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21.9.2006 | Von:
Antonia Grunenberg

Hannah Arendts Jüdische Schriften

In Arendts frühem zionistischem Engagement sind Grundgedanken zu finden, die ihr späteres politisches Denken beeinflussen. Dazu gehört, dass politisches Handeln eine Sinnstiftungsquelle für das menschliche Leben ist.

Einleitung

Welchen Sinn hat es, spezifisch "Jüdische Schriften" zu klassifizieren? Was unterscheidet sie von Hannah Arendts nicht-jüdischen Schriften? Im Folgenden werden diejenigen Essays Hannah Arendts angesprochen, die sich mit zionistischer Politik, jüdischer Kulturgeschichte, Flüchtlingspolitik, Antisemitismus, dem Genozid an den europäischen Juden, kurz: mit jüdischer Identität und Geschichte seit der Aufklärung befassen, und in denen wichtige politische Grundgedanken entwickelt werden.






In fast allen politischen Essays Arendts nach 1933 lief eine starke Unterströmung mit: eine Selbstbefragung der Autorin über die Hintergründe für die (fehlende) politische Identität der europäischen Juden. Auch Schriften, die sich nicht speziell mit jüdischen Angelegenheiten befassten, erhielten aus diesem Kontext ihre Leitfrage, etwa: wie der Zustand der politischen Nichtorganisiertheit bei Völkern und Minderheiten - den Arendt gleichsetzte mit dem Zustand des Objekt- und des Opferseins - überwunden werden könne. Denn in der Selbstorganisierung zu einem politischen Gemeinwesen, im Zusammenhandeln seiner Bürger sah Arendt schon früh den Sinn menschlichen Lebens.

Ein weiterer Anlass, das Thema "Jüdische Schriften" aufzunehmen, liegt darin, dass Arendt seit den frühen vierziger Jahren in einem heftigen, auch persönlichen Streit mit tonangebenden Zionisten gestanden hat. Seinen Höhepunkt fand dieser Streit in der Kontroverse um ihr Buch "Eichmann in Jerusalem. Bericht von der Banalität des Bösen". In diesem Zusammenhang ist ihr immer wieder entgegengehalten worden, sie habe sich ihrem Volk entfremdet und sei - objektiv gesehen - eine Feindin Israels. Bis heute ist Arendt auf Hebräisch nur mit wenigen Schriften zugänglich. Dieser Umstand hatte zur Folge, dass Arendt in der jüdischen wie in der nicht-jüdischen Welt zwar als Jüdin, aber nicht als Autorin wahrgenommen wurde, die in der jüdischen Politik etwas zu sagen hatte. Einige der im Folgenden wiedergegebenen Einblicke Arendts in die Situation des jüdischen Volkes zwischen Europa, den USA und Israel haben über die Jahrzehnte eine überraschende Aktualität gewonnen, die verstanden sein will.