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13.11.2006 | Von:
Susanne Rippl
Klaus Boehnke

Europas Jugend: Protagonisten für Integration oder Nationalismus?

Verbundenheit mit Europa - Aspekte der Sozialintegration

Ein Mangel an Sozialintegration in der Europäischen Union wird von verschiedenen Autoren thematisiert. Münch betont, dass die emotionale Verbundenheit ein wichtiger Baustein für eine Integration auf der sozialen Ebene ist.[17] Sozialintegration ist allerdings ein sehr abstrakter Begriff, der empirisch nicht leicht zu fassen ist. Im Zusammenhang mit Sozialintegration wird immer auch von affektiver Bindung, Zusammengehörigkeitsgefühlen, kollektiver Identität, Solidarität, Vertrauen oder Legitimität gesprochen.[18] In der folgenden Analyse sollen einige dieser Aspekte genauer betrachtet werden - im Zentrum steht dabei die Frage nach der Haltung der "jungen Menschen" im Vergleich zu anderen Altersgruppen. Anhand der jüngsten Altersgruppe können Entwicklungstendenzen zumindest als Annäherungen für zukünftige Entwicklungen in den Blick genommen werden. Aspekte der Sozialintegration wurden in den vier Stichproben durch die Verbundenheit mit Europa, die Sympathie für die Nachbarvölker und die Haltung zu den politischen Projekten Europäische Union und EU-Osterweiterung erfasst. Einer Sozialintegration stehen Bedrohungsgefühle und Nationalismus in den jeweiligen Ländern entgegen.

Insgesamt wird erwartet, dass die soziale Integration der jüngeren Altersgruppen stärker ist, da historische Konflikterfahrungen hier weitaus geringere Bedeutung haben sollten, und dass kompensativer Nationalismus eben kein Jugendphänomen, sondern ein Reaktionsmuster der Älteren ist.

Zuerst sei ein Blick auf die gefühlsmäßige Bindung an Europa geworfen: Diese wurde auf eine sehr direkte Weise mit der Frage nach der Verbundenheit mit Europa erfasst. Insgesamt finden sich in allen Altersgruppen und Regionen relativ starke Verbundenheitsgefühle: 75 bis 90 Prozent der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland und den Grenzregionen geben an, sich mit Europa eher oder sogar sehr verbunden zu fühlen. Diese Gefühle sind in der jüngsten Altersgruppe allerdings in allen Regionen etwas geringer ausgeprägt als bei älteren Befragten. Die Verbundenheitsgefühle erreichen aber dennoch auch bei den Jungen ein relativ hohes Niveau, so dass junge Menschen im Lichte dieser ersten Analysen weder als Avantgarde des integrierten Europas noch als Protagonisten eines kompensativen Nationalismus anzusehen wären (vgl. Abbildung 1 der PDF-Version).

Betrachtet man im Vergleich dazu die Verbundenheit mit dem eigenen Land, relativiert sich dieses Bild der Altersdifferenziertheit. Für die Bezugsgröße "eigenes Land" zeigt sich eine weitaus deutlichere Altersdifferenzierung, die dafür spricht, dass bei jüngeren Menschen insgesamt die Tendenz, sich mit staatlichen oder kollektiven Größen zu identifizieren, abnimmt bzw. geringer ausgeprägt ist. In Deutschland (Gesamt) liegt die Verbundenheit mit dem eigenen Land in den jüngeren Kohorten sogar noch niedriger als jene mit Europa. Auffällig ist zudem, dass in der deutschen Grenzregion im Unterschied zu Gesamtdeutschland die Identifikation mit Deutschland stärker ausgeprägt ist und die Verbundenheit mit Europa schwächer (vgl. Abbildung 2 der PDF-Version).

Dieser Befund alarmiert in gewisser Weise, da gerade die Grenzregionen als "Laboratorien" der Integration gesehen werden können.[19] Die Nähe der Grenze und der Nachbarn fördert aber offenbar gerade nicht die Verbundenheit mit einer gemeinsamen - europäischen - Identität. Dies zeigt sich, wenn auch auf unterschiedlichem Niveau, bei allen Altersgruppen. Die Differenzen zwischen der Verbundenheit zu Europa und zum eigenen Land fallen allerdings bei den Jüngsten am geringsten aus. Wirft man nun einen genaueren Blick darauf, ob die Verbundenheit mit dem eigenen Land als kompensativer Nationalismus verstanden werden muss - ob also eine besonders hohe Verbundenheit mit dem eigenen Land mit einer besonders geringen Verbundenheit mit Europa einhergeht -, so wird deutlich, dass entgegen einer derartigen spontanen Erwartung in keiner der Stichproben und in keiner Altersgruppe ein negativer Zusammenhang zwischen beiden Arten der Verbundenheit besteht. Wer sich stark mit dem eigenen Land verbunden fühlt, berichtet auch eine relativ stärkere Verbundenheit mit Europa. Es geht also bei der Frage nach der Verbundenheit mit der eigenen Nation und mit der supranationalen Einheit Europa nicht um antagonistische Gefühle. Vielmehr besteht zwischen beiden Arten der Verbundenheit ein positiver Zusammenhang. Ausgedrückt in Korrelationen - Zusammenhangskoeffizienten können die Werte von -1 bis +1 annehmen - bedeutet dies, dass wir es mit Werten zwischen r = +0,26 für die jüngsten und r = +0,34 für die ältesten Befragten zu tun haben.

Betrachtet man nationalistische Orientierungen unmittelbarer, indem man etwa nach der Zustimmung zu Statements wie dem folgenden fragt, "Die Werte unseres Nationalstaates werden zu wenig geschützt", so zeigt sich auch hier, dass nationalistische Einstellungen in den Grenzregionen, also in grenznahen Gegenden von Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Bayern, stärker ausgeprägt sind als im restlichen Deutschland. Gleichzeitig gibt es nun klare Altersunterschiede: Ältere stimmen solchen Aussagen signifikant stärker zu als Jüngere. Diese Tendenz findet sich - auf deutlich höherem Niveau - auch in den polnischen und tschechischen Grenzregionen. Allerdings stehen nationalistische Gefühle nur in Deutschland in einem negativen Verhältnis zu einer Verbundenheit zu Europa (r = -0,16), wohingegen es in Polen und der Tschechischen Republik tendenziell positive, aber statistisch nicht signifikante Zusammenhänge gibt (vgl. Abbildung 3 der PDF-Version).

Da der Begriff Europäische Union in der Frageformulierung ("Wie verbunden fühlen Sie sich mit Europa?") gar nicht genannt wurde, muss das politische Projekt EU von den Befragten auch nicht unbedingt assoziiert werden. Insgesamt zeigt sich allerdings bei einer konkreten Erwähnung der EU-Osterweiterung wiederum eine sehr positive - regional etwas unterschiedliche - Haltung: Während in Deutschland knapp 70 Prozent der EU-Osterweiterung zustimmen (67,9 Prozent Grenzregion/69,9 Prozent Gesamt), sind es in Polen 76,8 Prozent und in der Tschechischen Republik 84,6 Prozent. Betrachtet man die Altersdifferenzierung, so zeigt sich in Deutschland und den beiden Beitrittsländern ein unterschiedlicher Trend. In Deutschland überwiegt eine positive Haltung bei den ältesten Befragten, gefolgt von den jüngsten, bei einer deutlich skeptischeren Haltung bei den 30- bis 64-Jährigen. In Polen und in der Tschechischen Republik sind es regelmäßig die jüngsten Befragten, die sich der EU-Osterweiterung gegenüber besonders aufgeschlossen zeigen, während mit zunehmendem Alter wachsende Skepsis zu konstatieren ist (vgl. Abbildung 4 der PDF-Version).

Dieser Trend betrifft im Übrigen nicht nur die EU-Osterweiterung, sondern auch die EU im Allgemeinen (vgl. Abbildung 5 der PDF-Version).

Die etwas größere Distanz der jüngeren Deutschen hatte sich bereits bei der Frage nach der Verbundenheit mit Europa gezeigt. Auch hier zeigten die Jungen sich etwas distanzierter als die Älteren. Dies könnte mit einer allgemein größeren Distanz zu kollektiven Identifikationsobjekten zusammenhängen.

Delhey sieht im Vertrauen gegenüber unseren Nachbarn eine wichtige Quelle für Bindekraft zwischen den Völkern.[20] Da diese Kategorie nicht direkt erfasst wurde, wird hier die Sympathie für die Nachbarvölker dargestellt; eine Frage, die auch als sozusagen inverser Nationalismus-Indikator gesehen werden kann. Betrachtet man hier die Unterschiede zwischen Altersgruppen, so zeigt sich, dass die jüngsten Befragten in Deutschland eine etwas größere Distanz zur Bevölkerung der Beitrittsländer haben. Das diesbezügliche Ergebnis fällt zwar nicht besonders deutlich aus, überrascht aber dennoch, zeigen doch verschiedene Studien zur Fremdenfeindlichkeit, dass es eigentlich immer die Älteren sind, die größere Distanz zu Fremden zeigen.[21] Dies ist umso bedeutsamer, als sich in den Beitrittsländern ein umgekehrter Trend zeigt: Die Sympathie für den deutschen Nachbarn ist umso höher, je jünger eine Befragter ist. Insgesamt sollte allerdings hervorgehoben werden, dass eine positive Bewertung der jeweiligen Nachbarn in allen Altersgruppen die Regel ist. Die Mehrheit der Befragten nehmen diese als sympathisch wahr (vgl. Abbildung 6 der PDF-Version).

Auch wenn mangelnde Sozialintegration von vielen Autoren als Haupthindernis für eine positive Entwicklung in Europa gesehen wird, lässt sich ein solcher Mangel zumindest auf der Ebene affektiver Gefühle und Haltungen zu Europa, der EU oder deren Osterweiterung in den von uns betrachteten Regionen nicht ohne weiteres feststellen. Es gibt ein relativ hohes Maß an Zustimmung quer durch alle Altersgruppen zu Europa und zum politischen Projekt EU. Natürlich beziehen sich die Äußerungen nur auf eine sehr allgemeine und grundsätzliche Haltung, die anhand von Detailfragen und bei Belastungen auf ihre Nachhaltigkeit geprüft werden müssen. Ein negatives Klima für Europa lässt sich jedenfalls im Jahre 2003 in Erwartung der großen Erweiterungsrunde nicht ausmachen. Die These, dass die jüngeren Altersgruppen positivere Haltungen zeigen, kann jedoch für Deutschland ebenfalls nicht belegt werden. Es zeigen sich insgesamt relativ geringe Altersdifferenzen, wobei positivere Einstellungen - wenn es denn einmal Altersunterschiede gibt - eher bei Älteren zu finden sind. In den Beitrittsländern zeigt sich - wie zu erwarten - insgesamt eine etwas "euphorischere" Haltung, die dort auch eher von den Jüngeren getragen wird.

Fußnoten

17.
Vgl. R. Münch (Anm. 4).
18.
Vgl. Dirk Baier, Bedrohungsgefühle, interkulturelle Beziehungen und nationalistische Einstellungen im Kontext der EU-Osterweiterung - Vergleichende Befunde aus Umfragen im sächsisch-tschechischen und bayerisch-tschechischen Grenzraum, in: Wolfgang Aschauer/Ingrid Hudabiunigg (Hrsg.), Alteritätsdiskurse im sächsisch-tschechischen Grenzraum, Chemnitz 2005; Peter Imbusch/Dieter Rucht, Integration und Desintegration in modernen Gesellschaften, in: Wilhelm Heitmeyer/Peter Imbusch (Hrsg.), Integrationspotentiale einer modernen Gesellschaft, Wiesbaden 2005.
19.
Vgl. J. Delhey (Anm. 15).
20.
Vgl. J. Delhey (Anm. 15).
21.
Vgl. Susanne Rippl, Eltern-Kind Transmission. Einflussfaktoren zur Erklärung von Fremdenfeindlichkeit im Vergleich, in: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, 24 (2004) 1, S. 17 - 32.