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28.9.2006 | Von:
Klaus Dörre

Prekäre Arbeit und soziale Desintegration

Prekarität als Herrschafts- und Kontrollsystem

Allerdings wirkt prekäre Beschäftigung selbst auf die "Zone der Integration" zurück. Im Unterschied zu den subproletarischen Existenzen des 19. Jahrhunderts verursacht sie weder vollständige Entwurzelung noch absolute Pauperisierung. Vielmehr befinden sich die "Prekarier" in einer eigentümlichen "Schwebelage". Einerseits haben sie den Anschluss an die "Zone der Normalität" noch immer vor Augen und müssen alle Energien mobilisieren, um den Sprung vielleicht doch noch zu schaffen. Andererseits sind permanente Anstrengungen nötig, um einen dauerhaften sozialen Abstieg zu vermeiden. Wer in seinen Anstrengungen nachlässt, dem droht der Absturz in die "Zone der Entkoppelung". Aufgrund der Diskontinuitäten des Beschäftigungsverhältnisses besitzen die modernen "Prekarier" keine Reserven, kein Ruhekissen. Sie sind die ersten, denen in Krisenzeiten Entlassungen drohen. Ihnen werden bevorzugt die unangenehmen Arbeiten aufgebürdet. Sie sind die Lückenbüßer, die "Mädchen für alles", deren Ressourcen mit anhaltender Dauer der Unsicherheit allmählich verschlissen werden.

Gerade weil sich die prekär Beschäftigten im unmittelbaren Erfahrungsbereich der über Normarbeitsverhältnisse Integrierten bewegen, wirken sie als ständige Mahnung. Festangestellte, die Leiharbeiter zunächst als wünschenswerten "Flexibilisierungspuffer" betrachten, beschleicht ein diffuses Gefühl der Ersetzbarkeit, wenn sie an die Leistungsfähigkeit der Externen denken. Sie sehen, dass ihre Arbeit zu gleicher Qualität auch von Personal bewältigt werden kann, das für die Ausübung dieser Tätigkeit Arbeits- und Lebensbedingungen in Kauf nimmt, die in der Stammbelegschaft kaum akzeptiert würden. Wenngleich Leiharbeiter und befristet Beschäftigte betrieblich meist nur kleine Minderheiten sind, wirkt ihre bloße Präsenz disziplinierend auf die Stammbelegschaften. In Bereichen mit hoch qualifizierten Angestellten produzieren Freelancer und neuerdings auch Zeitarbeitskräfte einen ähnlichen Effekt. So finden sich im Grunde in allen Beschäftigungssegmenten Wechselbeziehungen zwischen Stammbelegschaften und flexiblen Arbeitskräften, die den "Besitz" eines unbefristeten Vollzeiterwerbsverhältnisses als verteidigenswertes Privileg erscheinen lassen.

Dies erklärt das Integrationsparadoxon nachfordistischer Arbeitsgesellschaften. Die Herausbildung einer Zone unsicherer Beschäftigungsverhältnisse forciert die Umstellung auf einen neuen gesellschaftlichen Integrations- und Herrschaftsmodus. An die Stelle einer Einbindung, die nicht ausschließlich, aber doch wesentlich auf materieller und demokratischer Teilhabe beruhte, treten Integrationsformen, in denen die subtile Wirkung markförmiger Disziplinierungsmechanismen eine deutliche Aufwertung erfährt.[17] Die Disziplinierung durch den Markt kann, zumal in einer reichen Gesellschaft, eine Vielzahl an Hoffnungen, Ängsten und Traditionen funktionalisieren. Auf diese Weise sorgt die Konfrontation mit unsicheren Beschäftigungsverhältnissen nicht nur für eine "Destabilisierung des Stabilen".[18] Indem sie die einen diszipliniert und den anderen elementare Voraussetzungen für Widerständigkeit nimmt, fördert sie zugleich eine eigentümliche "Stabilisierung der Instabilität". Auch deshalb ist die Prekarisierung kein Phänomen an den Rändern der Arbeitsgesellschaft. Sie bewirkt eine allgemeine subjektive Unsicherheit, die bis tief hinein in die Lebenslagen der formal Integrierten reicht. Prekarität wirkt desintegrierend und zugleich als disziplinierende Kraft. Zunehmende Marktsteuerung erzeugt Flexibilitätsanforderungen und produziert doch auch neue Abhängigkeiten. Insofern stützt die Prekarisierung ein Kontrollsystem, dem sich auch die Integrierten kaum zu entziehen vermögen.

Diese disziplinierende Wirkung ist im Übrigen für Gruppen folgenreich, die - wie eine große Zahl von Frauen und Migranten - auch während der Blütezeit des fordistischen Kapitalismus allenfalls partiell an einem durch Normarbeit konstituierten Bürgerstatus partizipieren konnten. Wenn die "Sorge um den Erhalt ihres Arbeitsplatzes, so widerwärtig er auch sein mag",[19] zunehmend auch das Handeln der Integrierten bestimmt, geraten selbst in den Stammbelegschaften qualitative Arbeitsansprüche unter Druck. Je weiter die Schwelle für "zumutbare Arbeit" sinkt, desto größer wird die Konkurrenz um prekäre Jobs und umso wahrscheinlicher sind Verdrängungseffekte, die vor allem Frauen und Migranten treffen.

Fußnoten

17.
Vgl. Wilhelm Heitmeyer, Einleitung: Sind individualisierte und ethnisch-kulturell vielfältige Gesellschaften noch integrierbar?, in: ders. (Hrsg.), Was hält die Gesellschaft zusammen?, Frankfurt/M. 1997, S. 23-65.
18.
R. Castel (Anm. 7), S. 357.
19.
P. Bourdieu (Anm. 10), S. 72.