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28.6.2019 | Von:
Jöran Muuß-Merholz

Der große Verstärker. Spaltet die Digitalisierung die Bildungswelt? - Essay

Kopfüber ins Blaue Medium?

Wir sprechen in der Debatte über digitale Medien auch von den "neuen Medien". Bundeskanzlerin Angela Merkel prägte bei einer Pressekonferenz mit dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama im Juni 2013 den Satz: "Das Internet ist für uns alle Neuland." Manche, die sich bereits länger mit digitalen Medien beschäftigen, belächeln diese Wortwahl und weisen darauf hin, dass zahlreiche Formen digitaler Medien seit Jahrzehnten existieren und für viele, insbesondere junge Menschen, selbstverständlich seien.

Ich halte Begriffe wie "neue Medien" oder "Neuland" dagegen für hilfreich. Sie machen nämlich deutlich, dass wir es nicht nur mit einer Verstärkung oder mit einer Optimierung dessen zu tun haben, was schon da war, sondern tatsächlich mit etwas Neuem, mit etwas grundlegend Anderem als der alten Medienwelt. Das gilt umso mehr, wenn man in Betracht zieht, dass Digitalisierung kein statischer Zustand ist. Die digitalen Medien verändern sich mit hohem Tempo und in unvorhersehbare Richtungen. Unser Thema entwickelt sich weiter, noch während wir darüber nachdenken und sprechen. Die Rede von neuen Medien ist also durchaus sinnvoll.

Gehen wir einen Schritt zurück zu den Pinguinen, die sowohl mit dem blauen als auch mit dem grünen Medium vertraut sind. Im historischen Maßstab haben wir Menschen, die bisher im grünen Medium heimisch waren, das blaue Medium gerade erst kennengelernt. Genauer gesagt: Wir haben mit dem Kennenlernen eben erst begonnen. Einige stürzen sich gleich kopfüber hinein in das neue Medium, während andere zögernd am Ufer stehen und es zaghaft mit dem großen Zeh austesten.

Wie können wir uns angesichts der großen Ungewissheiten verhalten, mit denen wir im digitalen Wandel den neuen Medien gegenüberstehen? Eigentlich ist schon diese Frage falsch formuliert. Denn wir stehen den digitalen Medien nicht gegenüber, sondern wir stehen mittendrin. Wir versuchen herauszufinden, wie dieses neue Medium funktioniert und wie es sich anfühlt.

Neue Einigkeit?

Fragen zur Digitalisierung in der Bildung wurden in Deutschland lange nur am Rande oder gar nicht behandelt. Mittlerweile hat sich das geändert. Wir sehen aktuell nicht einen Hype, sondern geradezu eine Hysterie. Die Forderung, Bildung müsse digitaler werden, ist allgegenwärtig. In begrenzter Hinsicht mag die Digitalisierungseuphorie begründet sein. Mit bunten Apps mag das Lernen von Vokabeln, das Üben von Matheaufgaben oder das Aneignen von Regeln der neuen Datenschutzgrundverordnung leichter, schneller und günstiger sein, ja möglicherweise sogar Spaß machen. Mit Erklärvideos lassen sich frontale Belehrungen mehrmals wiederholen, wahlweise im halben oder doppelten Tempo. Die Tafel kann durch Powerpoint-Präsentationen mit Animationen und Videos ersetzt werden. Und mit Lernplattformen lassen sich Materialien und Kommunikationsprozesse cloudbasiert vervielfältigen und beschleunigen. Bei Politik und Wirtschaft, Lehrer*innen und Schüler*innen, Journalist*innen und Stiftungen scheint eine Konsensstimmung zu herrschen, dass es einem unheimlich werden kann. Das Unbehagen ist begründet, denn hinter der oberflächlichen Digitalisierungseuphorie steckt die Vorstellung, unser traditionelles Verständnis von Lehren und Lernen mit digitalen Mitteln zu optimieren, ohne die Grundannahmen der Bildung anzutasten. Anders formuliert: Wir gießen den alten Wein in Hightech-Schläuche.

Der Umbruch ist aber von grundsätzlicher Natur. Das lässt sich daran erkennen, dass die großen Fragen sich über Altersstufen und Bildungsbereiche hinweg gleichen. Im Bankenhochhaus in Frankfurt am Main, in der nächstgelegenen Schule sowie in Hoch- und Volkshochschulen stehen die Verantwortlichen vor ähnlichen Fragen in Bezug auf ihre Mitarbeiter*innen, Studierenden, Kursteilnehmer*innen oder Schüler*innen. Was machen wir, wenn diese Lernenden privat eine bessere technische Ausstattung haben, als wir ihnen in den Bildungsinstitutionen bieten können? Wie gehen wir damit um, dass sie lieber über Whatsapp kommunizieren als mit den von uns bereitgestellten Mitteln? Wissen wir überhaupt, welche Infrastruktur im Moment bei ihnen beliebt ist – und was sagt der oder die Datenschutzbeauftragte dazu? Was tun wir, wenn im Internet tausend andere Quellen neben das von uns angebotene Material treten?

Digitale Medien erscheinen als eine Form von Kontrollverlust für alle diejenigen, die im traditionellen System an den Hebeln saßen.[4] Plötzlich verfügen die Lernenden über technische Möglichkeiten, die die Autorität von Institution und Lehrpersonen zu untergraben drohen. In den vergangenen Jahren eigneten sich zunächst diejenigen die digitalen Medien an, die in den etablierten Settings die Schwächeren sind: die Lernenden. Mit dem Smartphone auf beziehungsweise unter dem Tisch konnten sie viele Strukturen, Routinen und Kontrollen umgehen oder sich zunutze machen.

Wer heute über eine Bildungsmesse läuft, sieht die Gegenreaktion überall auf den Werbebannern. Das Versprechen lautet: Die Bildungsinstitution kann die Kontrolle zurückgewinnen. Im ersten Schritt sollten die alten Verhältnisse wiederhergestellt werden, indem die digitalen Geräte verboten und weggesperrt werden. Mittlerweile steht bereits eine zweite Stufe der Reaktion auf den digitalen Kontrollverlust an. Bei dieser geht es um den gegenteiligen Ansatz: Bildungsinstitutionen gewinnen die Kontrolle nicht trotz, sondern durch digitale Medien zurück. Wenn Hardware und Software in der Hand der Institution oder der Lehrperson liegen, dann lasse sich darüber das Verhalten der Lernenden beobachten und steuern – und zwar potenziell um Größenordnungen besser als ohne digitale Medien. Diese "Kontrolle 2.0" ist das neue große Versprechen der Digitalisierungsindustrie. Die Frage allerdings bleibt, ob dies im Dienste des Lernens geschieht und nicht um der Kontrolle selbst willen.

Die Progressiveren unter den Verantwortlichen fragen sich: Wie können wir erreichen, dass die Lernenden angesichts der neuen digitalen Möglichkeiten in der Lern- und Arbeitswelt mit mehr Selbststeuerung agieren, dass sie stärker auf Zusammenarbeit und Kreativität setzen, in einer unübersichtlichen Welt kritischer und souveräner denken und handeln? Und was tun wir, wenn wir den Lernenden mehr Freiheit und Selbstständigkeit zugestehen, diese aber gar nicht so frei und selbstständig sein wollen, wie wir es vorgesehen hatten? Ist das alles nur eine Frage der richtigen Haltung? Oder haben wir mit unseren Bildungsorganisationen den Lernenden jahrzehntelang Freiheit und Selbstständigkeit ausgetrieben? Vielleicht fehlt den Lernenden das richtige Rüstzeug für das digitale Zeitalter? Aber fehlt dieses den Verantwortlichen selbst nicht auch? Und ist das Ganze nur eine Frage der richtigen Medien und der entsprechenden Methoden? Oder braucht es angesichts des großen Umbruchs nicht eine grundsätzliche Debatte über die Inhalte und Ziele von Bildung im 21. Jahrhundert?

Bei einem genauen Blick in die Praxis ist der Konsens über die Versprechungen der Digitalisierung also doch nicht flächendeckend. An vielen Bildungsorten gibt es eine Spaltung. Vielleicht war sie schon vorher da. Je lauter die Digitalisierungsdebatte aber wird, desto sichtbarer und tiefer wird sie. Gegenüber den Befürworter*innen der digitalen Erneuerung haben sich die Skeptiker*innen formiert. Sie warnen vor einem Verlust von jahrhundertealten Kulturtechniken und Werten, vor Technisierung und Kommerzialisierung, einem Verlust an Menschlichkeit und einer Abhängigkeit gegenüber den Maschinen.

Nun könnte aus der Auseinandersetzung zwischen Freund*innen und Skeptiker*innen der Digitalisierung eine denkbar fruchtbare Debatte entstehen. Aber sie ist stattdessen denkbar furchtbar. Die Positionen polarisieren sich, die Gräben weiten sich, die Vereinfacher*innen und Zuspitzer*innen treten auf den Plan. Am deutlichsten wird das dort, wo diejenigen betroffen sind, über die man am einfachsten entscheiden kann: Kinder und Jugendliche. Vielen Schulen ist ein hoher Stellenwert digitaler Medien zunehmend wichtig. Die Industrie sucht sogar "die digitalste Schule" – von Düsseldorf, von Hamburg oder gleich von ganz Deutschland.[5] Andere Schulen definieren sich stolz darüber, eine Art digitalen Schonraum zu bieten. Zahlreiche Expert*innen bringen sich mit vorzugsweise extremen Positionen in Stellung, wollen beispielsweise das Smartphone für Kinder und Jugendliche verbieten, wahlweise bis zum Alter von 14, 16 oder 18 Jahren.[6]

Die Polarisierung verläuft nicht nur zwischen den Schulen und anderen Bildungsorten, sondern häufig mitten durch Kollegien und Teams. Es ist unklar, wohin diese Spaltung uns in den nächsten Jahren führen wird. Steht uns eine stärkere Polarisierung bevor, mit starken Kontrasten zwischen einzelnen Schulen oder sogar einzelnen Lehrenden? Einiges spricht dafür. Schon jetzt sehen wir große Unterschiede in den Leitbildern der Bildungseinrichtungen, im pädagogischen Selbstverständnis, in den Grundformen von Lehren und Lernen. Es ist denkbar und wahrscheinlich, dass Digitalisierung diese Richtungsunterschiede noch verstärken wird.

Fußnoten

4.
Vgl. Jöran Muuß-Merholz, Schule in der Digitalen Gesellschaft: Warum wir neu lernen müssen, in: Log In. Informatische Bildung und Computer in der Schule 180/2015, S. 36–42.
5.
Vgl. Sandro Abbate, GigaSchule: Vodafone sucht die digitalste Schule Düsseldorfs, 6.6.2018, http://www.vodafone.de/featured/inside-vodafone/gigaschule-vodafone-sucht-die-digitalste-schule-duesseldorfs«; Hamburg’s beste Schule im digitalen Wandel gesucht, Januar 2019, http://www.hk24.de/produktmarken/ausbildung-weiterbildung/digitaler-schulpreis/4277468«; Adobe sucht Deutschlands Digitalste Schule, 19.3.2018, http://www.cobra-shop.de/1181-Adobe«.
6.
Vgl. Christian Rothenberg/Dietmar Neuerer, Internetexpertin der Bundesregierung will Smartphone-Verbot für Kinder unter 14 Jahren, 15.2.2019, http://www.handelsblatt.com/23991302.html«;Jessica Balleer, Hirnforscher empfiehlt Smartphones erst ab 16 Jahren, 24.5.2016, rp-online.de/_aid-18103427; Rheinische Post Digital, Forscher für Smartphone-Nutzung erst ab 18 Jahren, 21.10.2018, rp-online.de/_aid-33952593.
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Autor: Jöran Muuß-Merholz für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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