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23.10.2006 | Von:
Michael Vester

Soziale Milieus und Gesellschaftspolitik

Horizontale Verschiebung der Sozialstruktur

Die erste These erklärt den Wahlausgang mit dem Schlagwort des "individualisierten Wählers in der Mediendemokratie",[1] bedingt durch eine generelle "Individualisierung". Durch den Übergang zur "postindustriellen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft", welche größere individuelle Kompetenzen fordere, verhielten sich die Wählerinnen und Wähler eher "volatil" ("flatterhaft") und würden diejenigen wählen, deren Angebot ihrem individuellen Vorteil am meisten entgegenkomme. Es handelt sich also um das Modell eines auf der Nachfrageseite in viele Einzelne aufgesplitterten, "atomistischen" Marktes.

In der politischen Sozialstrukturforschung wird dies auf breiter empirischer Basis nachhaltig in Frage gestellt. Die Gesellschaft wird nicht als atomisierter Markt, sondern als Feld verstanden, das dauerhaft in Berufsgruppen bzw. Milieus gegliedert ist, die relativ stabilen gesellschaftspolitischen Präferenzen folgen. Sozialstruktur und Präferenzen verändern sich zwar, aber nur langsam und eher in der Form einer horizontalen Auffächerung als der Auflösung sozialer Großgruppen.

Die Analysen der beruflichen Gliederung gehen von dem - auch den PISA-Studien zugrunde liegenden - Modell der vertikalen Klassenschichtung von John Goldthorpe aus, differenzieren dies aber zusätzlich horizontal. Walter Müller entdeckte so die horizontale Herausbildung modernerer "Klassenfraktionen" mit eigenen gesellschaftspolitischen Gruppenidentitäten. So wählen die oberen und traditionellen Klassenfraktionen (in der "administrativen" Dienstklasse) aus ihrem Interesse an Autoritätshierarchien eher konservativ und liberal. Die expandierenden Fraktionen der "technischen Experten" und der "sozialen Dienstleistungen" wählen, aufgrund ihrer Interessen an beruflicher Autonomie, eher ,rot-grün`. Müller kann die statistische Wahrscheinlichkeit dieser Präferenzen angeben. Aber er lässt offen, warum Minderheiten der Berufskategorien eben doch anders wählen und warum welche der verschiedenen Parteien innerhalb eines Lagers bevorzugt wird.[2]

Fußnoten

1.
Manfred Güllner/Hermann Dülmer/Markus Klein u.a., Die Bundestagswahl 2002, Wiesbaden 2005, S. 9.
2.
Vgl. Walter Müller, Klassenstruktur und Parteiensystem. Zum Wandel der Klassenspaltung im Wahlverhalten, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 50 (1998) 1, S. 3 - 46.