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16.8.2006 | Von:
Ralf Ebert
Friedrich Gnad

Strukturwandel durch Kulturwirtschaft

Die Kulturwirtschaft im Ruhrgebiet ist mit über 10 000 Betrieben/Selbstständigen und 52 000 Beschäftigten eine Zukunftsbranche für den Strukturwandel. Der Titel "Kulturhauptstadt Europas 2010" bietet neue Entwicklungschancen.

Einleitung

Das Ruhrgebiet ist heute für viele Kult und die ehemals negativ konnotierte Bezeichnung "Pott" bei manchen Gruppen inzwischen ein Markenzeichen. Was sich in dieser einstmals von Kohle und Stahl geprägten Industrieregion in den letzten drei Jahrzehnten durch Kultur verändert hat und wie die Zukunftsbranche Kultur- bzw. Kreativwirtschaft in Programme und Initiativen zur Bewältigung des regionalen Strukturwandels integriert wurde, ist zumindest europaweit beispielhaft. Noch um 1960 gab es im Ruhrgebiet nur eine überschaubare Anzahl an Betrieben der Kulturwirtschaft, darunter Zeitungsverlage, Buchhandlungen und die eine oder andere Kunstgalerie.

Dies änderte sich mit dem Wandel der Region vom Montan- zum Wissenschafts- und Dienstleistungsstandort. Universitäten, Fachhochschulen und Gründerzentren trugen zur Entstehung neuer Industrien und Dienstleistungen bei, wie der Informationstechnik, der Mikrosystemtechnik oder der Logistik.

Parallel dazu vollzog sich ein gesellschaftlicher und mentaler Wandel. Der steigende Lebensstandard veränderte die Kultur- und Freizeitinteressen der Menschen im Ruhrgebiet. Es entstanden neue Museen, Konzerthäuser, Theater und soziokulturelle Einrichtungen - zunächst vor allem in öffentlicher bzw. zivilgesellschaftlicher, mehr und mehr auch in erwerbswirtschaftlicher Trägerschaft. Um 1980 begannen Studierende, stillgelegte Zechen- bzw. leerstehende Gewerbegebäude für Musik-, Theater- und Kleinkunstveranstaltungen zu nutzen. Heute sind die ehemals Kohle und Stahl repräsentierenden Symbole der Ruhrwirtschaft wie der "Gasometer" in Oberhausen, die "Kaue" in Gelsenkirchen oder das Weltkulturerbe "Zeche Zollverein" in Essen kulturell bzw. kulturwirtschaftlich "besetzt" und neu codiert.

In der Folge entstanden Betriebe, die Vorleistungen für Veranstaltungen erbrachten, wie etwa Vermittlungsagenturen für Künstlerinnen und Künstler, oder nachgelagerte Betriebe wie Musikverlage und Plattenfirmen. Diese wiederum ermöglichen die Ausdifferenzierung in eine Vielzahl kultureller Initiativen und Szenen. Neben den vielen Klein- und Kleinstbetrieben setzen einige Schlüsselprojekte, wie das seit 1988 aufgeführte Musical "Starlight Express" in Bochum neue, auch außerhalb des Ruhrgebiets wahrgenommene Akzente. Inzwischen ist die Vielzahl der kulturellen Angebote fester Bestandteil einer touristischen "Entdeckung" des Ruhrgebiets. Diese Prozesse im Kultursektor haben die Wirtschaft der Region verändert und auf vielfältige Weise zum regionalen Wandel beigetragen (vgl. Abbildung 2 der PDF-Version).