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11.9.2006 | Von:
Matthias Spielkamp

Es waren einmal Zuschauer

Obwohl der Begriff Web2.0 unscharf ist, kann er verdeutlichen, wie Publikationsmöglichkeiten durch das Internet verändert und erweitert werden. Weblogs spielen dabei derzeit eine besondere Rolle.

Einleitung

Der Begriff Web2.0 hat auch in Deutschland seinen Weg in eine größere Öffentlichkeit gefunden. Dennoch kann man davon ausgehen, dass kaum jemand, der sich nicht beruflich mit dem Internet und seinen Entwicklungen beschäftigt, eine Vorstellung davon hat, was damit gemeint ist. Doch auch unter Experten ist unklar und umstritten, was er bezeichnen soll. Das liegt einerseits in seiner Herkunft und Entwicklung begründet, andererseits in der Unschärfe, die allen Begriffen eigen ist, die ein inhaltlich sehr großes - und in diesem Fall auch noch sehr neues - Feld umreißen sollen.






Aus dieser Unschärfe heraus entstehen einige Probleme. So gibt es auf der einen Seite eine weit reichende Diskussion darüber, ob Weblogs (ein Teil des Web2.0) den Journalismus verändern. Vielen Beiträgen in dieser Auseinandersetzung kann man ansehen, dass sie das Prinzip des Bloggens nur unzureichend verstanden haben oder es so eingeschränkt fassen, dass die gezogenen Schlüsse zu kurz greifen. Auf der anderen Seite ist Web2.0 längst als Catch-All-Phrase einer Marketingmaschine einverleibt, die darauf ausgerichtet ist, jedes neue Produkt mit einem Etikett zu versehen, das darauf zielt, bei potenziellen Kunden oder Investoren für größtmögliche Aufmerksamkeit zu sorgen. So, wie in der Mode je nach Saison Blau oder Braun "das neue Schwarz" ist, so ist derzeit Web2.0 das neue Dotcom.

Darüber hinaus ist manchen Beiträgen, die sich mit dem Thema beschäftigen, ein Techno-Optimismus eigen, der ebenfalls zu kurz greift, indem er Technik allein als Befreiungsinstrument versteht - eine Erwartung, die historisch betrachtet ebenso weit verbreitet wie verfehlt ist. Dieser Art von Vereinfachung entgegen zu treten, endet jedoch in den deutschen Publikumsmedien zu oft in einer ausgeprägten Technikfeindlichkeit, die sich nicht darin ausdrückt, eine bestimmte Technik abzulehnen - sondern darin, sich erst gar nicht die Mühe zu machen, sie ausreichend zu verstehen. Dadurch versäumen es die Publikumsmedien bisher oft zu vermitteln, dass politische Auseinandersetzungen im Gang sind, in denen weit reichende Entscheidungen für das Funktionieren von Medien und Demokratie in einem weltweiten Maßstab getroffen werden. Die Unkenntnis über die Regulierung des Internets, immerhin das bedeutendste existierende Informationsnetz, ist ein schlagendes Beispiel für dieses Informationsdefizit. Wie das Internet reguliert wird, ist nicht zu trennen von der Frage, ob und in welchem Maße neue Publikationsmöglichkeiten die Meinungsfreiheit beeinflussen.

Das Ziel dieses Textes ist es daher, folgende Fragen - zumindest im Ansatz - zu klären: Was ist gemeint mit dem Begriff Web2.0? Was sind Weblogs, wie funktionieren sie? Wie verändern neue Publikationsmöglichkeiten den Journalismus? Tragen neue Publikationsmöglichkeiten dazu bei, die Meinungsfreiheit zu stärken?