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16.8.2006 | Von:
Rainer Ertel

Daten und Fakten zur Kulturwirtschaft

Die Kulturwirtschaft zählt in Deutschland ca. 820 000 Erwerbstätige. Mit einer Bruttowertschöpfung von 35 Milliarden Euro liegt sie zwischen der Chemischen Industrie und der Energiewirtschaft.

Einleitung

Wenn Kulturwirtschaft als eine Querschnittsbranche beschrieben wird, die sowohl Dienstleistungs- als auch produzierende Bereiche umfasst, so kann sie empirisch abgebildet werden, indem man sich der umfassendsten Systematik bedient, die wirtschaftliche Strukturen beschreibt. Dies ist in Deutschland die Wirtschaftszweigsystematik des Statistischen Bundesamtes (aktuell in der Fassung WZ 2003).[1] Sie ist in mehrere Ebenen gegliedert und unterscheidet dabei auf der tiefsten Ebene 1041 Unterklassen (5-Steller; so genannt wegen ihrer fünfziffrigen Kennzeichnung). Alle Ebenen werden durch die für sie charakteristischen Waren und Dienstleistungen beschrieben, in einigen Fällen allerdings auch durch Herstellungsverfahren oder die eingesetzten Rohstoffe.

Ein wichtiger Vorteil der Klassifikation besteht darin, dass sie bis zur 4-stelligen Ebene (hier werden 513 Klassen unterschieden) mit der europäischen Systematik NACE[2] vergleichbar ist. Bis zu diesen 4-Stellern hat auf europäischer Ebene eine Arbeitsgruppe auch einen Vorschlag zur Abgrenzung der Kulturwirtschaft für den Zweck der Ermittlung der Beschäftigung in diesem Bereich entwickelt (vgl. Abbildung 1 der PDF-Version).[3]

Dabei ist zu beachten, dass einige Kategorien nur zu Teilen berücksichtigt werden und einige Anteile geschätzt werden müssen. Nach diesem Vorgehen kommt man unter Verwendung der Zahlen des Mikrozensus[4] für das Jahr 2004 auf etwa 820 000 Erwerbstätige in der Kulturwirtschaft in Deutschland. Dies entspricht einem Anteil von 2,2 Prozent an allen Erwerbstätigen. Rechnet man jene Personen hinzu, die zwar in Kulturberufen ausgebildet sind, diese aber in solchen Klassen ausüben, die außerhalb der Kulturwirtschaft liegen, kämen noch einmal ca. 150 000 Erwerbstätige hinzu. Zu beachten ist dabei, dass der Ausbildungsbereich (Hochschulen) ebenso wenig erfasst ist wie Aktivitäten aus dem Verarbeitenden Gewerbe, die gleichwohl in deutschen Kulturwirtschaftsberichten zumindest zu Teilen berücksichtigt werden.

Für eine Differenzierung dieser pauschalen Erwerbstätigenzahl kann auf eine Analyse Michael Söndermanns vom Arbeitskreis Kulturstatistik zurückgegriffen werden.[5] Ausgangspunkt ist hier eine vergleichbare Zahl von 815 000 Erwerbstätigen unter Verwendung der Angaben des Mikrozensus 2003. Abbildung 2 zeigt, wie sich die Beschäftigung in der Kulturwirtschaft demnach zusammensetzt.[6]

In den deutschen Kulturwirtschaftsberichten, die mittlerweile für alle Flächenländer (teilweise auch für Stadtstaaten und einzelne Städte/Regionen) vorliegen, gibt es - anders als bei der Frage nach der Erwerbstätigkeit in der Kulturwirtschaft in Europa - (noch) keine einheitliche Abgrenzung. Daten und Fakten zur Kulturwirtschaft werden aber analog mit Kategorien der Wirtschaftszweigsystematik als Gliederungsgerüst beschrieben. Ausgehend von Nordrhein-Westfalen, dem bei dieser Berichterstattung eine Vorreiterrolle zukommt,[7] ist es üblich, kulturwirtschaftlich relevante Aktivitäten an 5-Stellern festzumachen. Dabei kommt man auf immerhin gut 100 derartige Unterklassen. Zur besseren Unterscheidung wird häufig zwischen engeren und weiteren kulturwirtschaftlichen Aktivitäten unterschieden, wobei Erstere den Kernbereich der Produktion von Inhalten und Letztere eher vor- und nachgelagerte Produktions- und Distributionsleistungen betreffen. Eine besonders wichtige Unterscheidung ergibt die Gruppierung der Unterklassen zu Teilmärkten der Kulturwirtschaft - und auch hier differiert die Vorgehensweise. Im Allgemeinen kann man aber von der Gliederung in fünf oder sechs Teilmärkte ausgehen, die beispielhaft wie folgt aussieht:

1. Literatur-, Buch- und Pressemarkt
2. Kunstmarkt
3. Film-, TV- und Videowirtschaft
4. Kulturelles Erbe
5. Musikwirtschaft
6. Darstellende Kunst



Diese Gliederung ist etwa im 1. Hessischen Kulturwirtschaftsbericht anzutreffen,[8] der an den Kulturwirtschaftsberichten von Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen orientiert ist. Allerdings unterscheiden Letztere nur fünf Teilmärkte und ordnen dabei die Kategorien des "Kulturellen Erbes" den restlichen Teilmärkten zu.

Ein gebräuchliches Verfahren zur Beschreibung der Kulturwirtschaft ist auch die Unterscheidung von sieben marktwirtschaftlichen Branchen:

1. Musikwirtschaft
2. Verlagsgewerbe
3. Kunstmarkt
4. Filmwirtschaft
5. Rundfunkwirtschaft
6. Architektur
7. Designwirtschaft

Als Konsequenz der uneinheitlichen Vorgehensweisen (nämlich Auswahl und Berücksichtigung einschlägiger 5-stelliger Unterklassen und deren Gruppierung zu Teilmärkten)finden sich unterschiedliche Angaben über die Bedeutung der Kulturwirtschaft in Deutschland insgesamt sowie für die einzelnen Teilmärkte. Zwar sind unterschiedliche Abgrenzungen nicht per se problematisch, wenn man daran denkt, dass in einzelnen Bundesländern spezifische kulturwirtschaftliche Aktivitäten Berücksichtigung finden sollen, die in anderen Bundesländern nur geringe Bedeutung haben. Aber die Vergleichbarkeit der Ergebnisse ist eingeschränkt, zumal es (bisher) keinen bundesdeutschen Kulturwirtschaftsbericht gibt.

Insofern ist es zu begrüßen, dass im Rahmen der Beratungen der Länderwirtschaftsministerkonferenz beschlossen wurde, "... erstmals für Deutschland eine gemeinsame Abgrenzung der Kulturwirtschaft auf der Basis der amtlichen Statistik vorzunehmen und Bund, Ländern und Unternehmen als Planungs- und Analyseinstrument zur Verfügung zu stellen".[9] Bis allerdings die Ergebnisse dieser als Forschungsarbeit anzulegenden Aufgabe vorliegen, sind quantitative Angaben zur Kulturwirtschaft vor allem aus den Berechnungen im Umfeld des Arbeitskreises Kulturstatistik (mit Blick auf die internationale Diskussion) oder aus den Kulturwirtschaftsberichten der Länder zu entnehmen. Im Folgenden soll hierzu exemplarisch der schon erwähnte 1. Hessische Kulturwirtschaftsbericht aus dem Jahre 2003 herangezogen werden. Dieser nimmt nicht nur einen Vergleich Hessens mit Deutschland insgesamt vor, sondern lässt auch einen Blick auf die anderen 15 Bundesländer zu - allerdings, wie erläutert, mit einer Gliederung, die vergleichsweise umfangreich ausfällt und somit Obergrenzen der Bedeutung dieser Querschnittsbranche abbildet, zumal es ausdrücklich um die Kulturwirtschaft im weiteren Sinne geht. Dabei werden prinzipiell auch Kategorien erfasst, innerhalb derer öffentlich finanzierte Angebote dominieren (wie Theater, Oper, Museen u.a.). Das bedeutet, dass (abhängig von dem jeweils betrachteten Indikator) im Zweifel nicht nur Aussagen für die Kulturwirtschaft im weiteren Sinne, sondern für den "Kultursektor" insgesamt möglich werden. Weniger problematisch ist das beim Indikator "steuerpflichtige Umsätze", schwerwiegender dagegen - wie noch zu zeigen sein wird - bei der Verwendung von Beschäftigungszahlen. Insofern hat der weite Ansatz des hessischen Berichtes auch zu kritischen Anmerkungen geführt.[10]

Um deutlicher auf die erwerbswirtschaftliche Komponente abstellen zu können, hat sich der Arbeitskreis Kulturstatistik - anknüpfend an die in Abbildung 1 der PDF-Version dargestellte EU-Abgrenzung der Kulturwirtschaft - um eine Definition bemüht, die die Kategorien der Wirtschaftszweigsystematik so zusammenfasst, dass sie die Kernbranchen der Kulturwirtschaft in neun Gruppen abbildet:

1. Verlagsgewerbe
2. Filmwirtschaft
3. Rundfunkwirtschaft
4. Musik, visuelle und darstellende Kunst
5. Journalisten/Nachrichtenbüros
6. Museumsshops, Kunstausstellungen
7. Einzelhandel mit Kulturgütern
8. Architekturbüros
9. Designwirtschaft

Fußnoten

1.
Die WZ 2003 dient dazu, die wirtschaftlichen Tätigkeiten von Unternehmen, Betrieben und anderen statistischen Einheiten in allen amtlichen Statistiken einheitlich zu erfassen. Sie baut auf der durch EG-Verordnungen verbindlich eingeführten statistischen Systematik der Wirtschaftszweige in der Europäischen Gemeinschaft (NACE Rev. 1.1) auf. An der Erarbeitung dieser Klassifikationen waren zahlreiche Wirtschaftsverbände, die fachlich zuständigen Behörden und andere Institutionen maßgeblich beteiligt. Als Ergebnis ist eine hierarchisch gegliederte Wirtschaftszweigklassifikation mit 17 Abschnitten, 31 Unterabschnitten, 60 Abteilungen, 222 Gruppen, 513 Klassen und 1041 Unterklassen entstanden, die eine statistische Zuordnung aller wirtschaftlichen Tätigkeiten ermöglicht. Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Klassifikation der Wirtschaftszweige. Mit Erläuterungen, Wiesbaden 2003.
2.
Nomenclature générale des Activités économiques dans les Communautés Européennes.
3.
Vgl. hierzu Jeannine Cardona, Cultural Statistics in Europe: Updates and Trends, Montreal Symposium October 21 - 23, Paris 2002, S. 11.
4.
Der Mikrozensus ist eine amtliche Repräsentativstatistik, die mit einer Zufallsstichprobe 1 Prozent aller Haushalte in Deutschland erfasst und einmal jährlich Informationen zu Bevölkerung und Arbeitsmarkt erhebt.
5.
Vgl. Michael Söndermann, Beschäftigung im Kultursektor in Deutschland 2003/2004. Ergebnisse der Kulturstatistik, in: Jahrbuch für Kulturpolitik, Essen 2005, S. 459 - 476.
6.
Um exakt zu sein, ist allerdings darauf hinzuweisen, dass innerhalb der EU-Abgrenzung neben erwerbswirtschaftlichen Zweigen auch gemischte Unterklassen vorkommen, in denen gemeinnützige, öffentliche und privatwirtschaftliche Betriebsformen vertreten sind. Söndermann spricht daher korrekt von der Erwerbstätigkeit im "Kultursektor", beziffert aber den explizit privatwirtschaftlichen Anteil an der Erwerbstätigenzahl mit 528 000 auf gut ein Drittel. Dies wäre dann eine Angabe für die "Kulturwirtschaft" im strengsten Sinne. Da aber im Vergleich zum Ansatz der bisherigen Länder-Kulturwirtschaftsberichte die EU-Abgrenzung bereits deutlich enger gefasst ist und sich die EU-Abgrenzung (mit Modifikationen) durchzusetzen scheint, soll an dieser Stelle gleichwohl von Kulturwirtschaft (statt Kultursektor) gesprochen werden.
7.
Der erste nordrhein-westfälische Kulturwirtschaftsbericht datiert aus dem Jahr 1991/92.
8.
Vgl. Hessisches Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung (Hrsg.), Kulturwirtschaft in Hessen, 1. Hessischer Kulturwirtschaftsbericht, Wiesbaden 2003.
9.
Niederschrift der Wirtschaftsministerkonferenz zu TOP 14, vom 13./14.12. 2005.
10.
Vgl. Michael Söndermann, Kulturwirtschaftsberichte der Bundesländer: Viele Sprachen - ein Ziel?, in: Friedrich-Naumann-Stiftung (Hrsg.), Kulturwirtschaft 2005, Berlin 2006, S. 47 - 52.