APUZ Dossier Bild

6.9.2006 | Von:
Claudia Neu

Territoriale Ungleichheit - eine Erkundung

Innerhalb Deutschlands spielte territoriale Ungleichheit lange Zeit kaum eine Rolle. Ökonomische Abkopplungsprozesse gepaart mit verschärftem demographischen Wandel haben erneut die Frage nach ungleich verteilten Teilhabe- und Zugangschancen auf dem Staatsgebiet aufkommen lassen.

Einleitung

Kaum ein Tag vergeht, an dem in den Medien nicht vom Elend der ländlichen Peripherie berichtet wird: Junge Frauen verlassen zu Hunderten Mecklenburg-Vorpommern, zurück bleiben junge Männer ohne Hoffnung auf Arbeit und Familienglück. In "sterbenden Dörfern", die überwiegend von hochaltrigen Menschen bewohnt werden, sind Schulschließungen ebenso normal geworden wie ein chronischer Ärztemangel.[1] Wird ein wenig abgerückt von dieser emotional hoch aufgeladenen und dramatisierenden Diskussion um Schrumpfung, Entleerung und Alterung ländlicher Räume, so drängen sich eine ganze Reihe ungleichheitssoziologisch relevanter Fragen auf: Welche Folgen haben die Abkopplungsprozesse für die Lebensverhältnisse in entlegenen ländlichen Räumen? Welche Einschränkungen gehen mit diesen ökonomischen und demographischen Veränderungen für die Betroffenen einher, und wie verändern sich dadurch Teilhabechancen und autonome Handlungsspielräume? Welche Rolle spielen dabei die sich verändernden politischen Rahmenbedingungen (Kürzungen im Bereich der Infrastruktur und Gesundheitsvorsorge, verminderte EU-Fördergelder)? Wie verändert sich die Sozialstruktur? Wie nehmen die Bewohner dieser Gebiete diese Entwicklungen wahr?






Beschäftigt sich die Ungleichheitssoziologie üblicherweise mit Bevorzugungen oder Benachteiligungen, die in Zusammenhang mit Einkommen, Bildung oder Geschlecht stehen, so handelt es sich hier um Fragen der territorialen Ungleichheit. Im Folgenden soll dieser Begriff verwendet werden, wenn sowohl der Zugang zu erstrebenswerten Gütern und Dienstleistungen wie Arbeitsplatz oder gesundheitliche Versorgung als auch das Erreichen von begehrten Positionen auf Grund des Wohnortes dauerhaft erschwert oder erleichtert ist und so Teilhabechancen am gesellschaftlichen Leben für die Betroffenen eingeengt oder erweitert werden.[2] Dem Begriff territoriale Ungleichheit wird gegenüber dem der räumlichen Ungleichheit aus mehreren Gründen der Vorzug gegeben: Er vermeidet eine begriffliche Überschneidung mit dem ebenfalls gebräuchlichen Terminus des sozialen Raumes (dem Raum der Positionen) und betont die geographische Dimension des Raumbegriffs, ohne dabei die Wechselbeziehungen zwischen sozialem und physischem/geographischem Raum zu vernachlässigen. Zwar sind Räume Produkte menschlicher Konstruktionsleistungen, aber natürliche Gegebenheiten wie Meer oder Wald, Entfernungen zwischen Orten, Territorien oder Grenzen werden als real erfahren und sind somit handlungsrelevant. Der Begriff des Territoriums wird in der Soziologie traditionell benutzt, um einen Raum von sozialen Interaktionen, etwa auch als Austragungsort von Machtkämpfen, zu identifizieren.[3] Der genaue Bezugsrahmen für die Beschreibung der Ungleichheitsverhältnisse - Weltgesellschaft, Nation, Region, Stadtviertel - muss dabei im Einzelfall ebenso definiert werden, wie der territoriale Bezugsrahmen der Akteure.

Fußnoten

1.
Eine entsprechende Berichterstattung für städtische Peripherien, die allerdings eher in Innenstadtbezirken liegen, kann ebenso beobachtet werden, folgt aber anderen demographischen Argumenten. Dort stehen dann vor allem die Einwanderung und ihre Folgen im Vordergrund.
2.
Vgl. Reinhard Kreckel, Politische Soziologie der sozialen Ungleichheit, Frankfurt/M.-New York 2004(3), S. 17.
3.
Vgl. Norbert Elias, Der Prozeß der Zivilisation, Band 2, Frankfurt/M. 1992(17); Erving Goffman, Die Territorien des Selbst, in: ders., Das Individuum im öffentlichen Austausch, Frankfurt/M. 1974.