Die Erde über dem Mondhorizont, im Vordergrund die Oberfläche des Mondes. Aufgenommen während der Apollo 11 Mission, dem ersten bemannten Flug mit einer Mondlandung, 20.07.1969.

12.7.2019 | Von:
Julia Richers

Roter Kosmos. Kulturgeschichte des Raumfahrtfiebers in der Sowjetunion

Der Himmel unter Stalin

Auch Stalin ließ den Raketenpionier Ziolkowski ehren. Anlässlich seines 75. Geburtstages erhielt Ziolkowski 1932 den Orden des Roten Arbeiterbanners. Aus Dankbarkeit unterzeichnete er kurz vor seinem Tod ein vorformuliertes Schreiben, das besagte: "Alle meine Arbeiten über das Flugwesen, das Fliegen mit Raketen und den interplanetaren Verkehr übergebe ich der Partei der Bolschewiki und der Sowjetmacht – den wahren Führern beim Fortschritt der menschlichen Kultur."[15] Als er 1935 starb, erließ der Rat der Volkskommissare ein Dekret, das sein Andenken unsterblich machen sollte.

Doch mit der Wende zum Stalinismus wurde immer deutlicher, dass die allzu visionären kosmischen Ideen und utopischen Höhenflüge der frühen Sowjetzeit – zumindest vorerst – nicht mehr erwünscht waren. Für Stalin war mit seiner Allmacht und Allwissenheit die Utopie in der Wirklichkeit angekommen – die Gegenwart wurde zur "vorweggenommenen Zukunft".[16] Träume, Visionen und Phantasien mussten der materiellen Machbarkeit und Umsetzung konkreter Projekte weichen. Stalins Vorstellungen vom Himmelssturm trugen folglich weit "bodenständigere" Züge und beschränkten sich vornehmlich auf die erdnahe Aviatik. Diese konnte aber durchaus ebenfalls weite Teile der Bevölkerung faszinieren, begeistern und mitreißen. Bei der Eroberung der Lüfte hatte man insbesondere die sowjetische Jugend im Blick, weshalb man 1931 dem Jugendverband Komsomol die Obhut über Stalins Rote Luftflotte übertrug. Die Massenorganisation mobilisierte Zehntausende Jungen und Mädchen für den Flugsport und das Fallschirmspringen. Die Ausbildung in Aviatik genoss hohes Ansehen und galt als eine Art Kaderschmiede. So durchliefen die späteren Kosmonauten ebenfalls die Fliegerklubs des Komsomol.

Die eigentliche Raketenforschung hingegen erhielt unter Stalin erstaunlicherweise bis kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kaum staatliche Unterstützung. Im Gegenteil, Pioniere wie Koroljow wurden während der großen "Säuberungen" für Jahre in Arbeitslager verbannt. Hingegen beeilte man sich 1945, die Pläne der deutschen Vergeltungswaffe V2 und einige ihrer Entwickler in die Sowjetunion zu transportieren, nachdem die USA mit Wernher von Braun und seinen Mitarbeitern wichtige Köpfe der deutschen Raketenentwicklung vereinnahmt hatten. Die massive Intensivierung der Raketenforschung führte schließlich im Sommer 1957 zum erfolgreichen Testflug der ersten sowjetischen Interkontinentalrakete, die dem Sputnik im Herbst desselben Jahres als Trägerrakete dienen sollte.

Beginn einer "kosmischen Ära"

Die unzähligen sowjetischen space firsts, die auf Sputnik mit Laika, Gagarin und der ersten Frau im All, Walentina Tereschkowa, folgten, läuteten gemäß Nikita Chruschtschow eine neue "kosmische Ära der Menschheit" ein, in der die Sowjetunion ungebremst eine Vorreiterrolle einzunehmen schien. Diese Ära mit ihren neuen Heldinnen und Helden zeichnete sich durch eine völlig neuartige Bild- und Medienkultur aus. Mit den ersten Menschen im All erhielt die streng geheim gehaltene Raumfahrttechnik ein menschliches Antlitz, das sich bestens vermarkten ließ. Innerhalb kürzester Zeit wurden die Kosmonauten zu "Superstars", und das – entgegen allen Gesetzmäßigkeiten des Kalten Krieges und über die symbolischen und physischen Mauern des Eisernen Vorhangs hinweg – in fast allen Ländern. Sie waren die ersten sowjetischen transnationalen, wenn nicht gar "postplanetaren" Heldenfiguren.

Innerhalb der Sowjetunion galten die Kosmonauten als die neuen Nachkriegshelden. Damit füllten sie eine Lücke, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden war. Die Tatsache, dass die kosmischen Himmelsstürmer als Kinder den Krieg selbst miterlebt hatten und nun von verschiedenen Generationen gleichermaßen enthusiastisch gefeiert und bewundert wurden, zeigt, dass es gelungen war, einen wichtigen Generationenvertrag zwischen der Kriegs- und Nachkriegsgesellschaft herzustellen, aber auch zwischen den Fliegern und Kosmonauten.

Das Kosmos- und Raumfahrtfieber vermochte unter Chruschtschow Massen von Menschen zu begeistern. Die Faszination des Himmelssturms lag sicherlich nicht nur an einer Wissenschaftsbegeisterung und einem Technikkult, sondern wahrscheinlich auch in entscheidendem Maße an dem subversiven und eskapistischen Potenzial der Thematik. Die unendliche Freiheit des weiten Weltraums stand in eklatantem Gegensatz zur Immobilität des sowjetischen Seins. War die Reisefreiheit inner- und besonders außerhalb der Sowjetunion auf einer horizontalen Ebene eingeschränkt, verhieß sie zumindest in der Vertikalen, also im Kosmos, grenzenlos zu sein.

Gleichzeitig beschwor der Kosmos auch ein neues Lebensgefühl und eine moderne Alltagskultur. Die Kosmonauten vermittelten eine neue, erträgliche "Leichtigkeit des Seins", einen Hauch von Besonderheit, eine Traumwelt voller Sterne, Glitzern und Funkeln, kurz Glamour. Mit den Raumfahrterfolgen sollten Sowjetbürgerinnen und -bürger neuen Aufschwung, Modernität, Erfolg, Euphorie, Selbstbewusstsein, Zukunft und wortwörtlichen Fortschritt verbinden. Auf die alte niederdrückende Vergangenheit des Stalinismus, des Terrors, Gulags, Krieges und der Mangelwirtschaft würde unter Chruschtschow eine Ära der Entspannung, der Tauwetter-Lockerungen und der "friedlichen Koexistenz" folgen. Es sollte vor allem vorwärts, also aufwärts gehen.

Der Kosmos und die Raumfahrt verbanden paradigmatisch alles, wofür Sowjetrussland einstand: für eine erfolgreiche Naturbezwingung durch den Neuen Menschen, für die völlige Entgrenzung der Erdenbürgerinnen und Erdenbürger aus den Fesseln der Schwerkraft, für avantgardistische Neulandgewinnung, für sowjetische Wissenschafts- und Technikgläubigkeit und schließlich auch für eine revolutionäre Vertikalität, also eine neue, vertikale Ausrichtung der Koordinaten sowjetischer Lebenswelten.

Fußnoten

15.
Ebd., S. 165.
16.
Carsten Goehrke, Russischer Alltag. Eine Geschichte in neun Zeitbildern vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart, Bd. 3: Sowjetische Moderne und Umbruch, Zürich 2005, S. 186.
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Autor: Julia Richers für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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