspolitik, sondern setzten die ostdeutschen Städte gleichzeitig einem über 40 Jahre nicht gekannten gesamtdeutschen Standortwettbewerb um Unternehmen und Haushalte aus. In diesem Wettbewerb hatten die ostdeutschen Städte schlechte Startchancen, da sich insbesondere die für die Wirtschaft wichtige Infrastruktur in einem desolaten Zustand befand und im Gefolge der wirtschaftlichen Transformation eine große Zahl von Unternehmen ihre Produktion einstellten und Arbeitsplätze wegfielen. Mit umfangreichen Infrastruktur- und Wirtschaftsförderprogrammen waren Bund und Länder von Anfang an bemüht, die Wettbewerbsposition ostdeutscher Standorte zu verbessern. Mit diesen Maßnahmen konnte aber nicht verhindern werden, dass in vielen Städten mehr Einwohner ab- als neu zugewandert sind.

Zusätzlich wurde die Einwohnerzahl - wenn auch in geringerem Ausmaß - durch den Überschuss der Todesfälle über die Geburten reduziert. Die schleichende Erosion der Einwohnerbasis wurde im ersten Jahrzehnt nach der Vereinigung noch überlagert von expansiven Entwicklungen, wie man sie vom vertrauten Wachstumspfad her kennt: Bautätigkeit an allen Ecken der Städte, Ausdehnung der Einzelhandelsflächen, nachholende Wohnsuburbanisierung. Erst der wachsende betriebswirtschaftliche Problemdruck der großen Wohnungsgesellschaften veranlasste Bund, Länder und Kommunen, der Schrumpfungsproblematik mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Wie beim Schwanken von einem Extrem ins andere scheint sich diese neue Aufmerksamkeit für Schrumpfungsprozesse derzeit zu verselbständigen: Überall wird plötzlich nur noch Schrumpfung wahrgenommen und für die Zukunft als nahezu unabwendbares Schicksal angesehen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist in einer solchen Situation ein nüchterner und differenzierender Blick gefragt - eine Perspektive, mit der im Folgenden einige Sachverhalte genauer betrachtet werden sollen.

Schrumpfung und Wachstum

Es ist zwar bekannt, dass in der Vergangenheit der Prozess der Industrialisierung und des Wachstums von Volkswirtschaften mit einem steten Bevölkerungszuwachs und zunehmender Urbanisierung verbunden war. Die Rückschau auf die jüngere Fachdiskussion zur Entwicklung der deutschen Städte zeigt aber, dass auch in Zeiten hohen Wirtschaftswachstums (im Vergleich zur derzeitigen Lage) die Problematik rückgängiger Einwohnerzahlen wiederholt aufgegriffen worden ist. In den siebziger Jahren ging durch verstärkte Suburbanisierung erstmals die Einwohnerzahl mehrerer westdeutscher Großstädte zurück, was eine Debatte um die Folgen der "Stadtflucht" auslöste.[2] In den achtziger Jahren machten sich in verschiedenen Städten nördlich der Mainlinie erste Negativfolgen des ökonomischen Strukturwandels bemerkbar.[3] Wie sich im Zeitverlauf zeigte, erwies sich für viele der damals betroffenen Städte die Phase der Schrumpfung als nicht dauerhaft. Andere Städte wiederum - vor allem einige Städte im Ruhrgebiet - haben bis heute mit Abwanderung und dem Verlust an Arbeitsplätzen zu kämpfen.

Der Vorgang, dass Städte schrumpfen, beschränkt sich nicht auf Ostdeutschland, sondern ist weltweit in vielen Ländern zu registrieren. Die Schwerpunkte lagen zwischen 1960 und 1990 in den USA und in Westeuropa, seit 1990 kommen vermehrt Städte auf dem Territorium der früheren Ostblock-Staaten als neuer Schwerpunkt hinzu.[4] Diese Hinweise sollten vorerst genügen, um zu zeigen, dass die Schrumpfung von Städten keineswegs als ein völlig neuartiges oder als ein spezifisches ostdeutsches Ereignis aufzufassen ist.

Die demographische Dimension

Mit der Rede von der schrumpfenden Stadt wird häufig unterstellt, dass ausnahmslos alle ostdeutschen Städte von sinkenden Einwohnerzahlen betroffen seien. Dabei handelt es sich um eine Fehlwahrnehmung, wie u.a. Forschungen des Leipziger Instituts für Länderkunde belegen.[5] In demographischer Sicht existiert ein Nebeneinander von Schrumpfung und punktuellem Wachstum: Vor allem in Städten in altindustriell geprägten und/oder peripheren Regionen gehen die Einwohnerzahlen besonders schnell zurück. Demgegenüber erweisen sich die Großstadtregionen Berlin, Dresden, Leipzig sowie die thüringischen Städte Erfurt, Weimar und Jena als Stabilitätsinseln. Aber auch Städte entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze (z.B. Eisenach, Heiligenstadt, Wernigerode) und tourismusorientierte Kleinstädte entlang der Ostseeküste haben stabile oder leicht wachsende Einwohnerzahlen. Diese Unterschiede sind ein Indikator dafür, dass die Städte mit unterschiedlich erfolgreichen Maßnahmen auf den Standortwettbewerb reagieren. Die noch Mitte der neunziger Jahre vorherrschende Einheitlichkeit der ostdeutschen Städte und Regionen[6] wird nach und nach aufgebrochen, weil von verschiedenen lokalen Akteuren neue Handlungsoptionen erkannt und auch verfolgt werden.

Demographen neigen dazu, die für den Moment festgestellten Bevölkerungsveränderungen in Form langfristiger Trends in die Zukunft fortzuschreiben. Durch ihre Bevölkerungsprognosen erfährt man relativ genau, wie viele Einwohner eine Stadt in soundso vielen Jahren haben wird. Die Demographenzunft bedient damit Informationsbedürfnisse von Kommunalpolitikern, Planern und Unternehmern, die in einer Situation der Unsicherheit agieren. Erfahrungen mit solchen Prognosen in der Vergangenheit zeigen, dass diese Trendberechnungen zu schnell als "unausweichliches Schicksal" hingenommen werden. Auch Demographen sind nicht in der Lage, alle denkbaren Einflussfaktoren in ihre Modelle einzubauen; sie wurden und werden von unvorhergesehenen Entwicklungen überrascht. Dies gilt insbesondere für das Wanderungsgeschehen, das sich innerhalb kurzer Zeit wandeln kann. An der Tatsache, dass die größeren Städte ein dauerhaftes Geburtendefizit aufweisen, wird sich dagegen langfristig kaum etwas ändern. Bereits seit einigen Jahrzehnten können größere Städte ihr Geburtendefizit nur durch Wanderungsgewinne kompensieren. Dies bedeutet, dass die Städte vor allem jenen Faktoren mehr Aufmerksamkeitschenken müssen, die ihre Einwohner beider "Abstimmung mit den Füßen" beeinflussen.

Die ökonomische Dimension

In der Diskussion über die schrumpfenden ostdeutschen Städte wird zumeist eine Wechselwirkung zwischen demographischen und ökonomischen Faktoren angenommen.[7] Sowohl von politischer wie von wissenschaftlicher Seite wird das demographische Schrumpfen der Städte vielfach gleichgesetzt mit einem parallelen Abschmelzen der wirtschaftlichen Basis in den betroffenen Stadtregionen. Diese Sichtweise erscheint zunächst verständlich, zieht man in Betracht, dass in der Vergangenheit Industrialisierung, Urbanisierung und Bevölkerungswachstum eng verzahnt waren.

In der aktuellen Diskussion um die schrumpfenden Städte werden demographische und ökonomische Faktoren jedoch häufig in Form einer so genannten "Abwärtsspirale" miteinander verbunden: "Bevölkerungsabnahme ist auf Wanderungsverluste zurückzuführen, hohe Arbeitslosigkeit auf starke Arbeitsplatzverluste, der Rückgang von Bevölkerung und Arbeitsplätzen führen zu Kaufkraft- und Realsteuerverlusten. Abnehmende private und öffentliche Mittel bewirken sinkende Investitionen in private Betriebe und öffentliche Infrastruktur, was sich wiederum verstärkend auf Schrumpfungsprozesse von Bevölkerung und Arbeitsplätzen auswirkt."[8] Ob sich eine solche negative Zirkularität tatsächlich einstellt, ist allerdings eine offene empirische Frage.

Zudem lassen sich auch Argumente anführen, wonach in neuerer Zeit der Kausalzusammenhang zwischen demographischen und ökonomischen Faktoren - insbesondere im Fall der neuen Länder - abgeschwächt oder sogar außer Kraft gesetzt sein könnte: Zum einen ist damit zu rechnen, dass die mit demEinwohnerrückgang verbundene Verringerung des Arbeitskräfteangebots zunächst kaum einen wachstumsbegrenzenden Effekt hat, da auf Grund der nach wie vor hohen Arbeitslosenzahlen der Faktor Arbeit auch bei anhaltendem Rückgang der Einwohnerzahl noch nicht knapp geworden sein dürfte. Zum andern mehren sich in letzter Zeit die Hinweise darauf, dass es eine Tendenz zu Wachstum ohne Beschäftigungszuwachs (jobless growth) gibt. Unternehmer nehmen kapitalintensive Investitionen in hochmoderne Maschinen und Anlagen vor, mit deren Hilfe sie ihre Produktion steigern, ohne nennenswert mehr Arbeitskräfte einzustellen.

Produktivitätszuwächse dieser Art könnten gerade für die neuen Länder von Bedeutung sein, da die staatliche Investitionsförderung so ausgestaltet ist, dass Investitionen eher in den Faktor Kapital als in den Faktor Arbeit gelenkt werden. Hinzu kommt, dass in verschiedenen Studien zur Veränderungen der Produktivität in den alten und den neuen Ländern eine erhebliche und anhaltende Produktivitätslücke für die Unternehmen in den neuen Ländern festgestellt wurde.[9] Somit dürften vielen ostdeutschen Unternehmen, die sachkapitalintensive Investitionen vornehmen, auch in den nächsten Jahren noch deutliche Produktivitätsfortschritte gelingen. Diese könnten wiederum zu Wachstumsgewinnen führen, ohne dass damit gleichzeitig notwendigerweise ein Beschäftigungszuwachs verbunden sein müsste.

Insbesondere in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre war ein Großteil der Einwohnerverluste der größeren ostdeutschen Städte auf eine hohe Suburbanisierungsdynamik zurückzuführen. Wandern Einwohner in das Umland einer Stadt ab, behalten sie im Normalfall Arbeitsplatz und Konsumgewohnheiten bei, so dass dieser Typ der Abwanderung im Vergleich zur überregionalen Migration unter Einschluss der Übernahme eines neuen Arbeitsplatzes für die Wirtschaft einer Stadt - im Unterschied zum Kommunalhaushalt - relativ folgenlos bleibt.[10]

Eine explorative Studie, in welcher der Zusammenhang zwischen der Veränderung der Einwohner- sowie Beschäftigtenzahl und ökonomischen Wachstumsindikatoren für die 26 kreisfreien ostdeutschen Städte bis zum Jahr 2000 überprüft wurde, kommt zum Ergebnis, dass diesbezüglich kein systematischer Zusammenhang feststellbar ist.[11] In den untersuchten Städten sind vielfältigeKombinationen von Wachstum und Schrumpfung vorfindbar, und es hat sich bisher kein einheitlicher Entwicklungstrend - auch kein Abwärtstrend - herausgebildet. Die vorherrschende Konstellation ist die des wirtschaftlichen Wachstums bei gleichzeitig rückgängigen Einwohner- und Beschäftigtenzahlen. Während sich die wirtschaftlichen Kennzahlen der Städte bis zur Mitte der neunziger Jahre relativ ähnlich veränderten, wird im Zeitverlauf erkennbar, dass sich die Städte auf zunehmend unterschiedliche Entwicklungspfade begeben.

Solide politische Handlungsempfehlungen sind aus diesen Befunden noch nicht abzuleiten; für diesen Zweck sind noch erhebliche weitere Forschungsanstrengungen erforderlich. Allerdings unterstützen die bisherigen Ergebnisse keineswegs die Annahme, dass die Städte mit sinkenden Einwohnerzahlen zwangsläufig in den Strudel einer Abwärtsspirale der oben angesprochenen Art gezogen würden und mittelfristig zwangsläufig das Stadium erreichen, in dem eine schrumpfende Zahl westtransferabhängiger Rentner durch die Abrisslücken eines perforierten Stadtgebiets streicht und sich lokale Subsistenzwirtschaft und Naturalientausch breit machen.[12] Allerdings ist nicht zu übersehen, dass in Meinungsäußerungen pessimistisch eingestellter Einwohner in bisher besonders stark geschrumpften Städten derartige Szenarien bereits anklingen.[13]

Sind die politischen Bewältigungsstrategien problemadäquat?

Analysiert man die Reaktionen der politischen Gremien auf die Problematik rückgängiger Einwohnerzahlen in den ostdeutschen Städten, so lassen sich eine Reihe kritikwürdiger Punkte anführen.

Bemerkenswert ist zunächst einmal, dass der Umgang vor Ort mit der jeweiligen stadtentwicklungspolitischen Problematik durch Programm- und Strategie-Vorgaben auf übergeordneter Bundes- und Länderebene (Bund-Länder-Programm "Stadtumbau Ost") innerhalb kurzer Zeit in bestimmte Bahnen gelenkt und vereinheitlicht wurde. Der Sachverhalt, dass sich mehr als 260 Städte parallel dazu entschieden, an einem Wettbewerb teilzunehmen und ein Stadtentwicklungskonzept zu erstellen, dürfte in der Geschichte bundesdeutscher Stadtentwicklungspolitik einmalig sein. Das vergleichsweise prompte Einschreiten des Bundes lässt sich zum einen mit der (finanziell bedingten) Handlungsschwäche der betroffenen Städte, zum anderen mit dem politischen Druck der Lobby der großen kommunalen und genossenschaftlichen Wohnungsverbände erklären, der von vornherein das zuständige Bundesministerium zum Adressaten hatte.

Die Lobby-Arbeit der Wohnungsverbände war auch mitverantwortlich dafür, dass die öffentliche Aufmerksamkeit sich vornehmlich auf den Wohnungsleerstand und die davon ausgehenden existenzbedrohenden Effekte für große Wohnungsunternehmen konzentrierte. Damit dominierte im bisherigen Verlauf der Problembearbeitung eine wohnungspolitische - und hier wiederum eine angebots- und betriebswirtschaftlich orientierte - Sichtweise der Schrumpfungsproblematik, in der die Verringerung des Wohnungsbestands durch Abriss eine Schlüsselstellung einnimmt.[14] Man muss den Initiatoren des Programms "Stadtumbau Ost" allerdings zugute halten, dass sie gleichgewichtig zur Förderung von Abrissmaßnahmen die Förderung von Aufwertungsmaßnahmen vorsahen.

Anhand der bisher umgesetzten Abrissvorhaben wird sichtbar, dass die Förderregularien des Programms "Stadtumbau Ost" vor allem den großen kommunalen Wohnungsunternehmen mit umfangreichem Eigentum in Plattenbauvierteln erleichtern, ihre Abrisspläne im Einvernehmen mit der Stadtverwaltung durchzusetzen.[15] Im Gegensatz zur Abrissförderung wurden von den Städten bisher deutlich weniger Mittel für Aufwertungsmaßnahmen beantragt, so dass die ursprünglich geplante 50:50-Aufteilung zwischen beiden Maßnahmen inzwischen zu einer 80:20-Aufteilung verschoben worden ist. Die Förderrichtlinien des Programms "Stadtumbau Ost" begünstigen den Totalabriss von Wohngebäuden und blenden möglicherweise kreativere Alternativen aus, wie z.B. Gebäude nur in Teilen abzureißen, Wohnungen zusammenzulegen oder für andere Nutzungen herzurichten.[16]

Verschiedene Studien deuten darauf hin, dass Totalabrisse für die Städte zukostenträchtigen Folgeproblemen führen können: Der Unterhalt bzw. der parallel zum Abriss erforderliche Rückbau von Infrastrukturnetzen erhöhen die Infrastruktur-Betreibungskosten für die Städte erheblich und "fressen" die bei den städtischen Wohnungsunternehmen erreichten Entlastungen zum Teil wieder auf.[17]

Spiegelbildlich zur räumlichen Konzentration der Abrissmaßnahmen auf die Plattenbauviertel hat dagegen der Stadtumbau in den für das Stadtbild und die Wahrnehmung einer Stadt von außen wichtigeren Innenstadt- und zentrumsnahen Lagen mit ihren komplizierteren Eigentumsverhältnissen und häufig höheren Leerstandsraten bisher fast gar nicht stattgefunden. Damit steigt das Risiko, dass sich Stadtumbaumaßnahmen primär auf städtische Teilgebiete richten, die für die städtische Gesamtentwicklung eher von geringer Bedeutung sind. Gerade an innenstadtnahen Standorten würden aber neue Wohnangebote in Form von Stadt- und Reihenhäusern mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Nachfrage stoßen, sollten die hierfür erforderlichen Flächen verfügbar gemacht werden. Diese Form der Neunutzung städtischer Flächen würde für die Entwicklung der Städte mehr Impulse bringen als der bisherige Regelfall der Umwandlung ehemaliger Plattenbaustandorte in Grünflächen.[18]

Die bisherige Dominanz wohnungspolitischer Interessen hat dazu geführt, dass der größte Teil der Fördermittel des Programms "Stadtumbau Ost" einschließlich der ergänzenden Programmkomponenten in den einzelnen Ländern dem Zweck gewidmet wurde, Angebotsüberhänge auf dem Wohnungsmarkt durch Abriss zu korrigieren. Die dafür zugrunde gelegte Schätzung der Zahl vom Markt zu nehmender Wohnungen erfolgte in den diversen Stadtentwicklungskonzepten anhand von Prognosen der zukünftigen Einwohnerentwicklung, wo zumeist die aktuellen demographischen Trends fortgeschrieben wurden. Demgegenüber trat in vielen Städten in den Hintergrund, dass sie auch die Option haben, sich als Unternehmensstandort attraktiver zu machen und die Wohnungsnachfrage durch zuziehende Arbeitskräfte zukünftig zu stabilisieren. Leider ist zu befürchten, dass auch aus einer - nach den Maßgaben des jeweiligen Stadtentwicklungskonzepts - erfolgreich umgebauten Stadt weiterhin Menschen abwandern werden, wenn sie dort keine attraktiven wirtschaftlichen Perspektiven erkennen können. Welche Optionen sich den ostdeutschen Städten bieten, ihre Attraktivität als Wirtschaftsstandort zu erhöhen - davon soll im folgenden Abschnitt die Rede sein.

Regionalpolitische Handlungsoptionen

Die Mehrzahl der Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung, die auf kleinere Räume wie z.B. Städte zugeschnitten sind, geht ausgesprochen oder unausgesprochen von der Voraussetzung aus, dass im betrachteten Prognosezeitraum die Anziehungskraft einer Stadt für Personen und Unternehmen konstant bleibt. Genau diese Anziehungskraft kann aber durch Maßnahmen im Rahmen der städtischen und regionalen Wirtschaftsförderung beeinflusst werden, womit im Erfolgsfall die soeben angesprochene "ceteris paribus"-Klausel außer Kraft gesetzt wird. In einer Umwelt mit insgesamt rückläufiger Bevölkerungszahl wird ein solcher Standortwettbewerb aufgrund hier positiver und dort negativer Wanderungssalden Gewinner und Verlierer unter den Städten hervorbringen. Im Hinblick auf den Wettbewerb um Unternehmen ist weniger eindeutig, ob es sich umein Nullsummenspiel handelt: Unternehmensansiedlungen entstehen nicht nur durch Standortverlagerung, sondern auch durch Gründung von Zweigbetrieben und neuen Unternehmen.

Während die Städte unterschiedliche Anreize setzen, um neue Einwohner zu gewinnen,[19] stehen für den Zweck der Ansiedlungsförderung von Unternehmen sämtlichen ostdeutschen Städten und Regionen Mittel aus der Gemeinschaftsaufgabe "Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur" (GRW), dem Investitionszulagengesetz und diversen EU-mitfinanzierten Programmen im Prinzip in gleicher Weise zur Verfügung.[20]

Trotz dieser "Gleichheit vor dem Gesetz" sind die einzelnen Städte mit ihrer Standortpolitik bisher unterschiedlich erfolgreich gewesen. Es kann an dieser Stelle keine Detaildiskussion über einzelne Faktoren der unternehmerischen Standortwahl geführt werden.[21] Es bedarf aber keiner langwierigen Untersuchungen, um zu dem Resultat zu gelangen, dass die Chancen der ostdeutschen Städte im Wettbewerb um Unternehmen und Einwohner sehr ungleich verteilt sind. Dabei lassen sich die beiden Extrempole präzise markieren:
  • Den Pol der vielfältigen Chancen repräsentieren die sehr großen Städte, in denen ökonomische Entwicklungskerne existieren, die von den vorhandenen Vorteilen einer Ballung von anderen Unternehmen, Arbeitskräften und Kunden in ihrer Umwelt profitieren. Diese großen Städte verfügen darüber hinaus in der Regel über Hochschulen und Forschungsinstitute, die Studenten und qualifiziertes Personal anziehen, in Form ihrer Absolventen hochwertiges Humankapital bereitstellen und Wissen produzieren, das sich für technischen Fortschritt und innovative Produkte nutzen lässt. Darüber hinaus verfügen Städte dieser Größenordnung auch über eine größere Vielfalt an weichen Standortfaktoren (Kultur, Schulen) als kleinere Städte.
  • Über die ungünstigsten Voraussetzungen für Erfolge im Standortwettbewerb verfügen dagegen diejenigen eher kleineren Städte, die in altindustriellen Regionen liegen, deren Unternehmen in der Vergangenheit auf eine oder zwei Branchen beschränkt waren, die kein Hochschulstandort sind und deren Baukörper von Gebäuden dominiert wird, die zu Zeiten der DDR errichtet wurden.[22] Dieser Gebäudebestand ist zumeist in monofunktionalen Stadtquartieren konzentriert und im Unterschied zu Bauten aus früheren Epochen nur schwer für alternative Nutzungen umzugestalten.
Zwischen beiden Polen liegt die Mehrheit der ostdeutschen Städte mit jeweils unterschiedlichen Konstellationen von Ressourcen und Chancen. Diese sind so unterschiedlich gelagert, dass es - beim derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand - schwer fällt, sie in einer Systematik zu ordnen und Handlungsempfehlungen in Form eines Patentrezepts zu formulieren. Städte sind nicht gleich: Manche haben zwar Einwohner verloren, verfügen aber über ein expandierendes Umland und haben somit Chancen, mit dem Ausweisen von Wohnbauland in attraktiven Lagen wieder Einwohner zurückzugewinnen. Andere Städte verzeichnen trotz Einwohnerrückgangs aufgrund ihrer Ausbildungsstätten einen steten Zustrom jüngerer Personen und könnten Strategien entwickeln, größere Teile dieses qualifizierten Humankapitals auf ihrem Gebiet zu binden, indem z.B. günstige Rahmenbedingungen für Ausgründungen aus Hochschulen und Forschungsinstituten geschaffen werden.

Weitere Städte haben Vorteile durch ihre Lage an Verkehrsadern und -knoten und können sich durch großzügige Ausweisung von Gewerbeflächen als Logistikstandorte spezialisieren. Wieder andere haben bisher überhaupt keine nennenswerte Suburbanisierung erfahren, sind aber von einer attraktiven Naturlandschaft umgeben oder verfügen über interessante historische Bausubstanz, so dass die Voraussetzungen für die Entwicklung als Tourismusstandort gegeben sind. Um eine Stadt entsprechend zu profilieren, ist es erforderlich, Besucher anderer Regionen anzulocken und Angebote für temporäre Aufenthalte zu entwickeln, während das Anwerben neuer Einwohner nachrangig ist.

Beispiele wie diese sollen verdeutlichen, dass jede Stadt ihre eigene Kombination von Ressourcen "entdecken" und strategisch weiterentwickeln muss. Es ist durchaus möglich, dass im Rahmen solcher Strategien vielfach Abrisse von Gebäuden und Anlagen, eventuell sogar umfangreichere Umbaukonzepte für größere Teile des gebauten Stadtkörpers erforderlich sein werden. Diese Politik des Stadtumbaus wäre aber im Unterschied zuden derzeit vorwiegend zum Zweck derMarktbereinigung durchgeführten Wohnungsabrissen gezielt darauf ausgerichtet, bestimmte lokale Standortfaktoren und die Chancen der jeweiligen Stadt als Wirtschaftsstandort und als Ort der Zuwanderung insgesamt zu verbessern.

Eine Anmerkung zum Schluss: Bei ihrem Bemühen, den Trend zu abnehmenden Einwohnerzahlen zu stoppen, stehen viele ostdeutsche Städte vor dem Handicap, dass sie die Potenziale der EU-Osterweiterung vornehmlich noch als Risiken und weniger als Chancen wahrnehmen. Ängste vor Überfremdung trotz eines nach wie vor sehr geringen Ausländeranteils (im Vergleich zu denwestdeutschen Städten) und geringe Erfahrung mit der Integration von Personen mitnichtdeutschem kulturellen Hintergrund wirken hier als Blockaden. Dies trifft besonders auf die Städte in den östlichen Grenzregionen zu, die überdurchschnittliche Einwohnerrückgänge verzeichnen und relativ schnell von einer Zuwanderung aus Osteuropa profitieren könnten.

Fußnoten

1.
Vgl. Peter Franz/Raimar Richert/Manfred Weilepp, Suburbanisierung von Handel und Dienstleistungen in Ostdeutschland - Auswirkungen auf die Innenstädte und Maßnahmen der Gegensteuerung, in: Archiv für Kommunalwissenschaften, 36 (1997) I, S. 48 - 72.
2.
Vgl. z.B. Rüdiger Göb, Die schrumpfende Stadt, in: Archiv für Kommunalwissenschaften, 16 (1977) II, S. 149 - 177.
3.
Vgl. Hartmut Häußermann/Walter Siebel, Die Chancen des Schrumpfens: Plädoyer für eine andere Großstadtpolitik, in: Die Zeit vom 22. März 1985, S. 33 - 37; dies., Die schrumpfende Stadt und die Stadtsoziologie, in: Jürgen Friedrichs (Hrsg.), Soziologische Stadtforschung, Sonderheft 29 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Opladen 1988, S. 78 - 94.
4.
Vgl. Tim Rieniets, Weltweites Schrumpfen, in: Philipp Oswalt (Hrsg.), Schrumpfende Städte, Bd. 1: Internationale Untersuchung, Ostfildern 2004, S. 20 - 33.
5.
Vgl. Günter Herfert, Regionale Differenzierung der demographischen Entwicklung in den neuen Ländern 2000 - 2002; Pressemitteilung des Leibniz-Instituts für Länderkunde am 27.10. 2004.
6.
Vgl. Franz Barjak/Peter Franz/Gerhard Heimpold/Martin Rosenfeld, Regionalanalyse Ostdeutschland: Die wirtschaftliche Situation der Länder, Kreise und kreisfreien Städte im Vergleich, in: Wirtschaft im Wandel, 6 (2000) 2, S. 31 - 55.
7.
Vgl. z.B. Christine Hannemann, Schrumpfende Städte in Ostdeutschland - Ursachen und Folgen einer Stadtentwicklung ohne Wirtschaftswachstum, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (ApuZ), 53 (2003) 28, S. 16 - 23; Hans-Peter Gatzweiler/Katrin Meyer/Antonia Milbert, Schrumpfende Städte in Deutschland? Fakten und Trends, in: Informationen zur Raumentwicklung, (2003) 10/11, S. 564; Peter Franz, Schrumpfende Städte - schrumpfende Wirtschaft? Der Fall Ostdeutschland, in: Deutsche Zeitschrift für Kommunalwissenschaften, 43 (2004) I, S. 33 - 50.
8.
P. Gatzweiler/K. Meyer/A. Milbert, ebd., S. 564.
9.
Vgl. Joachim Ragnitz/Gerald Müller/Anita Wölfl, Produktivitätsunterschiede und Konvergenz von Wirtschaftsräumen - Das Beispiel der neuen Länder, Halle/S. 2001 (IWH-Sonderheft 3/2001).
10.
Vgl. Thilo Lang/Eric Tenz, Von der schrumpfenden Stadt zur Lean City. Prozesse und Auswirkungen der Stadtschrumpfung in Ostdeutschland und deren Bewältigung, Dortmund 2003, S. 48, 73ff.
11.
Vgl. P. Franz (Anm. 7), S. 48f.
12.
Vgl. zu einem solchen Szenario C. Hannemann (Anm. 7), S. 20ff.
13.
"In zehn Jahren ist Weißwasser ein Rentnerheim und von Aussiedlern zerstört und runtergewirtschaftet. Die jungen Leute sind im Westen. Arbeit gibt es hier keine mehr. Und für Reiche und Rentner stehen die alten Grubenlöcher als Naherholungsgebiet zur Verfügung, also eine Freizeitgesellschaft. Die ganze Gegend ist heute schon an den Westen verraten und verkauft worden. Die deutsche Einheit wird es wohl nie geben. Hass zwischen Ossis und Wessis. Ein Staat gegen die kleinen Leute, schlimmer als bei Honecker. Alle Ostdeutschen haben Wut im Bauch!" Sigrun Kabisch/Matthias Bernt/Andreas Peter, Stadtumbau unter Schrumpfungsbedingungen. Eine sozialwissenschaftliche Fallstudie, Wiesbaden 2004, S. 137.
14.
In bewusster Absetzung von dieser angebotszentrierten Perspektive versucht derzeit das Volksheimstättenwerk (vhw) als Bundesverband für Wohneigentum und Stadtentwicklung einen stärker nachfrageorientierten Ansatz in der Wohnungspolitik zu entwickeln. Vgl. dazu Peter Rohland/Bernd Hallenberg, Auf dem Weg zu einer nachfrageorientierten Verbandspolitik des vhw, in: vhw Forum Wohneigentum, 5 (2004) 4, S. 170 - 175.
15.
Vgl. Peter Franz, Implementierungsprobleme des Programms "Stadtumbau Ost", in: Gérard Hutter/Irene Iwanow/Bernhard Müller (Hrsg.), Demographischer Wandel und Strategien der Bestandsentwicklung in Städten und Regionen, Dresden 2003, S. 177f.
16.
Vgl. Irene Iwanow/Peter Franz, "Wir haben keine Chance - also nutzen wir sie!" - Herausforderungen und Handlungsspielräume für ostdeutsche Kommunen und Wohnungsunternehmen angesichts zunehmenden Wohnungsleerstands, in: Bernhard Müller/Stefan Siedentop (Hrsg.), Schrumpfung - Neue Herausforderungen für die Regionalentwicklung in Sachsen/Sachsen-Anhalt und Thüringen, Hannover 2003, S. 101f.
17.
Vgl. Peter Haug, Sinkende Einwohnerzahlen und steigende Kosten für kommunale Leistungen, in: Wirtschaft im Wandel, 10 (2004) 11, S. 306 - 312; Matthias Koziol, Folgen des demographischen Wandels für die kommunale Infrastruktur, in: Deutsche Zeitschrift für Kommunalwissenschaften, 43 (2004) I, S. 69 - 83.
18.
Vgl. dazu auch Heike Liebmann, Stadtumbau Ost: Umdenken erforderlich, in: Städte im Umbruch, Online-Magazin, 2 (2004), http://www.thilolang.de/projekte/sdz/magazin/0402/8Liebmann.htm (gelesen am 15.11.2004); Anmerkung der Redaktion: Sie hierzu auch den Essay von Hartmut Häußermann.
19.
Dazu zählen z.B. Geburtsprämien, Imagepolitik, Wohnungspolitik oder Verbesserungen bei weichen Standortfaktoren.
20.
Allerdings diskriminiert die GRW in Ostdeutschland zwischen A- und B-Fördergebieten. Letztere erhalten aufgrund ihrer als besser eingestuften wirtschaftlichen Situation (dazu zählen z.B. die Städte Leipzig, Halle und Magdeburg) im Förderfall einen um sieben Prozentpunkte niedrigeren Fördersatz. Vgl. dazu den derzeit noch gültigen 31. Rahmenplan der Gemeinschaftsaufgabe "Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur", Bundestagsdrucksache 14/8463, S. 47. Weitgehend autonom entscheiden die Städte über die Höhe des in ihren Grenzen geltenden Gewerbesteuersatzes.
21.
Vgl. dazu Vera Dietrich/Peter Franz/Ingrid Haschke/Gerhard Heimpold, Ansiedlungsförderung als Strategie der Regionalpolitik. Theoretische Grundlagen, instrumentelle Möglichkeiten und Grenzen, Halle/S. 1998 (Schriften des IWH, Bd. 1).
22.
Ein Beispiel hierfür ist u.a. die sächsische StadtWeißwasser. Vgl. S. Kabisch/M. Bernt/A. Peter (Anm. 13).