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21.9.2006 | Von:
Oliver Marchart

Die Welt und die Revolution

Die globalisierungskritische Bewegung muss, will sie emanzipatorisch wirken, eine alternative Welt fordern, wie sie etwa von den Sozialforen bereits auf arendtianische Weise vor-gehandelt wurde.

Einleitung

Es gibt einen Zweig der Kulturindustrie, der vornehmlich mit der Inszenierung von Geburts- und Todesjahren beschäftigt ist. Besonders befremdlich mutete die kulturindustrielle Vermarktung des Kulturindustriekritikers Theodor W. Adorno anlässlich seines hundertsten Geburtstages 2003 an. Solche Feiern von Todes- und Geburtsdaten bieten einerseits die Chance, das Werk Vergessener oder Aus-der-Mode-Gekommener wieder ins allgemeine Gedächtnis zu rücken, andererseits kann gerade generalstabsmäßig inszeniertes Erinnern noch tieferes Vergessen produzieren. Im gnadenlosen Abfeiern wird unsichtbar, was das eigentlich Provokante eines Werks ausmacht. Die kalendarische Aktualität verstellt die sachliche.






Diese Gefahr ist beim Werk einer Denkerin wie Hannah Arendt besonders groß, die das seltene Pech hat, gleich zwei sukzessive Arendt-Jahre erleiden zu müssen: 2005 jährte sich ihr dreißigster Todestag, 2006 jährt sich ihr hundertster Geburtstag. Doch in Arendts Fall macht solch gedehntes Gedenken nur sichtbar, was schon länger zu beobachten war: die weltweite Herausbildung einer publizistischen Arendt-Industrie. Fast möchte man hinzufügen, diese habe sich zu einer gut geölten Maschine entwickelt, die standardisierte und kaum noch unterscheidbare Produkte auswirft. Wiederholt der populärphilosophische Industriezweig die immergleichen, Arendt zugeschriebenen Stehthesen, so flüchtet der fachphilosophische Industriezweig sich in rein philologische Arbeit. Während Letztere durchaus verdienstvoll sein kann, verkommt sie schnell zu einer Thanatologie, die Arendt vom Tod, nämlich vom mortifizierten Text her denkt - und nicht von der Kategorie der Geburt und des Neubeginns, die, wie wir sehen werden, für Arendt selbst zentral war.

In beiden Fällen, dem popularisierenden wie dem rein philologischen, geht die Aktualität und "Radikalität" ihres Denkens verloren, ja in beiden Fällen kommt es zur effektiven Depolitisierung ihrer Theorie. Das Politische, und um nichts anderes geht es bei Arendt, gerät aus dem Blick, wo Arendts Werk zur Erbauung missbraucht oder auf den toten Buchstaben reduziert wird.