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6.9.2006 | Von:
Friedrich Hauss
Rainer Land
Andreas Willisch

Umbruch der Agrarverfassung und Zerfall der ländlichen Gesellschaft

Der Funktionszusammenhang von großbetrieblicher Agrarwirtschaft, den Dörfern sowie den Lebensführungsmodellen der Menschen unterliegt einem rasanten Wandel. Folge sind ein weltmarktfähiges Agrobusiness auf der einen, sterbende Dörfer und neue soziale Problemlagen auf der anderen Seite.

Einleitung

Es ist erst wenige Jahre her, dass die zukünftigen Aufgaben der Landwirte und der Landwirtschaft als ganzer im Bereich derLandschaftspflege angesiedelt wurden, die Bauern somit als gigantischer Landschaftspflegeverband organisiert werden sollten. Nach den verschiedenen Tierseuchen und Lebensmittelskandalen und wegen des offenbar unaufhaltsamen Anstiegs der Energiepreise kehrt der ländliche Raum von der Peripherie des wirtschaftlichen Interesses wieder in dessen Zentrum zurück. Während die Lebensmittelbranche in Zeiten der Konsumentenzurückhaltung unter schwachen, gar rückläufigen Verdienstaussichten stöhnte, entstanden Bio-Ecken beiden großen Discountern und schossen ganze Bio-Supermärkte aus dem Nichts. Zuwachsraten im zweistelligen Bereich gehören im Branchensegment ökologisch produzierter Lebensmittel zur neuen Normalität. Und es gab und gibt einen Boom der Energieproduktion aus nachwachsenden Rohstoffen: Dieser reicht von der privaten Holzheizung über Windkraftanlagen bis hin zu hochmodernen Bioethanol-Anlagen; von den Biogasanlagen, die jeder Landwirt, der den Zug nicht verpassen möchte, eilig installiert, bis hin zu den mit Rapsöl betriebenen Großtraktoren und Dieselloks des regionalen Eisenbahngüterverkehrs.














Da mag es - ob dieser rosigen Zukunftsaussichten - paradox erscheinen, gleichzeitig von einer Auflösung der ländlichen Gesellschaft in Ostdeutschland zu sprechen, wo doch gerade die agrarischen Großbetriebe des Ostens - die Erben der Schwarzen Junker und Roten Barone - es ausgezeichnet verstanden haben, ihr Größenpotenzial in die globalen Handels- und Produktionsströme einzubringen. Doch dieser Teil Deutschlands steht tatsächlich vor dem größten wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Umbruch seiner jüngeren Geschichte. Im Kern geht es dabei um die Abkoppelung der ökonomischen Dynamik von der sozialen Entwicklung bzw. um deren Entbettung - wie sie die letzten 200 Jahre Bestand gehabt hat. Da mag es vorerst nur als Fingerzeig zu werten sein, dass innerhalb weniger Jahre der Großteil der Bevölkerung, der bisher Arbeit, Einkommen und Orientierung in der Landwirtschaft gefunden hatte, heute nahezu jeglichen Bezug zu dieser noch vor kurzem dominanten gesellschaftlichen Verfasstheit verloren hat. War noch Anfang der neunziger Jahre mehr als die Hälfte der Einwohner der meisten Dörfer in der Agrarwirtschaft tätig, so findet hier heute nur noch ein verschwindend kleiner Teil Arbeit.[1]

Doch nicht nur das sich neu organisierende Agrobusiness mitsamt seinem Umbau der industrialisierten Massenproduktion bei gleichzeitiger schnell voranschreitender Deindustrialisierung des ländlichen Raums[2] führt zu neuen sozialen Problemlagen ländlicher Krisenregionen, für die gegenwärtig noch nach Lösungen gesucht wird. Parallel dazu verschärft der damit einhergehende Rückbau gesellschaftlicher Infrastruktur die Situation der Menschen im ländlichen Raum. Dabei folgen zum Beispiel die Schließung der Schulen wie generell die Zentralisierung der "Einrichtungen öffentlicher Daseinsfürsorge" - wie es so schön heißt - durchaus der gleichen finanzpolitischen Logik wie jener von Unternehmen. Dieser Umgang mit Krisenregionen hat längst eine eigene Dimension sozialer Abkoppelung. Oder wie anders ist es zu erklären, dass Hartz-IV-Empfänger, die über kein Auto verfügen, ihre verpflichtend regelmäßigen Besuche bei den Trägern der Grundsicherung morgens gegen 6:30 Uhr mit dem Schulbus antreten müssen und erst gegen 15:00 Uhr mit demselben wieder zurückkehren können, dass sich besonders die älteren, eher immobilen Menschen an überteuerten mobilen Einkaufswagen versorgen müssen, dass der Arztbesuch regelmäßig mit einer längeren Reise (und zusätzlichen Kosten) verbunden ist, dass die Erwerbsbereitschaft fast immer mit einer bundesweiten, wenn nicht gar europaweiten Mobilitätsbereitschaft einhergehen muss, dass die Menschen im Raum der Ernährungsproduktion mit den qualitativ schlechtesten Nahrungsmitteln auskommen müssen oder dass viele Orte zwangsweise mitverwaltet werden, weil niemand mehr bereit ist, öffentliche Aufgaben zu übernehmen. Dieser Rückbau folgt als Kosteneinsparungsprozess nicht der Logik seines Aufbaus. Die Etablierung einer modernen ländlichen Gesellschaft folgte den Emanzipationsbestrebungen seiner Bürgerinnen und Bürger und dem Sozialstaatsgebot der Gesellschaft. Heute dagegen verzehren entbettete Wirtschaft und politische Folgenbearbeitung die letzten Ressourcen des ländlichen Raums und der dort lebenden Menschen.

Fußnoten

1.
Vgl. Andreas Willisch, Im Schatten des Aufschwungs. Von Landarbeitern, Genossenschaften und ihren Mitgliedern, Berlin 2005.
2.
Dieser ist durch Auslagerung von nicht zum "Kerngeschäft" der Agrarbetriebe gehörenden "technischen Dienstleistungen" entstanden, aber auch durch das Verschwinden der in der DDR-Wirtschaft angesiedelten industriellen Großbetriebe im ländlichen Raum.