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21.9.2006 | Von:
Gesine Schwan

Die Macht der Gemeinsamkeit - Essay

Grundlagen der Gerechtigkeit

Es ist bekannt, dass Arendts politisches Denken von der Vorstellung der antiken Polis inspiriert war. Politik ist für sie nicht Technokratie, nicht Verwaltung oder Bürokratie, sondern gemeinsames Sprechen, das Abgleichen von Interessen mit dem Ziel, gemeinsam handeln zu können. In ihrem grundlegenden philosophischen Werk "Vita Activa" benennt sie drei prinzipielle Formen der Tätigkeit: "Arbeit", "Herstellen" und "Handeln". Während "Arbeit" und das "Herstellen" von Produkten auch von Einzelnen praktiziert werden können, gehört das "Handeln" in die Gemeinschaft. Zum Handeln bedarf es anderer Menschen, deshalb ist es die im Kern politische Tätigkeit. Sie weiß natürlich, dass in der Moderne das Idyll einer räumlich begrenzten Agora, eines überschaubaren Marktplatzes unterhalb der Athener Akropolis, auf dem alle Bürger zusammenkommen und miteinander die öffentlichen Angelegenheiten besprechen, nicht mehr realitätstauglich ist. Wenn man Politik trotzdem als gemeinsames Handeln begreifen und bewahren will, kommt es auf Modernisierung und Enträumlichung des Verständnisses von Öffentlichkeit und öffentlicher Rede an.

Hier hat Arendt wichtige Gedanken von Immanuel Kant übernommen. Seine Überlegungen über den "Gemeinsinn", die er in seiner "Kritik der Urteilskraft" entwickelt hat, haben für ihre Philosophie großes Gewicht. Kants drei Maximen für die Urteilskraft - selbst denken, jederzeit mit sich einstimmig denken, jederzeit an der Stelle des anderen denken - sind Wegweiser dafür, aus der Pluralität der Erfahrungen und Meinungen heraus argumentativ zu einer gemeinsamen Orientierung zu gelangen, die das politische Handeln leiten kann. Wichtig ist für Arendt die Einbildungskraft, welche die Menschen befähigt, in nachdenkliche Distanz zu ihren spontanen Vorstellungen zu treten und sie kritisch unter dem Aspekt zu betrachten, wie sie sich aus der Sicht eines anderen, in den ich mich hineinversetze, ausmachen.[2] Auf diese Weise kann ich aus meinem kognitiven oder emotionalen Egoismus heraustreten und mit den anderen einen gemeinsamen Boden zu gewinnen versuchen.

Diese Einbildungskraft hängt eng mit dem Kant'schen Prinzip der Publizität zusammen, das einen Weg zur Gerechtigkeit ebnet. "Alle Maximen, die der Publizität bedürfen (um ihren Zweck nicht zu verfehlen), stimmen mit Recht und Politik vereinigt zusammen", zitiert Arendt Kant aus seiner Schrift "Zum Ewigen Frieden".[3] Denn durch die Veröffentlichung werden Ungerechtigkeiten und Privilegierungen offenbar. Das Böse dagegen, das Ungerechte, ist durch den Rückzug aus dem Bereich der Öffentlichkeit gekennzeichnet. Denn das Private, so Arendt an anderer Stelle, verweist dem Wortsinn nach - lateinisch: privare - auf den Zustand der Beraubung.[4] Wenn ich auf der Privatheit meiner Maxime bestehe (im Gegensatz zu Kants Kategorischem Imperativ), dann beraube ich andere ihrer gleichen Rechte, dann schließe ich andere von einem Recht aus, das ich für mich selbst beanspruche. Mir scheint, dass dieser methodische Grundgedanke von Kant und Arendt für eine neue Politik innerhalb von Governance-Strukturen von herausragender Bedeutung ist. Wie häufig wird rhetorisch die Frage nach der Gerechtigkeit gestellt, um dann möglichst schnell zu behaupten, wie schwierig, ja unmöglich es unter der Bedingung der Globalisierung sei, sie zu bestimmen. Gerechtigkeit kann dann als vorgeblich illusorischer Maßstab aus dem Verkehr gezogen werden.

Wenn Politik im Umfeld vielfältiger, pluraler Vorstellungen, Interessen, Perspektiven geschieht, kann Übereinstimmung nicht erzwungen werden. Man kann nur an die Einsicht und an eine mögliche Gemeinsamkeit appellieren. Arendt geht hier zurück auf den von Aristoteles vorgebrachten Gedanken, dass für ein freiheitliches Zusammenleben die Freundschaft unter den Bürgern von hervorragender Bedeutung ist: Das Sprechen miteinander vereinigt die Bürger zu einer Polis. Durch das Gespräch erst entsteht die Welt als das uns Gemeinsame.[5] Wichtig ist dafür, dass wir uns nicht in Vorurteilen verbarrikadieren, dass wir bereit sind und bleiben, die Welt miteinander zu teilen. Doch muss eine solche gemeinsame Welt nicht eine Illusion bleiben? Zum "Handeln" in Arendts Verständnis gehört, dass es mit anderen Menschen, zumindest mit einem anderen, zusammen geschieht. Handeln heißt dabei auch, Neues anzufangen. Denn etwas herstellen kann man als Wiederholung einer schon einmal ausgeübten Tätigkeit, für das Arbeiten gilt das gleiche. Wenn man sich aber mit anderen zusammentut, um zu handeln, dann geht dem angesichts der Vielfalt der Mit-Handelnden eine Entscheidung für etwas Gemeinsames, Neues und dadurch Unbestimmtes voraus. Arendt bringt dies mit unserer Natalität zusammen, mit der Tatsache, dass wir geboren werden. Mit uns tritt ein neuer Mensch in die Welt, der diesen Neubeginn auf sein Handeln zu übertragen vermag: "Handeln als Neuanfang entspricht der Geburt des Jemand, es realisiert in jedem Einzelnen die Tatsache des Geborenseins."[6] Aber sind wir nicht z.B durch eine böse Vergangenheit unwiderruflich gebunden? Wir können die Vergangenheit nicht ungeschehen machen, wohl aber ihre Wirkung, indem wir verzeihen. Dies ist die zweite große Fähigkeit, die Arendt dem Menschen zuspricht: das Verzeihen.[7]

Wird Handeln so in Bezug auf die scheinbar unauflösliche Bindung an die unwiderrufliche Vergangenheit, die durch Verzeihen doch gelöst werden kann, möglich, so auch hinsichtlich der Zukunft, und zwar durch das Versprechen. Da Zukunft unabsehbar ist, erscheint Handeln, das in einer pluralen Welt auf Gemeinsamkeit angewiesen ist, unmöglich. Denn woher sollte die Verlässlichkeit kommen, die wir für gemeinsames Handeln brauchen? Ohne die Fähigkeit, zu versprechen, blieben wir in der Tat in einem Meer von Ungewissheit, könnten wir auch keine eigene Identität erlangen, weil unsere Mitwelt uns auf unsere Versprechen festlegt und dadurch unsere Identität erst konstituiert. Dabei behauptet Arendt, dass man Versprechen wie Verzeihen nur gegenüber anderen üben kann, nicht gegenüber sich selbst: "Versprechen, die ich mir selbst gebe, und ein Verzeihen, das ich mir selbst gewähre, sind unverbindlich wie Gebärden vor dem Spiegel."[8] Ob man ihr hier folgen muss, ist eine individuelle Gewissensentscheidung. Aber ohne für andere durch gehaltene Versprechen verlässlich zu sein, lässt sich gemeinsames demokratisches Handeln, lässt sich freiheitliche Politik nicht denken.

Fußnoten

2.
Vgl. dies., Das Urteilen. Texte zu Kants Politischer Philosophie, hrsg. und mit einem Essay von Ronald Beiner, München-Zürich 1985, S. 90.
3.
Vgl. ebd., S. 68.
4.
Vgl. Hannah Arendt, Vita Activa oder Vom tätigen Leben, München 1960, S. 39.
5.
Vgl. dies., Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten. Gedanken zu Lessing, München 1960, S. 40f.
6.
Dies. (Anm. 4), S. 167.
7.
Vgl. ebd., S. 231.
8.
Ebd., S. 232.