Eine Frau benutzt einen Notrufknopf, den sie am Handgelenk trägt.

9.8.2019 | Von:
Michaela Evans
Christine Ludwig

"Dienstleistungssystem Altenhilfe" im Umbruch. Arbeitspolitische Spannungsfelder und Herausforderungen

Das "Dienstleistungssystem Altenhilfe" ist im Umbruch. Die gegenwärtige Debatte zur Zukunft der Arbeit in der Altenpflege bleibt jedoch, so die These dieses Beitrags, häufig in der Fortschreibung tradierter Einsatz- und Berufsfelder, Aufgaben- und Tätigkeitsprofile verhaftet. In der Praxis differenzieren sich pflegerische, vorpflegerische und präventiv orientierte Leistungsfelder aus, gewinnen neue Berufe, Kompetenz- und Qualifikationsprofile an Bedeutung und verbreitet sich die digitale Techniknutzung. Im Folgenden wird zunächst der konzeptionelle Zugang zum "Dienstleistungssystem Altenhilfe" erläutert. Die Altenhilfe ist nicht nur ein sozial-, sondern auch ein wirtschafts- und beschäftigungsinvestives Feld, in dem nach intelligenteren Wegen der Versorgungs- und Arbeitsorganisation vor Ort gesucht wird. Auch aktuelle gesundheits- und pflegepolitische Reformen befördern neue Versorgungs-, Arbeits- und Produktivitätsarrangements, die zur Entgrenzung der Altenpflege in Richtung eines erweiterten Dienstleistungssystems Altenhilfe beitragen. Diese Entwicklung wird bislang nur unzureichend in ihren arbeitspolitischen Herausforderungen reflektiert. Ausgehend hiervon werden im Beitrag sich abzeichnende Spannungsfelder zwischen Pflege-, Professions- und Tarifpolitik thematisiert. Im Ausblick werden künftige Anforderungen an einen arbeitspolitischen Gestaltungspfad skizziert.

Erweiterte und neue Bedarfe

Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland steigt. Sowohl der demografische Faktor als auch die Erweiterung des Pflegebedürftigkeitsbegriffes führen zu einer Ausweitung des anspruchsberechtigen Personenkreises. Pflegephasen werden kürzer, aber intensiver. Die Anforderungen in der professionellen Langzeitpflege steigen durch chronische und multimorbide Krankheitsbilder sowie durch demenzielle Erkrankungen.[1] Konstituierend für Leistungen der sozialen Pflegeversicherung ist, dass diese primär ergänzend zu familiären, nachbarschaftlichen oder ehrenamtlichen Hilfen ausgerichtet sind.[2] Mittelfristig ist gleichwohl mit einem steigenden Bedarf an professionellen Pflegeleistungen zu rechnen. Zudem verändern sich die Bedürfnisse der Menschen an Unterstützung, Begleitung und Versorgungssicherheit im Alter. Ausdruck dieses Wandels ist etwa der Wunsch nach vorpflegerischen und alltagsunterstützenden Hilfen, nach mehr Koordination und Vernetzung professioneller Unterstützungsangebote und der Wunsch nach gemeinschaftlichen Aktivitäten.[3] Kritiker*innen bezweifeln, dass selbst gut organisierte soziale oder nachbarschaftliche Netzwerke die wegbrechenden familiären Unterstützungsstrukturen künftig ersetzen können. Damit wandelt sich auch die Funktion professioneller und erwerbsförmig organisierter Dienstleistungen rund um die Pflege.

Es geht nicht nur um eine Absicherung des "Risikos Pflegebedürftigkeit" im Sinne kompensatorischer Unterstützung, sondern um die existenzielle Sicherung des Lebens im Alter: um die Weiterentwicklung vorhandener Infrastrukturen lokaler Daseinsvorsorge, um die Gewährleistung von Versorgungssicherheit und Versorgungsvertrauen. Damit geht es nicht nur um Altenpflege, sondern um Altenhilfe mit ihren vielfältigen direkten und indirekten Unterstützungsdiensten. Denn Altenhilfe zielt darauf, "Schwierigkeiten, die durch das Alter entstehen, zu verhüten, zu überwinden oder zu mildern und alten Menschen die Möglichkeit zu erhalten, selbstbestimmt am Leben in der Gemeinschaft teilzunehmen und ihre Fähigkeit zur Selbsthilfe zu stärken".[4] Ziel ist die Verbesserung der Lebens- und Versorgungsverhältnisse älterer Menschen und ihrer Angehörigen, mehr Unterstützung im Vor- und Umfeld von Pflegebedürftigkeit und die Förderung sozialer Teilhabe.

Knapper "Faktor Arbeit"

Diese Bedarfsausweitung vollzieht sich vor dem Hintergrund eines Arbeitsmarktes, der in den vergangenen Jahren durch drei zentrale Entwicklungen geprägt war. Erstens führte der steigende Bedarf an Fach- und Arbeitskräften im Umfeld der Altenhilfe im Vergleich zu anderen Branchen zu überdurchschnittlichen Beschäftigungszuwächsen. Zweitens wird zunehmend deutlich, dass Fach- und Arbeitskräfte für die Altenhilfe fehlen, wobei sich die Knappheit in den vergangenen Jahren noch einmal deutlich verschärft hat.[5] So ist es nicht unüblich, wenn Pflegeeinrichtungen mittlerweile hohe An- und Abwerbeprämien für Fachkräfte zahlen. Drittens kommt hinzu, dass für eine Tätigkeit in der Altenhilfe mittlerweile alternative Beschäftigungsoptionen existieren: Leiharbeit, Soloselbstständigkeit, Arbeit als Kleinstunternehmer*in oder bei Plattformdiensten gehören vor allem für Pflege(fach)kräfte in dieses Spektrum.[6]

Die steigenden und zunehmend komplexeren Versorgungsanforderungen in Kombination mit dem knappen "Faktor Arbeit" ist in vielen Einrichtungen bereits durch Arbeitsverdichtung, unfreiwillige Mehrarbeit und steigende Arbeitsbelastungen spürbar. Die Versorgung, Betreuung und Begleitung älterer Menschen ist eine personalintensive Interaktionsarbeit, rund 80 Prozent der Gesamtkosten von Pflegeeinrichtungen entfallen auf die Personalkosten. Aktuelle Reformen drehen sich damit im Kern um die Frage, wie verfügbare Personalkapazitäten künftig besser eingesetzt werden können, die Arbeitsqualität verbessert und gleichzeitig erhebliche finanzielle Mehrbelastungen für die Pflegebedürftigen, ihre Angehörigen und die öffentlichen Haushalte vermieden werden können. Nicht zuletzt das "Trilemma der Dienstleistungsökonomie"[7] verweist darauf, dass die gleichwertige und gleichrangige Verfolgung der volkswirtschaftlichen Ziele Haushaltsdisziplin, Beschäftigungswachstum und Gleichheit der Einkommens- und Arbeitsbedingungen in der Dienstleistungsökonomie in einem Spannungsverhältnis stehen. Selbst wenn es künftig gelingt, mehr Personal verfügbar zu haben, und mehr öffentliche sowie private Mittel für die Altenhilfe investiert werden, bleiben die Ressourcen begrenzt. Es gilt also, die Versorgungs- und Arbeitsqualität zu erhöhen, neue attraktive Beschäftigungsoptionen zu schaffen und dabei öffentliche und private Mittel gleichermaßen verantwortungsvoll einzusetzen.

Re-Organisation und Neukombination

Die veränderten Bedarfe und Gestaltungsherausforderungen lenken den Blick auf jene Transformationsprozesse, die sich im Dienstleistungssystem Altenhilfe insgesamt abzeichnen: Neue Leistungsfelder und Kapitalstrukturen,[8] der Wandel von Beschäftigungs- und Personaleinsatzkonzepten, die Ausdifferenzierung von Arbeits-, Aufgaben- und Tätigkeitsfeldern sowie ein veränderter Technikeinsatz. Dies lässt sich als Re-Organisation und Neukombination (potenziell) verfügbarer Produktionsfaktoren und -ressourcen fassen, die zur Erstellung von Dienstleistungen für und mit älteren und/oder pflegebedürftigen Menschen erforderlich sind. Diese Neukombination ist sowohl eine sozioökonomische Herausforderung als auch eine Chance:

Ein leistungsfähiges Dienstleistungssystem Altenhilfe ist mehr als der "soziale Air Bag"[9] der Gesellschaft. Sie erzielt nachweisbar gesellschaftliche und wirtschaftliche Mehrwerte,[10] entlastet und unterstützt Versorgungsprozesse anderer Gesundheitseinrichtungen, hilft erwerbstätigen pflegenden Angehörigen und senkt betriebliche Folgekosten an der Schnittstelle Pflege/Beruf.

Die Altenhilfe ist kein Kostgänger der Wirtschaft, sondern ein soziales wie wirtschaftliches Investitionsfeld. Steigende Leistungsanforderungen unter knappen Ressourcen erfordern es, das Dienstleistungssystem Altenhilfe in seinen Strukturen, Angeboten und Leistungsprozessen neu zu denken und zu organisieren. Dabei geht es einerseits darum, stärker am individuellen Bedarf ausgerichtete Versorgungskonzepte vorzuhalten. Andererseits müssen durch Leistungskombinationen, durch neue Wege der Arbeitsorganisation und des Kompetenz- und Technikeinsatzes ungenutzte Produktivitätsreserven für Versorgungs- und Arbeitsinnovationen erschlossen werden.

Eine grundlegende Herausforderung besteht darin, das pflegepolitische Ziel einer bedarfsgerechten Weiterentwicklung der Infrastruktur Altenhilfe in Einklang mit nachhaltigen Beschäftigungsperspektiven und guten Einkommens- und Arbeitsbedingungen zu bringen. Arbeits- und Ausbildungsqualität, Arbeitsbedingungen und berufliche Entwicklungsperspektiven in der Altenhilfe müssen künftig als zentrale Determinanten der Re-Organisation gedacht werden. Produktivitätsreserven können nicht länger als Strategie der Arbeitsverdichtung, sondern nur als intelligentere und qualitätssteigernde Versorgungs- und Arbeitskonzepte realisiert werden.

Fußnoten

1.
Vgl. Antje Schwinger/Chrysanthi Tsiasioti, Pflegebedürftigkeit in Deutschland, in: Klaus Jacobs et al. (Hrsg.), Pflege-Report 2018, Berlin 2018, S. 173–204.
2.
§4 Abs. 2 Sozialgesetzbuch (SGB) XI.
3.
Vgl. Techniker Krankenkasse Meinungspuls Pflege 2018, S. 34, http://www.tk.de/resource/blob/2042934/1a33145a8bb25620103fcddd64316f75/studienband-meinungspuls-pflege-2018-data.pdf«.
4.
§71 Abs. 1 SGB XII.
5.
Vgl. Bundesagentur für Arbeit, Berichte. Blickpunkt Arbeitsmarkt. Arbeitsmarktsituation im Pflegebereich, Mai 2019.
6.
Vgl. Lena Schürmann/Claudia Gather, Pflegearbeit im Wandel, in: Andrea D. Bührmann/Uwe Fachinger/Eva M. Welskop-Deffaa (Hrsg.), Hybride Erwerbsformen, Wiesbaden 2018, S. 157–187.
7.
Torben Iversen/Anne Wren, Equality, Employment, and Budgetary Restraint: The Trilemma of the Service Economy, in: World Politics 4/1998, S. 507–546.
8.
So haben Private-Equity-Unternehmen die stationäre Langzeitpflege in Deutschland als Investitionsfeld entdeckt. Vgl. Christoph Scheuplein/Michaela Evans/Sebastian Merkel, Übernahmen durch Private Equity im deutschen Gesundheitssektor: eine Zwischenbilanz für die Jahre 2013 bis 2018, Institut Arbeit und Technik (IAT), IAT Discussion Paper 1/2019.
9.
Luise Gubitzer/Katharina Mader, Care-Ökonomie. Ihre theoretische Verortung und Weiterentwicklung, in: Kurswechsel 4/2011, S. 7–21.
10.
Vgl. Ena Pervan/Christian Schober/Claudia Müller, Studie zum gesellschaftlichen Mehrwert der stationären Pflege- und Betreuungseinrichtungen in Niederösterreich und der Steiermark mittels einer SROI-Analyse, Wien 2015.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Michaela Evans, Christine Ludwig für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.