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24.11.2006 | Von:
Bernhard Seliger

Die neue politische Ökonomie Ostasiens und die Rolle Chinas

Die Einbeziehung der Volksrepublik China in die regionalen Integrationsbemühungen ist wichtig. Dabei kommt dem Ausgleich mit Japan ein zentraler Stellenwert zu. Eine umfassende ostasiatische Integration kommt diesem Ziel näher als der Abschluss einer Vielzahl bilateraler Freihandelsabkommen, in denen China dominieren würde.

Einleitung

Optimisten lernen Russisch, Pessimisten lernen Chinesisch" hieß es in den Zeiten des Kalten Krieges. Heute scheint dieser nicht ganz ernst gemeinte Spruch aktueller denn je - die Herausforderung, welche die chinesische Wirtschaft für die entwickelten Volkswirtschaften in Europa und Amerika darstellt, wird allerorten diskutiert. Die Zunahme von Textilimporten aus der Volksrepublik China (im Folgenden: China), die zu einer Quotenregelung für chinesische Textilien führten, hat ebenso dazu beigetragen, diese Herausforderung in das Bewusstsein der Europäer zu rücken, wie die Übernahme europäischer Firmen durch neue chinesische Mitbewerber und die Zunahme des chinesischen Massentourismus.[1]




Dabei ist der Aufstieg Chinas zur wirtschaftlichen Großmacht nicht neu. Er begann mit den Reformen unter Deng Xiaoping abdem Jahr 1978. Nachdem China unter Mao Zedong und seinen Nachfolgern jahrzehntelang von Armut und Hungersnöten in einer dysfunktionalen Zentralverwaltungswirtschaft geprägt war, haben die marktwirtschaftlichen Reformen zunächst in der Landwirtschaft und dann auch in der Industrie zu einem rasanten Wachstum geführt. Seitdem ist die chinesische Wirtschaft (das Bruttoinlandsprodukt, BIP) jährlich um durchschnittlich neun, die Industrie sogar um elf Prozent gewachsen. Ein Ende dieses Booms ist noch nicht abzusehen; im Jahr 2006 wird wieder eine zweistellige Wachstumsrate erwartet. Dank großer Handelsüberschüsse von bis zu200 Milliarden US-Dollar jährlich wird China in diesem Jahr wohl die Grenze von 1 000 Milliarden US-Dollar bei den Devisenreserven überschreiten - ein Weltrekord, der jedoch wegen des ungelösten Problems der weiteren Entwicklung des Wechselkurses für den Yuan nicht nur Freude bei den chinesischen Behörden auslöst. Ein Viertel der ausländischen Direktinvestitionen in Entwicklungsländer geht nach China, dem wichtigsten Zielland für ausländische Investitionen neben den OECD-Staaten.

Während die Erfolge, aber auch die ungelösten Probleme Chinas ein Ergebnis der Entwicklung der letzten 25 Jahre sind, ist die jüngste Zeit nach der Asienkrise von 1997 und 1998 durch eine bemerkenswerte Änderung gekennzeichnet: War China vorher, bedingt durch die Konzentration auf die Entwicklung im Innern, im Wesentlichen außenpolitisch passiv - und bedingt durch den Wunsch nach Mitgliedschaft in der Welthandelsgesellschaft WTO außenwirtschaftspolitisch äußerst zurückhaltend -, so änderte sich dies in den vergangenen Jahren deutlich. Dies betrifft vor allem den Einfluss des Landes aufseine unmittelbaren Nachbarn. China hat sich hier vom passiven, wenn auch wohlwollenden Empfänger von Investitionen und Entwicklungshilfe zum aktiven Teilnehmer an regionalen Entwicklungsprozessen gewandelt. Sowohl in Südostasien als auch in Nordostasien betreibt China nun zu seiner Interessenvertretung eine aktive Außenwirtschaftspolitik. Im Rennen um Freihandelszonen, zu dem auch Japan und andere Länder der Region wie Singapur oder Südkorea angetreten sind, nimmt China inzwischen eine zentrale Stellung ein. Zu seinen traditionellen Anliegen - etwa der Eindämmung des amerikanischen Einflusses in der Region - kamen neue Interessen; vor allem die Sicherung von Rohstoffquellen, insbesondere Energie, ist wichtiger geworden. Während die aktivere Rolle Chinas in der internationalen Politik sowie in der Region im Prinzip begrüßenswert ist, gibt es auch problematische Entwicklungen, wie den Neomerkantilismus und die Zusammenarbeit mit so genannten Schurkenstaaten im Energiesektor, aber auch die Re-Interpretation der Geschichte als Grundlage für territoriale Forderungen, die sich aus der Situation Chinas als Vielvölkerstaat ergeben.

Diese Neuformulierung der Rolle Chinas wirft für seine Nachbarn die Frage auf, wie auch in Zukunft die wirtschaftliche Dynamik Chinas als positiver Faktor für die regionale Wirtschaftsentwicklung genutzt werden kann, ohne dass sich daraus eine politische Dominanz ergibt. Im Folgenden soll diese Frage zunächst für den südostasiatischen, dann für den nordostasiatischen Raum untersucht werden. Abschließend wird die Möglichkeit diskutiert, durch umfassende Wirtschaftsintegration in der Region der Problematik der wuchernden bilateralen, asymmetrischen Freihandelszonen sowie des Neo-Merkantilismus wirksam zu begegnen.

Fußnoten

1.
Zur Herausforderung, die China speziell für Europa darstellt vgl. Markus Taube, Die VR China als aufstrebende Macht in der Weltwirtschaft: Herausforderungen an Europa, in: Politische Studien, 57 (2006) 408, S. 26 - 35. Zu den möglichen Antworten auf diese Herausforderung vgl. Bernhard Seliger, (2006): Die chinesische und indische Herausforderung - Variationen zum alten Thema "Ordnungspolitik versus Protektionismus", www.ordnungspolitisches-portal. com/00_Index_Aktuelles.html.