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28.6.2019 | Von:
Helen Knauf

Kita 2.0. Potenziale und Risiken von Digitalisierung in Kindertageseinrichtungen

Arbeit mit Eltern

Kommunikation zwischen pädagogischen Fachkräften und Eltern findet meist persönlich statt, beispielsweise bei Übergabesituationen, Elterngesprächen oder Elternabenden. Darüber hinaus vollzieht sich ein Teil dieser Kommunikation durch Medien aller Art: Aushänge, Informations- und Erinnerungszettel sowie Briefe spielen traditionell eine Rolle. In neuerer Zeit hinzugekommen sind E-Mails und Chatgruppen oder wie in der zu Beginn geschilderten Situation Online-Plattformen mit Benachrichtigungsfunktion.

Bei der Arbeit mit Eltern zeigt sich besonders deutlich, wie sich die Kommunikationsgewohnheiten an die Lebenspraxis der Beteiligten anpassen: Indem Eltern ebenso wie die Fachkräfte durch ihr Smartphone in der Regel dauerhaft vernetzt mit der Welt sind, fließt die Eltern-Fachkraft-Kommunikation fast schon natürlich in diesen Kommunikationsstrom ein. Sie wird Teil der verschiedenen Informationen, die über die unterschiedlichen digitalen Kanäle aufgenommen werden.

Aus Sicht von Fachkräften ist diese unmittelbare Kommunikation nicht nur wegen ihrer geschmeidigen Integration in die Arbeitsabläufe attraktiv. Als Vorteil sehen sie auch die inhaltliche Fokussierung auf das konkrete Tun des einzelnen Kindes.[13] Denn die Kommunikation beschränkt sich nicht auf die Ankündigung eines Ausflugs, sondern bezieht vermeintlich kleine alltägliche Bildungsmomente wie das Entdecken eines Käfers in den Austausch ein. Diese intensivere Kommunikation erleben viele Fachkräfte als positiv: Sie fühlen sich in ihrer Arbeit stärker wahrgenommen und wertgeschätzt; zudem empfinden sie sich mit Blick auf die Eltern als wirksamer, denn sie haben den Eindruck, dass ihre Botschaften bei diesen auch tatsächlich ankommen.

Besonderes Potenzial haben digitale Instrumente bei der Kommunikation mit Eltern und Familien, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Denn Texte und Sprachnachrichten, die beispielsweise mit einem Smartphone empfangen werden, können mit leichter Hand mittels Übersetzungswerkzeugen im selben digitalen Endgerät übersetzt werden. Die wachsende Bedeutung von Fotos und Videos unterstützt das gegenseitige Verstehen ohne Sprache oder mit einfachen sprachlichen Mitteln. Dadurch kann der Dialog zwischen Fachkräften und Eltern verbessert werden; die Partizipation nicht-muttersprachlicher Familien erhöht sich.[14] Solche Potenziale bestehen jedoch letztlich mit Blick auf alle Familien, denn Studien weisen darauf hin, dass Fachkräfte oftmals direktiv mit Eltern kommunizieren.[15] Eine verstärkte Kommunikation über digitale Kanäle bietet dagegen die Chance, verstärkt auf Augenhöhe zu kommunizieren.

Die Nutzung digitaler Werkzeuge zur Kommunikation mit Eltern ist jedoch auch kritisch zu sehen. Erfahrungen von Fachkräften zeigen, dass sie durch die Verwendung von Portfolio-Apps deutlich häufigere Kontakte mit Eltern haben und es zu einem engeren Austausch kommt. Diese Betonung von Kommunikation bedeutet zugleich eine Verlagerung nach außen: Während die Tätigkeit in der Kindertageseinrichtung bislang weitgehend abgeschirmt stattfand, wird sie durch digitale Werkzeuge transparenter und sichtbarer – sowohl im Kollegenkreis als auch gegenüber den Eltern. Indem die Kommunikation in den Vordergrund tritt, geraten jedoch andere Aspekte der pädagogischen Arbeit in den Hintergrund. Die Repräsentation der pädagogischen Handlungen kann so wichtiger werden als die pädagogischen Handlungen selbst. Hier besteht die Gefahr, dass mit der wachsenden Kommunikationsorientierung interne Vorgänge an Bedeutung verlieren, etwa die Interaktion mit den Kindern zugunsten der Interaktion mit den Eltern. Die stärkere Sichtbarkeit kann zudem zu einer wachsenden Kontrolle der Kinder und der Arbeit der Fachkräfte führen. Der Soziologe Frank Furedi hat dieses Phänomen in einer "Kultur der Angst" beschrieben und als "Paranoid Parenting" bezeichnet.[16] Furedi beschreibt Beispiele, bei denen Kindertageseinrichtungen Eltern die Möglichkeit geben, das Wohlergehen ihrer Kinder ununterbrochen über eine Videokamera zu beobachten. Aus der Idee des Austauschs zwischen Fachkräften und Eltern können so neue Ansprüche an eine lückenlose Transparenz erwachsen. Die Digitalisierung schafft hierfür ideale technische Voraussetzungen.

Vor- und Nachbereitung

Im Handlungsfeld der Vor- und Nachbereitung der pädagogischen Arbeit vollzieht sich die womöglich tief greifendste Transformation: In den vergangenen Jahren sind umfassende Softwarelösungen entwickelt worden, die Fachkräfte bei der Bewältigung der pädagogischen Arbeit unterstützen. Besondere Bedeutung kommt dabei Apps zu, mit denen ein digitales Portfolio für jedes Kind erstellt werden kann.

Portfolios sind ein in Deutschland weit verbreitetes Instrument, um die Bildungsprozesse von Kindern zu dokumentieren.[17] Dabei werden beispielsweise für die Entwicklung des Kindes bedeutsame Situationen mit Fotos oder in Lerngeschichten festgehalten sowie Bilder, die die Kinder gemalt haben, und weitere als wertvoll angesehene Dokumente gesammelt. Bei einem digitalen Portfolio werden all diese Elemente mithilfe eines Tablets zusammengetragen, etwa in Form von Fotos, und in virtuellen Ordnern abgelegt. Je nach Programm und Konfiguration können die Eltern das Portfolio ihres Kindes einsehen und werden über neue Einträge automatisch informiert. In einigen Apps sind zudem Instrumente zur Diagnostik, beispielsweise der Sprachentwicklung, integriert; es können Hol- und Bringzeiten gespeichert und Schlaf- und Essverhalten des Kindes protokolliert werden. Mit dem digitalen Portfolio kann ein umfangreiches Dossier über jedes Kind entstehen. Auf diese Weise können die pädagogischen Fachkräfte dem im "Gemeinsamen Rahmen der Länder für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen" und in den Bildungsplänen der Bundesländer festgeschriebenen Anspruch der "systematischen Beobachtung und Dokumentation der kindlichen Entwicklungsprozesse" nachkommen.[18] So verbindet das digitale Portfolio verschiedene fachliche und auch administrative Aufgaben, die Fachkräfte rund um die direkte Tätigkeit mit den Kindern erledigen müssen.

Getrieben wird dieser Prozess auch dadurch, dass viele pädagogische Fachkräfte den Einsatz digitaler Werkzeuge als sehr motivierend empfinden. Die Perfektion der beispielsweise in einer Portfolio-App entstehenden Einträge im Hinblick auf Ästhetik, Systematik und Effizienz kann die Arbeitszufriedenheit maßgeblich steigern. So vermitteln digitale Werkzeuge gerade in einem komplexen, von verschiedenen und immer neuen Anforderungen geprägten und teilweise auch überfrachteten Arbeitsgebiet den Eindruck, diese Aufgaben überhaupt bewältigen zu können. Formulare, Erinnerungsmeldungen oder digitale Ablagesysteme erleichtern es, die Übersicht zu behalten und den Anforderungen zu entsprechen. So entsteht insgesamt der Eindruck, eine höhere Qualität der Arbeit zu erreichen.

Die wachsende Systematik hat jedoch auch Schattenseiten: Es werden immer mehr Daten über das einzelne Kind, seine Familie, die Kindergruppe und letztlich auch über die Fachkräfte gesammelt und ausgewertet. Das vermehrte Sammeln von Daten hat zunächst schlicht zur Folge, dass weniger Zeit und Aufmerksamkeit für die direkte Interaktion mit Kindern zur Verfügung stehen. Darüber hinaus ist eine zunehmende Verschmelzung mit den diagnostischen Instrumenten zu beobachten, die beispielsweise Sprachdefizite oder (drohende) Behinderungen erfassen. Diese Datafizierung[19] ist mit Blick auf die zunehmende Überwachung und Kontrolle von Kindern, Familien sowie von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern problematisch. Auch bedienen diese Daten möglicherweise die Datensammelwut eines "Überwachungskapitalismus".[20] Zumindest ist jedoch ein kritischer Blick darauf zu werfen, dass die Bildungsbiografie eines Kindes und das Erziehungsverhalten von Familien für staatliche Stellen immer umfassender kontrollierbar werden.

Digitale Unterstützung erhalten pädagogische Fachkräfte zunehmend auch bei der Weiterbildung. Fachinformationen sind heute nicht mehr nur über Zeitschriften, Bücher und Präsenzseminare verfügbar. Websites und online einsehbare Volltextarchive ermöglichen die Vorbereitung auf ein Projekt oder bei der Planung der pädagogischen Arbeit. Gruppen auf Facebook und Chats auf Twitter ermöglichen den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen in ganz Deutschland und darüber hinaus. Zunehmend entstehen gezielte Weiterbildungsangebote im Internet. Dabei wird teils mit festen Gruppen und zu bestimmten Zeiten miteinander gearbeitet, teils werden diese auch unabhängig von Ort und Zeit angeboten. Bei der digital unterstützten Weiterbildung ist ein besonderes Wachstum zu erwarten, denn dieses Angebot trifft einen Nerv: Einerseits steigt der Weiterbildungsbedarf aufgrund wachsender Anforderungen und stark steigenden Fachkräftebedarfs, andererseits fehlen angesichts des Fachkräftemangels zeitliche Ressourcen für umfangreiche Freistellungen.

Umfassende Transformation

Der Überblick über die drei pädagogischen Handlungsfelder zeigt, wie umfassend sich Digitalisierung in Kindertageseinrichtungen vollzieht. Versteht man den zunehmenden Einsatz digitaler Werkzeuge als einen tief greifenden Transformationsprozess, so stellt sich die Frage, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf den Kita-Alltag hat. Die kurze Antwort: Digitalisierung hat das Potenzial, die pädagogische Arbeit in Kindertageseinrichtungen grundlegend zu verändern, jedoch insbesondere nicht dort, wo in der Regel die Kritik ansetzt: beim Einsatz digitaler Medien durch Kinder im Rahmen medienpädagogischer Angebote.

Mit der Digitalisierung gehen wesentliche, oftmals nicht-intendierte Verschiebungen einher: von den Kindern zu den Eltern, von "innen" nach "außen", von der an den Interessen der Kinder orientierten Arbeit zur Kompetenzförderung. Digitalisierung ist also sehr viel mehr als eine technische Umstellung. Vielmehr ist sie im Kontext einer tief greifenden Mediatisierung als umfassender Transformationsprozess zu verstehen. Für Kindertageseinrichtungen kann die Digitalisierung eine Professionalisierung der Tätigkeiten bedeuten. Abläufe, Verfahren und Vorgehensweisen werden systematisiert und perfektioniert. Um dies zu ermöglichen, sind jedoch einige Grundvoraussetzungen zu schaffen, wie etwa die entsprechende technische Infrastruktur, aber auch klare rechtliche Rahmenbedingungen.[21] Der Einsatz digitaler Instrumente erleichtert die Arbeit und ist für die pädagogischen Fachkräfte meist motivierend. Es ist daher zu vermuten, dass mit fortschreitender Digitalisierung neue Anwendungsgebiete entstehen, in denen einfache Handhabung und ansprechende Optik auf weitgehend unhinterfragten Zuspruch stoßen. Die Nebeneffekte der Digitalisierung werden dann aber nicht wahrgenommen. Für Kindertageseinrichtungen, Träger, Politik und die Gesellschaft ist es daher von großer Bedeutung, gerade die Nebeneffekte zu betrachten. Nur dann ist es möglich, den Prozess der Digitalisierung in Kindertageseinrichtungen aktiv zu gestalten.

Fußnoten

13.
Grundlage der hier geschilderten Auswirkungen von Digitalisierung sind bisher unveröffentlichte Ergebnisse einer aktuellen Studie, in der pädagogische Fachkräfte aus Deutschland und Neuseeland befragt wurden. Die Studie wurde von der Autorin an der Hochschule Fulda konzipiert und umgesetzt.
14.
Vgl. Maya Garcia/Karen Nemeth, Family Engagement Srategies for all Languages and Cultures, in: Chip Donohue (Hrsg.), Family Engagement in the Digital Age, New York–London 2017, S. 199–215.
15.
Vgl. Peter Cloos/Britta Karner, Erziehungspartnerschaft? in: dies. (Hrsg.), Erziehung und Bildung von Kindern als gemeinsames Projekt, Baltmannsweiler 2010, S. 169–189.
16.
Vgl. Frank Furedi, Culture of Fear Revisited, London 2006; ders., Paranoid Parenting, London 2001.
17.
Vgl. Helen Knauf, Bildungsdokumentation in Kindertageseinrichtungen, Wiesbaden 2019.
18.
Vgl. Jugendministerkonferenz/Kultusministerkonferenz (Anm. 12), S. 5.
19.
Für Hepp ist die Datafizierung neben Ausdifferenzierung, Konnektivität, Omnipräsenz und Innovationsdichte ein typisches Merkmal "tief greifender Mediatisierung" im Zeitalter der Digitalisierung. Vgl. Hepp (Anm. 3).
20.
Vgl. Shoshana Zuboff, Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus. Wie Google und Facebook die Gesellschaft beherrschen, Frankfurt/M. 2018.
21.
Vgl. Eva Reichert-Garschhammer, Digitale Transformation im Bildungssystem Kita, in: Jacqueline Heider-Lang/Alexandra Merkert (Hrsg.), Digitale Transformation in der Bildungslandschaft – den analogen Stecker ziehen?, Augsburg–München 2019, S. 26–51.
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