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6.11.2006 | Von:
Joachim Hösler

Sloweniens historische Bürde

Bis heute spalten der Zweite Weltkrieg und die Nachkriegszeit in Slowenien Gesellschaft und Familien. Der Beitrag problematisiert Widerstand und Kollaboration, Abrechnung und Verdrängung sowie den Kampf um die Geschichtsinterpretation.

Einleitung

Slowenien gilt seit dem Beitritt 2004 weithin als Musterland der Europäischen Union.[1] Doch die slowenische Gesellschaft ist mehr denn je mit den traumatischen Ereignissen der Jahre 1941 bis 1946 beschäftigt. Die deutsche Reichsregierung unter Adolf Hitler verfolgte bis 1938 mit wirtschaftsimperialistischen Methoden eine Südosteuropa-Politik, die in der Tradition der wilhelminischen Zeit und der späten Weimarer Republik stand: Südosteuropa sollte als "Ergänzungsraum" einer von Deutschland beherrschten Großraumwirtschaft auch in Kriegszeiten billig und zuverlässig Rohstoffe und Agrarprodukte liefern.[2] Nach der Annexion Österreichs 1938 und der "Zerschlagung" der Tschechoslowakei 1939 nahm der deutsche Druck auf die südosteuropäischen Staaten zu. Ungarn, die Slowakei, Rumänien und Bulgarien schlossen sich dem Dreimächtepakt Deutschlands, Italiens und Japans vom September 1940 an und dienten als Aufmarschgebiete und Nachschubzonen für den bevorstehenden Russland-Krieg.[3]




Ende Juni 1940 begannen die Operationsplanungen für den deutschen Überfall, mit dem im Frühjahr 1941 "Russland erledigt" werden sollte.[4] Am 25. März 1941 erklärte sich die Regierung des Königreichs Jugoslawien bereit, dem Dreimächtepakt beizutreten. Doch ein unblutiger Putsch, unterstützt vom britischen Geheimdienst und von antifaschistischen Kundgebungen in der Hauptstadt Beograd, durchkreuzten Hitlers Pläne. Die neue Zivilregierung unter Ministerpräsident Dusan Simovic betonte zwar umgehend, der Umsturz sei nicht gegen Berlin gerichtet gewesen und die bisherige Außenpolitik werde fortgesetzt, doch für Hitler stand fest, Jugoslawien nun "militärisch und als Staatsgebilde zu zerschlagen" und dabei "mit unerbittlicher Härte" vorzugehen.[5] So begann am 6. April ohne Kriegserklärung die Bombardierung Beograds. Der Einmarsch nach Jugoslawien erfolgte von Italien, Kärnten, der Steiermark, von Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Albanien aus. Nach elf Tagen kapitulierte Jugoslawien.[6] Das Gebiet des heutigen Slowenien wurde besetzt. Ungarn erhielt den östlichen Streifen der "Drau-Banschaft", das so genannte Übermurgebiet jenseits der Mura, die Batschka und Baranja nordwestlich von Donau und Theiß, und schloss diese Gebiete im Dezember 1941 dem ungarischen Staatsgebiet an. Italien besetzte den Westen des Banat mit der Hauptstadt Ljubljana sowie Teile Dalmatiens und installierte die Provincia di Lubiana mit einem anfangs relativ milden Regime. Zunächst blieb die slowenische Infrastruktur unangetastet; die politischen Parteien wurden indes verboten. Dies hatte zur Folge, dass aus den deutschen und ungarischen Besatzungsgebieten innerhalb eines halben Jahres gut 20 000 Menschen in die Provincia flohen. Doch auch die italienische Okkupation zielte wie die deutsche und ungarische auf die Auslöschung alles Slowenischen. Bis zur Kapitulation Italiens am 8. September 1943 wurden bis zu 6 000 Menschen in der Provincia ermordet und 30 000 in Konzentrationslager deportiert.[7]

Deutschland okkupierte Oberkrain und die Untersteiermark und schloss diese Gebiete dem Gau Kärnten und dem Gau Obersteiermark an. Die Besatzungspolitik folgte der am 26. April 1941 in Maribor ausgesprochenen Anweisung Hitlers, das Land "wieder deutsch zu machen". Personen- und Ortsnamen wurden eingedeutscht, der Gebrauch der slowenischen Sprache wurde verboten, sämtliches Eigentum des Staates, der Kirche, der Deportierten und der Habsburger beschlagnahmt. Eine Meldepflicht und die Schließung der slowenischen Schulen, Vereine und Gewerkschaften kamen hinzu. Bereits am 18. April 1941 hatte Heinrich Himmler als "Reichskommissar zur Festigung des deutschen Volkstums" Richtlinien festgelegt, die bewirken sollten, die gesamte slowenische Intelligenz, alle nach 1914 eingewanderten slowenischen Familien, alle Bewohner des Sava-Sotla-Gebietes und die Dorfbewohner der Südsteiermark auszuweisen, "zum überwiegenden Teil wohl meistens bis zu 90 und mehr Prozent". Die restliche Bevölkerung sollte einer "Fein-Auslese" unterzogen werden.[8]

Wie in anderen von der Wehrmacht besetzten Gebieten nahmen die Mitarbeiter des Rasse- und Siedlungshauptamts der SS eine "rassische Musterung" der Bevölkerung vor. Es wurden Schädel vermessen, Kopfformen kontrolliert und der Körperbau nach 21 Eigenschaften katalogisiert. Mehr als 585 000 Sloweninnen und Slowenen mussten sich dieser Tortur unterziehen, das entspricht 73 Prozent der Sloweninnen und Slowenen im deutschen Besatzungsgebiet und fast der Hälfte der slowenischen Vorkriegsbevölkerung. Es sind im Wesentlichen zwei Gründe, weshalb die Konsequenzen dieses Vorgehens glimpflicher ausfielen, als es die ursprünglichen Umsiedlungspläne vorsahen. Zum einen waren die "Rasseexperten" vom Ergebnis ihrer Untersuchung überrascht: Während in Westpolen die "Eindeutschungsquote" auf fünf Prozent veranschlagt worden war, wurde sie bei der slowenischen Bevölkerung auf 50 Prozent festgelegt. Zum anderen unterbrach der bewaffnete slowenische Widerstand bereits am 6. August 1941 erstmals eine Deportation. Ein Jahr später wurden die Aussiedlungen aus der Untersteiermark wegen des Widerstandes ganz eingestellt. Bis zu 80 000 Sloweninnen und Slowenen wurden deportiert, überwiegend nach Deutschland zur Zwangsarbeit in der Industrie (mindestens 36 000 Menschen), teils zur "Wiedereindeutschung" ins "Altreich" (ca. 16 000), teils nach Kroatien und Serbien (ca. 16 800). Der Aderlass war für das soziale Gefüge erheblich: Über 90 Prozent der Geistlichen, über 84 Prozent der Ingenieure, zwei Drittel der Hochschullehrer, 45 Prozent der Ärzte und Apotheker und fast ein Viertel der Juristen wurden verschleppt.

Die "Umvolkung" betraf auch die "Gottschee-Deutschen". Ihre Organisationen hatten 1930 den 600-jährigen Bestand des Kolonisationsgebietes im Süden Krains gefeiert. Drei Jahre später bejubelten sie den Machtantritt Hitlers. Der überließ das Gebiet mit der Hauptstadt Kocevje (Gottschee), eine deutsche Sprachinsel ca. 60 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Ljubljana (Laibach), Mussolini und befahl, die Gottschee-Deutschen "heim ins Reich" zu holen. Nur knapp 400 Angehörige blieben zurück, während rund 11 800 Menschen in das "Großdeutsche Reich" umsiedelten; 11 174 Menschen wurden Ende 1941/Anfang 1942 in das Gebiet zwischen Brezice (Rann) und dem Zusammenfluss von Sava und Sotla verbracht, wo durch Deportationen nach Deutschland Platz geschaffen worden war. Das verwaiste Gottscheegebiet, der Hornwald (Kocevski rog), wurde zum wichtigsten Rückzugsgebiet der slowenischen Partisanen.

Schon Ende April 1941, noch bevor es zur Organisation der Partisanen gekommen war, hatte die Wehrmacht die Anweisung erhalten, rücksichtslos jeden Widerstand zu brechen. Am 16. September erging der Befehl, für jeden von Partisanen verletzten Soldaten 50 Geiseln zu erschießen, für jeden getöteten Soldaten 100. Noch im Januar 1945 wurden nach der Ermordung eines namhaften Bürgers deutscher Herkunft aus Celje (Cilli) 100 Slowenen an Straßenbäumen erhängt.[9] Himmler verständigte sich am 18. Dezember 1941 mit Hitler auf die Gleichbehandlung von Juden und Partisanen: Beide Gruppen seien "auszurotten".[10] Die "Partisanenausrottung" (Himmler) oblag in der Alpen-Adria-Region in erster Linie der so genannten SS-Karstwehr. Diese war im oberfränkischen Pottenstein von dem Geologen und SS-Standartenführer Hans Brand zusammengestellt und trainiert worden. Brand, der in den 1920er Jahren die als "Teufelshöhle" bekannt gewordene Tropfsteinhöhle bei Pottenstein erschlossen hatte, erreichte bei seinem Freund Himmler, dass in Pottenstein 1942 eine Außenstelle des Konzentrationslagers Flossenbürg eingerichtet wurde. Zwischen Oktober 1942 und April 1945 waren mindestens 694 KZ-Insassen in Pottenstein inhaftiert. Mitten im Ort in der so genannten Magerscheune untergebracht, mussten sie Unterkünfte und Trainingsgelände für die Karstwehr bauen und Verbindungswege, einen Stausee und eine Stützmauer an der heutigen Bundesstraße 470 errichten. Fast die Hälfte der Gefangenen wurde zu Tode geschunden. Der "Staatlich anerkannte Luftkurort im Herzen der Fränkischen Schweiz" profitierte nach dem Krieg von der von den Häftlingen geschaffenen Infrastruktur.[11]

Die Karstwehr kam seit August 1943 in Südkärnten, im adriatischen Küstengebiet und im slowenischen Karst zum Einsatz.[12] Die Truppenstärke betrug im September 1944 fast 2000 Mann. Die "Partisanenausrottung" bestand darin, dass Dörfer in Schutt und Asche gelegt wurden. Die SS-Männer erschossen oder verbrannten die Menschen, derer sie habhaft wurden, und nur ausnahmsweise überließen sie Dorfbewohner, die sie als arbeitsfähig ansahen, der Deportation. Unter Brands Leitung hat die Truppe nachweislich mindestens elf Ortschaften im slowenischen Karstgebiet dem Erdboden gleichgemacht. Der Historiker Tone Ferenc (1927 - 2003) ist bereits vor 30 Jahren zu dem Schluss gekommen, dass keine andere SS-Einheit so viele und so grauenhafte Verbrechen an der Zivilbevölkerung beging wie die Karstwehr unter Brand. Die 1995 von der Staatsanwaltschaft Würzburg aufgenommenen, 2001 eingestellten Ermittlungen haben die Angaben von Ferenc bestätigt. Dennoch ist kein Angehöriger der SS-Karstwehr je zur Verantwortung gezogen worden. Die verhörten Veteranen, 134 an der Zahl, erinnerten sich nur an Gefechte, nicht an ihre Verbrechen - die typische Erinnerungsverweigerung einer Tätergesellschaft, wie sie der Dramatiker Peter Weiss in seinen Stücken Inferno und Die Ermittlung in den 1960er Jahren aufgezeigt hat.[13] Von 1975 bis 1987 versammelten sich die Veteranen siebenmal in Pottenstein, um ihre Toten zu ehren und deftig zu feiern, jeweils drei, vier Tage lang.[14]

Fußnoten

1.
Im Jahr 2004 hat die Leserschaft der britischen Zeitungen "The Guardian" und "The Observer" Slowenien zu ihrem "favourite European country" gewählt; vgl. The Guardian online vom 10.9.2005.
2.
Vgl. Klaus Thörner, "Der ganze Südosten ist unser Hinterland". Deutsche Südosteuropapläne von 1840 bis 1945 (Diss. Univ. Oldenburg 2000), in: http://docserver.bis.uni-oldenburg.de/publikationen / dissertation / 2000 / thogan00 / thogan00.html (30.8.2006), S. 447 - 496.
3.
Vgl. ebd., S. 496 - 518.
4.
Vgl. Gerd R. Ueberschär, Die militärische Planung für den Angriff auf die Sowjetunion, in: ders./Lev A. Bezymenskij (Hrsg.), Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941, Darmstadt 1998, S. 21 - 37.
5.
Aus dem Protokoll der Besprechung Hitlers mit der Führung der Wehrmacht am 27. März 1941 zur bevorstehenden Aggression gegen Jugoslawien, zit. nach Martin Seckendorf (Hrsg.), Die Okkupationspolitik des deutschen Faschismus in Jugoslawien, Griechenland, Albanien, Italien und Ungarn (1941 - 1945), Berlin-Heidelberg 1992, S. 137f. Vgl. Holm Sundhaussen, Geschichte Jugoslawiens 1918 - 1980, Stuttgart 1982, S. 106 - 110.
6.
Kroatien und Bosnien-Herzegowina wurden Teil des "Unabhängigen Staates Kroatien"; die Vojvodina östlich der Theiß und ein verkleinertes Serbien kamen unter deutsche Militärverwaltung unter der Leitung von Milan Nedic'; Montenegro wurde italienischer Satellitenstaat; Albanien, seinerseits von Italien kontrolliert, erhielt das Kosovogebiet und Teile Westmazedoniens; Bulgarien annektierte den Großteil Mazedoniens. Vgl. H. Sundhaussen (Anm. 5), S. 113 und S. 116f.
7.
Vgl. Rolf Wörsdörfer, Krisenherd Adria 1915 - 1955, Paderborn u.a. 2004, S. 343 und S. 361.
8.
Zit. nach Tone Ferenc (Hrsg.), Quellen zur nationalsozialistischen Entnationalisierungspolitik in Slowenien 1941 - 1945, Maribor 1980, S. 60f. Vgl. zum Folgenden Tamara Griesser-Pecar, Das zerrissene Volk. Slowenien 1941 - 1946, Wien-Köln-Graz 2003, S. 18 - 33; Isabel Heinemann, Die Rasseexperten der SS und die bevölkerungspolitische Neuordnung Südosteuropas, in: Mathias Beer/Gerhard Seewann (Hrsg.), Südostforschung im Schatten des Dritten Reiches, München 2004, S. 135 - 157.
9.
Vgl. T. Griesser-Pecar (ebd.), S. 31f.; Dieter Blumenwitz, Okkupation und Revolution in Slowenien (1941 - 1946). Eine völkerrechtliche Untersuchung, Wien-Köln-Graz 2005, S. 51 - 55.
10.
Vgl. Peter Witte u.a. (Hrsg.), Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1941/42, Hamburg 1999, S. 293f.
11.
Vgl. Peter Engelbrecht, Touristenidylle und KZ-Grauen. Vergangenheitsbewältigung in Pottenstein, Bayreuth 1997. Unter der Regie des Ersten Bürgermeisters Stefan Frühbeißer plant die Stadt Pottenstein in Kooperation mit der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg bis etwa 2009/11 in der Magerscheune eine Dokumentation einzurichten. Schriftliche Auskunft des Ersten Bürgermeisters vom 5.9.2006 (Archiv J.H.).
12.
Hierzu und zum Folgenden vgl. Peter Engelbrecht, Die Massaker der Pottensteiner SS-Karstwehr 1943 - 1944 in Slowenien, in: Gerhard Jochem/Georg Seiderer (Hrsg.), Entrechtung, Vertreibung, Mord. NS-Unrecht in Slowenien und seine Spuren in Bayern 1941 - 1945, Berlin 2005, S. 223 - 236.
13.
Vgl. Harald Welzer, Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden, Frankfurt/M. 2005.
14.
Vgl. P. Engelbrecht (Anm.12), S.223 f. und S.230.