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19.7.2006 | Von:
Watzal, Ludwig

Editorial

Deutschland spielt in Europa nicht mehr auf allen Politikfeldern in der Champions League, sondern rangiert in manchen Bereichen nur noch im unteren Mittelfeld. Dies gilt nicht nur für die Zukunftsbereiche Bildung und Wissenschaft. Auch hinsichtlich des politischen Engagements der Bürger sind Defizite zu verzeichnen. So gibt es kaum mehr Unterschiede zu den neuen Demokratien Osteuropas.

Die politischen Haltungen in Ost- und Westdeutschland haben sich seit der Vereinigung im Oktober 1990 in vielen Bereichen angeglichen. Die Einstellungsunterschiede zwischen Ost und West in Bezug auf die politische Kultur, das politische Interesse oder gegenüber den staatlichen Institutionen sind nahezu verschwunden. Anders verhält es sich mit der Einstellung zur freiheitlichen Demokratie. Zwar bejahen die Ostdeutschen in gleichem Umfang wie die Westdeutschen die Idee der Demokratie, aber die Zufriedenheit mit der demokratischen Praxis ist im Osten stark zurückgegangen; nach neuen Erhebungen liegt sie um 20 Prozentpunkte hinter jener im Westen. Manchmal entsteht der Eindruck, als strebten die beiden Teile mental wieder auseinander.

Dies zeigt sich deutlich in der jüngsten Debatte über den Umgang mit der DDR-Geschichte. Fragen, ob die DDR mehr war als nur ein Unrechts- oder Überwachungsstaat, bewegen die Gemüter heftig. Wer die DDR nur in Schwarz-Weiß-Kategorien betrachtet, übersieht die Grautöne. Wer den Ostdeutschen als nahezu einziges materielles Mitbringsel in den neuen Staat nur den "Grünen Pfeil" zugesteht, braucht sich über "Ostalgie" kaum zu wundern. Als identitätsstiftendes Symbol für 40 Jahre Geschichte reicht dies nicht. In Westdeutschland wird bis heute offenbar nur unzureichend wahrgenommen, dass 1990 etwas Neues entstanden ist - nicht nur eine erweiterte Bundesrepublik.