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5.1.2005 | Von:
Stefan Plaggenborg

Sowjetische Geschichte nach Stalin

Wandlungsfähigkeit

Nach wie vor bleibt der Stalinismus das pulsierende Zentrum der sowjetischen Geschichte. In dieser Zeit wurden zentrale Merkmale des sowjetischen Systems geprägt: die kollektivierte Landwirtschaft, die Planindustrie, die Disproportionen zwischen Produktionsmittel- und Konsumgüterindustrie und das daraus folgende niedrige Konsumniveau der Bevölkerung, die "Kollektivierung" der geistigen Arbeit, das ästhetische Konzept des Sozialistischen Realismus, die Übernahme stalinistischer Werte bei den Individuen, die Gewalt, die als Gewaltandrohung auch nach Stalin nicht aufgehoben wurde. Zentralismus und Einparteistaat gab es zwar schon zuvor, doch ist es gerechtfertigt, vom strukturbildenden Stalinismus zu sprechen. Wenn vom Sozialismus sowjetischer Machart die Rede ist, dann ist der stalinistische gemeint. Dazu gehört auch die brutale Modernisierung, die Stalin als Aufholjagd auffasste: "Wir sind hinter den fortgeschrittenen Ländern um 50 bis 100 Jahre zurückgeblieben. Wir müssen diese Distanz in 10 Jahren durchlaufen. Entweder wir bringen das zuwege, oder wir werden zermalmt."[4] Sie wurden zermalmt. Aber nicht vom Kapitalismus, sondern vom Stalinismus, und das Aufholen hat er nicht zuwege gebracht.

Das Jahr 1945 stellte für die Sowjetunion im Gegensatz zu den meisten europäischen Ländern trotz der verheerenden Kriegsverluste an Menschen, Material und Wirtschaftsleistung und trotz des Aufstiegs zur Weltmacht keinen tiefen Einschnitt in der Geschichte dar. Im Innern blieb die stalinistische Herrschaft mit all ihren bekannten Erscheinungen aus der Vorkriegszeit erhalten. Eher schon wäre 1953 als Einschnitt zu kennzeichnen, doch ist diese Zäsur keineswegs unproblematisch. Von der politischen Bühne abgetreten war der Inhaber der personalistischen Herrschaft, ohne dessen Wort keine Entscheidung von Belang fiel. Die wichtigste Veränderung war die Abkehr von den Gewaltverhältnissen des Stalinismus. Das ist das entscheidende Merkmal, das die Perioden der Sowjetgeschichte voneinander trennt. Aber der Befund sollte nicht idyllisiert werden. Chruscev hat aus Begeisterung über den bevorstehenden Übergang zum Kommunismus eine brutale Attacke gegen die "Überbleibsel" des Alten, gegen Religion, Gläubige und Priester, vom Zaun gebrochen, die stalinistische Züge trug.[5]

Das Jahr 1953 stellt auch für die sowjetische Gesellschaft nur bedingt eine Zäsur dar.[6] Eines der Erzübel des Stalinismus, die Lager, wurde nach und nach beseitigt. Gefangene kamen in den Genuss einer Amnestie oder erhielten auf administrativem Weg die Freiheit zu einem stigmatisierten Leben in einer Gesellschaft - von den staatlichen Behörden ganz zu schweigen -, die größtenteils nicht bereit war, die Lagerhäftlinge als Opfer der Gewaltherrschaft anzusehen. Die durch Raumerschließungsmaßnahmen und Rohstoffgewinnung im Zuge der stalinistischen Industrialisierung entstandene Migration setzte sich fort. Auch die mächtige Urbanisierung dauerte nach 1953 an. Seit den sechziger Jahren lebte über die Hälfte der sowjetischen Bevölkerung in Städten.

Unübersehbar blieb das System erhalten. Wenn auch Chruscev den stalinistischen Sozialismus zu modernisieren suchte, konnte und wollte er an den Strukturmerkmalen nichts ändern. Es ist deswegen gerechtfertigt, von einer stalinistischen Strukturkontinuität bis in die Zeit der Perestrojka hinein zu sprechen. Andererseits haben alle Führungen nach Stalin versucht, sich vom Stalinismus zu lösen. Dies geschah auf den verschiedenen Gebieten zu unterschiedlicher Zeit und mit unterschiedlicher Intensität. Der stalinistischen Strukturkontinuität entspricht deshalb als Parallelerscheinung die asynchrone Entstalinisierung. Die Perestrojka bildete den Höhepunkt der Fundamentalreformen. Zwangsläufig verknüpfte sich in dieser Zeit die Neuorientierung mit der Kritik am überkommenen System. Der Stalinismus und seine Aufarbeitung, die Rehabilitierung der Opfer, die Defizite in der Landwirtschaft und Industrie, das mangelnde Konsumniveau der Bevölkerung, die Verfahren der Sowjetdemokratie und - lange Zeit unterdrückt - die Frage der Nationalitäten verklammerten die Perestrojka mit einer Vergangenheit, die sie letztlich überwältigte. Gorbac ev und seine Anhänger suchten deshalb die Zeit vor Stalin zur Unterstützung ihrer Politik zu mobilisieren: den "guten" Lenin, die Neue Ökonomische Politik der zwanziger Jahre.

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass in der Zeit zwischen 1953 und den späten sechziger Jahren, in der verschiedene Sozialismusreformen in Angriff genommen wurden, ehemalige Stalinisten das Ruder herumwarfen. Chruscev, der in die Geschichte als die Verkörperung der Entstalinisierung eingegangen ist, hatte Stalin treu gedient und Massenmord empfohlen, als er während des großen Terrors im Juli 1937 eine Liste mit 8500 Personen aufstellen ließ, die zu erschießen seien.[7] Stalinisten also begannen die Entstalinisierung, die in den Kompaktreformen Chruscevs zu einem ersten Höhepunkt kam. Stalinisten um Brez nev verfolgten einen moderaten Weg der Dynamisierung des Systems (bevor sie Mitte der Siebzigerjahre in Lethargie verfielen). Das Regime besaß die Fähigkeit zur Selbstkorrektur, aber nur in dem Ausmaß, wie das System nicht in Frage gestellt wurde. Aus diesem Grunde waren alle politischen Führungen nach Stalin Gefangene des Stalinismus. Wer versuchte, daraus auszubrechen, zerstörte das System und entzog die Grundlage des fortgesetzten historischen Handelns im Horizont des bolschewistischen Projekts. In den Parolen der Perestrojka und ihren Ergebnissen lässt sich die Aporie auffinden: "Mehr Sozialismus" führte zu seinem Kollaps, "mehr Demokratie" zum Untergang des politischen Systems, "mehr Wohlstand" zu Armut und "neues Denken" als außenpolitisches Konzept zum Zusammenbruch des Imperiums.


Fußnoten

4.
Josef Stalin, Werke. Bd. 13, Berlin (Ost) 1955, S. 36.
5.
Vgl. T. A. C umac enko, Gosudarstvo, pravoslavnaja cerkov', verujus c ie 1941 - 1961 gg., Moskau 1999.
6.
Vgl. grundsätzlich zur Periode 1945 bis 1991 Stefan Plaggenborg (Hrsg.), Handbuch der Geschichte Russlands, Bd. 5 (2 Teilbde.): 1945 - 1991 - Vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion, Stuttgart 2002 - 2003.
7.
Vgl. Mark Junge, Rol'f Binner, Kak terror stal "bols im". Sekretnyj prikaz No. 00447 i technologija ego ispolnenija, Moskau 2003, S. 19.