Eine Frau benutzt einen Notrufknopf, den sie am Handgelenk trägt.

9.8.2019 | Von:
Lena Schürmann

Fürsorge aus Marktkalkül? Handlungsmuster und Motive von Unternehmer*innen der ambulanten Altenpflege

In vielen Bereichen des Sozial- und Gesundheitswesen hat die Einführung wettbewerblicher Strukturen umfassende Veränderungen hervorgebracht, auch in der ambulanten Pflege. Neben die Angebote der freien Wohlfahrtspflege sind private Dienstleistungsanbieter gerückt, mit stetig wachsenden Marktanteilen.[1] In der Debatte über "Care" wird diese Entwicklung als "Vermarktlichung" von Sorgearbeit kritisch diskutiert. Angenommen wird einerseits, dass es unter den Bedingungen einer marktförmigen Organisation von Sorgearbeiten zu einer Kollision der ethischen Prinzipien fürsorglicher Praxis mit marktwirtschaftlichen Logiken komme. Die Ökonomisierung von Sorgearbeit durch privatwirtschaftliche Care-Angebote wird dabei als Ausdruck eines "neoliberalen Credo[s angesehen], möglichst alle Bereiche profitorientiert über den Markt abzuwickeln".[2] Demgegenüber wird Sorgearbeiten eine nur begrenzte Kommodifizierbarkeit zugestanden. Es wird argumentiert, dass die Entfaltung von Fürsorge "eine nicht durch Marktlogiken dominierte Privatheit" voraussetzt.[3] Andere Positionen im Diskurs betonen die Erfordernis, Pflegearbeiten zu professionalisieren, oder fordern deren Einschluss in das System der Erwerbsarbeit und daran geknüpfte soziale Rechte.[4]

Dieser Beitrag ergänzt die bisherige Diskussion, in der vorrangig mit der Versorgungsqualität und den Arbeitsbedingungen in der Pflege argumentiert wird,[5] aus qualitativ empirischer Perspektive und mit Blick auf bislang wenig betrachtete Akteur*innen: den Inhaber*innen ambulanter Pflegedienste. Präsentiert werden Ergebnisse zweier Forschungsprojekte, in denen untersucht wurde, wie sich aus Sicht der Betriebsinhaber*innen Fürsorge- und Markterfordernisse zueinander verhalten und sich gestalten lassen.[6] Formen vorrangig ökonomische Kalküle das Handeln der Pflegedienstinhaber*innen? Oder steht auch in der wirtschaftlichen Selbstständigkeit das Patient*innenwohl im Zentrum? Kurz: An welcher Relevanz und welchen Zielen ist die unternehmerische Praxis orientiert, und welche Motive liegen der Eröffnung eines Pflegedienstes zugrunde?

Die Befunde stützen sich auf 30 qualitative Leitfadeninterviews mit Inhaber*innen ambulanter Pflegedienste, die zwischen 2011 und 2016 in Berlin und zwei weiteren deutschen Großstädten geführt wurden.[7] Die Auswertung erfolgte fallkontrastierend, wobei im Zentrum die Frage nach dem Selbstverständnis der Inhaber*innen, ihren Handlungsorientierungen und unternehmerischen Strategien stand. Aussagen über die von den Diensten realisierte Pflegequalität können anhand der vorliegenden Daten nicht getroffen werden, gleiches gilt für die Beschäftigungsbedingungen.

Nach einem kurzen Überblick über die Entwicklung der ambulanten Pflege und den spezifischen Rahmenbedingungen für die Unternehmensführung erfolgt eine typisierende Darstellung der in der empirischen Erhebung angetroffenen Motivstrukturen und Handlungsmustern von Inhaber*innen ambulanter Pflegedienste. Anschließend werden diese Ergebnisse vor dem Hintergrund der politisch gesetzten Rahmenbedingungen der ambulanten Pflege diskutiert.

Entwicklungstendenzen in der ambulanten Pflege

Ambulante Pflegedienste ermöglichen pflegebedürftigen Personen den Verbleib im häuslichen Umfeld, auch dann, wenn deren Angehörige die Versorgung nicht (alleine) übernehmen können. Wer sich nach einem ambulanten Pflegedienst umschaut, wird zumindest in den Großstädten auf eine erstaunliche Bandbreite stoßen, auf ein vielfältiges Angebot. Neben kulturspezifischen Pflegediensten mit und ohne religiöser Symbolik gibt es Dienste, die sich an das LGBTI*-Milieu richten, es gibt welche, deren reduziert-erlesene Webseitengestaltung eine vermeintlich wohlhabende(re) Klientel ansprechen soll, daneben solche, die stärker den herzlich-familiären Charakter der zu erwartenden Pflege vermitteln wollen. Es scheint, als habe der Prozess der Individualisierung von Lebensstilen nun auch das Alter und die Lebensphase der Pflegebedürftigkeit erreicht.

Der Pflegestatistik zufolge gab es 2017 etwa 14.100 ambulante Pflegedienste in Deutschland. Diese betreuen insgesamt 830.000 pflegebedürftige Personen.[8] Die Mehrzahl der ambulanten Dienste befindet sich in privater Trägerschaft (66 Prozent). Die privaten Dienste decken mittlerweile einen großen Anteil an der ambulanten pflegerischen Versorgung ab: 51,6 Prozent der ambulant versorgten Pflegebedürftigen werden von den insgesamt 9.243 privaten Pflegediensten versorgt.[9] Sichtbar werden zwei ineinander verzahnte Entwicklungen: erstens, ein allgemeiner Zuwachs der Pflegedienste. Seit 1999 ist deren Anzahl von 10.600 auf 14.100 angestiegen. In diesem Zusammenhang ist, zweitens, auch die Zahl der privaten Dienste kontinuierlich gestiegen, von 5.504 im Jahr 1999 auf 9.243 im Jahr 2019, wohingegen die Anzahl der durch freigemeinnützige Träger betriebenen Dienste kontinuierlich zurückgegangen ist, von 5.103 auf 4.615 im gleichen Zeitraum.[10]

Ohne eine Betrachtung der Betriebsgrößen würde jedoch ein verzerrter Eindruck von der Bedeutung der privaten Anbieter entstehen: Private Pflegedienste sind gemessen an der von ihnen betreuten Personenzahl kleiner als die Dienste freigemeinnütziger Träger. Sie versorgen im Durchschnitt 46 Pflegebedürftige, die Dienste freigemeinnütziger Träger hingegen durchschnittlich 84 Personen.[11]

Auch eine Betrachtung der Betriebsgröße anhand der Beschäftigtenanzahl (gemessen in Vollzeitstellen) unterstreicht diesen Unterschied: Die Dienste freigemeinnütziger Träger haben im Schnitt 20,1 Beschäftigte, Dienste in privater Trägerschaft durchschnittlich 15,4.[12] Werden die Betriebe nach Mitarbeiter*innenzahlen gruppiert, ergibt sich folgendes Bild: Dienste in privater Trägerschaft sind häufig kleiner als die Sozialstationen der freigemeinnützigen Träger: 45 Prozent der privaten Anbieter beschäftigen weniger als zehn Mitarbeiter*innen.[13] Die besondere Bedeutung der kleinbetrieblichen Struktur für den Bereich der privaten Anbieter wird auch daran ersichtlich, dass sich 85 Prozent der Dienste mit bis zu vier Beschäftigten in privater Hand befinden.[14] Vor dem Hintergrund einer steigenden Nachfrage nach ambulanten Pflegeleistungen und einem deutlichen Anstieg der Anbieterzahlen insgesamt zeigt sich in Bezug auf den Beschäftigungsumfang der ambulanten Dienste im Zeitverlauf folgende Entwicklung: 1998 wiesen die Dienste mit bis zu vier Beschäftigten einen Anteil von insgesamt 17 Prozent auf; dieser ist bis 2016 auf 9 Prozent abgesunken. Dagegen verzeichnen die größeren Dienste mit über 20 Beschäftigten einen Bedeutungszuwachs: von 19 Prozent 1998 auf 28 Prozent 2016.[15]

Fußnoten

1.
In der ambulanten pflegerischen Versorgung beträgt der Anteil der privaten Dienste 51,6 Prozent. Vgl. Statistisches Bundesamt, Pflegestatistik. Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung. Ländervergleich – Pflegebedürftige 2017, Wiesbaden 2018, S. 11.
2.
Gabriele Winker, Soziale Reproduktion in der Krise – Care Revolution als Perspektive, in: Das Argument 3/2011, S. 333–344.
3.
Karin Jurczyk, Care in der Krise? Neue Fragen zu familialer Arbeit, in: Ursula Apitzsch/Marianne Schmidbaur (Hrsg.), Care und Migration. Die Ent-Sorgung menschlicher Reproduktionsarbeit entlang von Geschlechter- und Armutsgrenzen, Opladen–Farmington Hills 2010, S. 60.
4.
Vgl. u.a. Hildegard Theobald, Pflegepolitik, Sorgetätigkeiten und Ungleichheit: Europäische Perspektiven, in: Sozialer Fortschritt 2/2010, S. 31–39; Joan Tronto, Feminist Democratic Ethics of Care and Global Care Workers. Citizenship and Responsibility, in: Rianne Mahon/Fiona Robinson (Hrsg.), Feminist Ethics and Social Policy, Vancouver–Toronto 2011, S. 162–177.
5.
Vgl. u.a. Hildegard Theobald/Marta Szebehely/Maren Preuß, Arbeitsbedingungen in der Altenpflege, Berlin 2013.
6.
Das Forschungsprojekt "Der Erfolg selbständiger Frauen – Gründungsverläufe zwischen Familie und Ökonomie" wurde durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung von 2011 bis 2014 gefördert. Die Projektleitung lag bei Prof. Dr. Claudia Gather, Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Das Forschungsprojekt "Berliner Forum ambulante private Pflegedienste" wurde von 2015 bis 2017 durch das Institut für angewandte Forschung als Forschungskooperation zwischen der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin und der Alice Salomon Hochschule Berlin (ASH) gefördert. Neben Claudia Gather war auch Prof. Dr. Maria Castro Varela für die ASH in der Projektleitung. Susan Ulbricht und Heinz Zipprian waren gemeinsam mit der Verfasserin als wissenschaftliche Mitarbeiter*innen tätig.
7.
Claudia Gather/Lena Schürmann, "Jetzt reichts. Dann machen wir unseren eigenen Pflegedienst auf". Selbständige in der Pflegebranche – Unternehmertum zwischen Fürsorge und Markt, in: Feministische Studien 2/2013, S. 225–239.
8.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Pflegestatistik 2017. Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung. Deutschlandergebnisse, Wiesbaden 2018, S. 16.
9.
Vgl. Statistisches Bundesamt (Anm. 1).
10.
Vgl. Lena Schürmann,Unternehmerische Akteure auf Wohlfahrtsmärkten: Private ambulante Pflegedienste im Spannungsfeld zwischen Fürsorge und Wettbewerb. in: AIS Studien 2/2016, S. 75–95, hier S. 83; Statistisches Bundesamt (Anm. 9).
11.
Ebd., S. 22.
12.
Vgl. Ulrich Schneekloth et al., Abschlussbericht. Studie zur Wirkung des Pflege Neuausrichtungs-Gesetz (PNG) und des ersten Pflegestärkungsgesetzes (PSG I) im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit, München 2017, S. 176.
13.
Vgl. ebd., S. 176.
14.
Vgl. ebd.
15.
Vgl. ebd., S. 175.
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Autor: Lena Schürmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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