APUZ Dossier Bild

19.7.2006 | Von:
Heiner Meulemann

Religiosität: Immer noch die Persistenz eines Sonderfalls

Rückblick und Ausblick

Die Analyse der Kirchenzugehörigkeit, der Kirchgangshäufigkeit und der religiösen Selbsteinstufung zeigt eine starke Übereinstimmung. Sie lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen. Erstens überdauert - wie in der Persistenzhypothese erwartet - der westdeutsche Vorsprung an Religiosität bis heute. Zweitens ist - wie in der Sonderfallhypothese erwartet - der Vorsprung Westdeutschlands vor Ostdeutschland größer als der Vorsprung Westeuropas vor Osteuropa. Das gilt auch dann, wenn man Polen - das religiöseste Land nicht nur Osteuropas, sondern Europas überhaupt - aus dem Vergleich ausschließt und so die Bedingungen verschärft, unter der Deutschland ein Sonderfall in Europa sein kann. Das gilt weiterhin überwiegend auch dann, wenn man den religiösen Typus des Landes kontrolliert und in Westeuropa wie in Deutschland gemischt konfessionelle Länder im Westen mit einem protestantischen Land im Osten vergleicht. Das gilt schließlich oft auch dann noch, wenn man die innerdeutsche Differenz mit der innerwesteuropäischen Differenz zwischen katholischen und protestantischen Ländern vergleicht. Selbst bei Kontrolle der Kirchenzugehörigkeit sind die innerdeutschen Differenzen zwar nicht mehr größer, aber meist doch noch ebenso groß wie die innerwesteuropäischen. Drittens gelten die Ergebnisse dieses Vergleichs europäischer Länder 2002 und 2004 in nahezu derselben Weise.

Die Kluft der Religiosität in den beiden Teilen Deutschlands kann also immer noch als die Persistenz eines Sonderfalls beschrieben werden. Deutschland ist ein negativer Testfall für die These, dass sich die Sozialintegration eines säkularen Staates auf religiöse Gemeinsamkeiten der Bürger gründet. Die Bevölkerungen der früheren deutschen Teilstaaten leben seit anderthalb Jahrzehnten zusammen, und viele ihrer politischen Einstellungen haben sich angenähert, aber ihre Religiosität liegt nach wie vor weit auseinander. Worauf auch immer eine Sozialverfassung sich gründet, die Religion ist es nicht. Sie ist nicht der Kitt des säkularen Staates.

Weil der Sonderfall der deutschen Unterschiede an den europäischen Unterschieden gemessen wurde, kann er nicht aus Bedingungen erklärt werden, die auch in Europa gelten. Er muss aus der deutschen Teilung gedeutet werden, welche die Wirkung der konträren Institutionenordnungen verstärkt hat. Die 40-jährige Koexistenz in einem Land hat es ermöglicht, dass Bevölkerungen und Kirchen sich stärker als in verschiedenen anderen Ländern auseinander entwickelt haben. Sie hat einerseits der Bevölkerung die Flucht vor dem kirchenfeindlichen Staat erlaubt, so dass die Religion mehr als dort, wo auch die kirchennahe Bevölkerung im Lande bleiben musste, an Rückhalt verloren hat. Sie hat anderseits den Staat zur verstärkten politischen Repression der Kirchen und die Kirchen zur gesteigerten Anpassung an den Staat gezwungen. Deshalb hat die historische und kulturelle Klammer in Deutschland in der Zeit der staatlichen Teilung den Effekt der konträren Institutionenordnung auf die Religiosität nicht - wie auf die politische Einstellung - abgemildert, sondern verschärft.