Die Erde über dem Mondhorizont, im Vordergrund die Oberfläche des Mondes. Aufgenommen während der Apollo 11 Mission, dem ersten bemannten Flug mit einer Mondlandung, 20.07.1969.

12.7.2019 | Von:
Alexander C.T. Geppert

Phantasie, Projekt, Produkt. Astrokultur und der Weltraum des 20. Jahrhunderts

Produkt

Mit der unerwarteten Ziellosigkeit der Raumfahrt der 1970er Jahre ging im Westen weitreichende Ernüchterung, wenn auch keine komplette Entzauberung einher. Weltraum- und Zukunftsdenken lösten sich voneinander, und der Weltraum büßte an gesellschaftlicher Popularität wie kultureller Prägekraft ein. Selbst wenn sowohl interessierte Kreise aus dem diffusen Umfeld der verschiedenen Weltraumagenturen als auch neu gegründete Lobbygruppierungen wie die L5 Society ihre Propagandabemühungen forcierten, war die zuvor weit verbreitete Hoffnung einer bevorstehenden Besiedlung der Sterne nicht länger gesellschaftlicher common sense. "Ist vielleicht auch das Ende der eben erst mit so großem Optimismus anhebenden Raumfahrt schon in Sicht? (…) Wird darum, wer heute 10 Jahre alt ist, noch erleben, wie die Astronautik in Ermangelung weiterer erreichbarer Ziele einfach wieder einschläft?", kritisierte der Wissenschaftsjournalist Hoimar von Ditfurth 1970 die "kosmische Quarantäne", in die sich die Menschheit wieder zurückgezogen habe, als Rückkehr zu einem bereits überwunden geglaubten Zustand selbstverschuldeter Unmündigkeit.[19]

Und in der Tat hat sich seit Dezember 1972 kein Mensch weiter als wenige Hundert Kilometer vom Planeten Erde entfernt und ist schon gar nicht zum Mond zurückgekehrt. Immer wieder ist zu lesen, dass ohnehin nicht die Landungen selbst, sondern die bei dieser Gelegenheit eher ungeplant entstandenen Schnappschüsse des Heimatplaneten ihr eigentlicher Ertrag gewesen seien, Souvenir und Vermächtnis zugleich. Als Gewährsmann wird gewöhnlich ein weiterer Philosoph angeführt, Günther Anders. Das entscheidende Ereignis der Raumflüge, formulierte Anders 1970, bestand "nicht in der Erreichung der fernen Regionen des Weltalls oder des fernen Mondgeländes (…), sondern darin, daß die Erde zum ersten Mal die Chance hat, sich selbst zu sehen, sich selbst so zu begegnen, wie sich bisher nur der im Spiegel sich reflektierende Mensch hatte begegnen können." Verkürzt gesprochen, habe die Perspektivumkehrung eine Rückbesinnung auf den Planeten Erde zur Folge gehabt, ein neues Bewusstsein für dessen Fragilität geschaffen und damit zur Genese der Ökologie- und Umweltbewegung der 1970er Jahre beigetragen.[20]

So zutreffend diese etwas abgedroschene Beobachtung auch sein mag, so sehr steht sie doch nur für eine Seite des sogenannten Post-Apollo-Paradoxes.[21] In der Tat lässt sich in den Nach-Apollo-Jahren eine regelrechte Blickumdrehung nachweisen, von einer expansionsorientierten Mond- und Weltraum- zurück zu einer konzentrierenden, miniaturisierenden Erdperspektive. In Filmen wie "Earth II" (1971), "Lautlos im Weltraum" (1972), "Der wilde Planet" (1973), "Dark Star" (1974), "Der Mann, der vom Himmel fiel" (1976) oder "Operation Ganymed" (1977) wurden expansive Kolonisierungsphantasien durch dystopische Katastrophenszenarien ersetzt. Kaum mehr die Schlüsseltechnologie zur Lösung aller irdischen Probleme der Zukunft, kehrte die bemannte Raumfahrt in Ost wie West nach einem Jahrzehnt totaler Mondfokussierung zum deutlich älteren Vorhaben der Etablierung einer Raumstation zurück. Die erste Salyut-Station wurde 1971 im erdnahen Orbit platziert, das US-amerikanische Gegenstück Skylab folgte 1973.

Gleichzeitig setzte eine Entwicklung ein, die das eigentliche, globale wie genuin globalisierende Vermächtnis des Weltraumzeitalters darstellt und mit den beiden komplementären Stichworten "Satellitisierung" und "Planetarisierung" der Erde hier nur angedeutet werden kann. Während 1957 zwei Satelliten stationiert wurden, waren es sieben Jahre später bereits 87 und 1976 ganze 128, die zu diesem Zeitpunkt von insgesamt sechs Nationen betrieben wurden. Bis 1986, das heißt innerhalb von 30 Jahren, waren insgesamt 2869 Satelliten im All platziert worden, zu etwa 60 Prozent für militärische Zwecke.[22] Trotz ausgebliebener Kolonisierung des Alls ist die technische Abhängigkeit von einer omnipräsenten, wenngleich unsichtbaren Infrastruktur im Weltraum seitdem genauso gewachsen wie ein planetarisches Bewusstsein. Was landläufig als Globalisierung bezeichnet wird, wäre ohne weltraumbasierte Kommunikations-, Navigations- und Aufklärungsapparaturen einerseits, eine extraterrestrische Beobachterperspektive andererseits nicht denkbar. Dies aber ist genau das Post-Apollo-Paradox: Trotz nachlassender Begeisterung in breiten Teilen der westlichen Welt war die Bedeutung des Weltraums niemals größer als nach Ende des klassischen Weltraumzeitalters. Vorgedacht oder prophezeit wurden die kommende Satellitisierung und Planetarisierung der Erde in der weltweit florierenden Astrokultur des 20. Jahrhunderts freilich nicht, ebenso wenig wie die enormen Wissensgewinne durch Astronomie und unbemannte Raumfahrt.

Fußnoten

19.
Hoimar von Ditfurth, Kosmische Quarantäne, in: ders., Zusammenhänge. Gedanken zu einem naturwissenschaftlichem Weltbild, Reinbek 1977, S. 25–28, hier S. 25.
20.
Günther Anders, Der Blick vom Mond. Reflexionen über Weltraumflüge (1970), München 1994, S. 12.
21.
Ausführlich Alexander C.T. Geppert, The Post-Apollo Paradox, in: ders., Limiting Outer Space (Anm. 6)., S. 3–28.
22.
Desmond King-Hele et al. (Hrsg.), The RAE Table of Earth Satellites 1957–1986, New York 19873, S. IV–V.
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