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22.6.2006 | Von:
Michael Fertig
Marcus Tamm

Kinderarmut in reichen Ländern

Einfluss familienbezogener Transfers

Für die empirische Untersuchung in diesem Beitrag wurden aus diversen Datenquellen Informationen über einzelne OECD-Staaten zur Kinderarmut und ihren potenziellen Erklärungsfaktoren zusammengestellt. Um einen möglichst vergleichbaren Datensatz über die Länder hinweg zu erhalten, haben wir uns dabei auf zwei Zeitpunkte konzentriert: zum einen auf ein relativ aktuelles Jahr (um 2000) und zum anderen auf ein Jahr Anfang/Mitte der neunziger Jahre. Selbst für diese beiden Zeitpunkte ist die Sammlung vollständig vergleichbarer Informationen noch recht schwierig und nicht flächendeckend möglich.

Unsere Stichprobe umfasst daher folgende 22 Staaten, für die vergleichbare Daten im angegebenen Zeitraum gesammelt werden konnten:
  • Skandinavische Staaten: Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden;
  • Angelsächsische Staaten: Australien, Kanada, Irland, Großbritannien und USA;
  • Osteuropäische Schwellenländer: Tschechische Republik, Ungarn und Polen;
  • Mediterrane Staaten: Griechenland, Italien und Spanien;
  • Benelux-Staaten: Belgien und Niederlande;
  • Kontinentaleuropäische Staaten: Österreich, Frankreich, Deutschland und Schweiz;
  • Sonstige Staaten: Mexiko.
Für diese OECD-Staaten liegen neben der zu erklärenden Rate der Kinderarmut (in Prozentpunkten) im angegebenen Zeitraum folgende Informationen vor, die potenzielle Erklärungsfaktoren von Kinderarmut im Ländervergleich darstellen:
  • Ausgaben für Familientransfers relativ zum Bruttoinlandsprodukt (BIP);
  • Durchschnittlicher Anteil der Kinder in Haushalten von Alleinerziehenden;
  • Durchschnittliche Familiengröße in Anzahl der Köpfe;
  • Jugendquotient, d.h. Anteil der unter 20-Jährigen relativ zu den 20- bis 59-Jährigen;
  • Altenquotient, d.h. Anteil der über 59-Jährigen relativ zu den 20- bis 59-Jährigen;
  • Arbeitslosenquote in Prozentpunkten.
Zusätzlich hierzu wurden Indikatoren für die oben genannten Ländergruppen konstruiert. Diese nehmen jeweils den Wert 1 an, wenn ein Staat zu einer bestimmten Ländergruppe gehört; sonst den Wert 0. Die Indikatoren sollen dazu dienen, nicht beobachtbare länderspezifische Faktoren, welche die Höhe der Kinderarmut beeinflussen, aufzufangen. Alle diese potenziellen Erklärungsfaktoren werden im Rahmen eines multivariaten Regressionsmodells analysiert. Dies bedeutet, dass sie simultan berücksichtigt werden, um ihre jeweilige relative Erklärungskraft ermitteln zu können.

Die Ergebnisse der Schätzung von vier Spezifikationen des Modells sind in der Tabelle (vgl. PDF-Version) zusammengefasst. Modell I enthält neben einer Konstanten nur die familienbezogenen Transferleistungen (relativ zum BIP des jeweiligen Landes) als Erklärungsfaktor. In Modell II werden zusätzlich die Ländergruppenindikatoren als erklärende Variablen in die Spezifikation aufgenommen, um für ländergruppenspezifische Unterschiede zu kontrollieren, die nicht mit den Transferleistungen zusammenhängen. Modell III erweitert das zweite Modell um sozio-demographische Erklärungsvariablen. Schließlich wird in Modell IV noch um den möglichen Einfluss der Arbeitsmarktsituation in den jeweiligen Ländern kontrolliert, indem die Arbeitslosenquote als erklärende Variable mit aufgenommen wird.

In dieser Tabelle finden sich zum einen die geschätzten Koeffizienten für die einzelnen Erklärungsvariablen, die den durchschnittlichen Zusammenhang zwischen denselben und der Rate der Kinderarmut über die Länder hinweg angeben. Zum anderen wird auch der so genannte t-Wert jedes geschätzten Koeffizienten dargestellt, der eine Beurteilung der Zuverlässigkeit der Schätzungen erlaubt. Da die durchgeführten empirischen Analysen auf einer Stichprobe, also nur einem Teil aller OECD-Länder beruhen, ist es durchaus möglich, dass der geschätzte Zusammenhang zwischen beispielsweise familienbezogenen Transfers und Kinderarmut rein zufällig zustande kommt, also nicht systematisch ist. Der t-Wert gibt das Ergebnis eines statistischen Tests wieder, der eine Aussage darüber erlaubt, ob der geschätzte Koeffizient nur zufällig von Null verschieden ist. Alle in der Tabelle durch Fettdruck hervorgehobenen t-Werte kennzeichnen Koeffizienten, für die mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit die Befürchtung verworfen werden kann, dass der zugehörige geschätzte Koeffizient nur zufällig von Null verschieden ist. Schließlich sei hier auch darauf hingewiesen, dass angesichts der sehr kleinen Beobachtungsanzahl bei der Interpretation der Ergebnisse Vorsicht geboten ist.

Die Schätzergebnisse für Modell I weisen auf einen statistisch signifikanten und quantitativ bedeutsamen Einfluss familienbezogener Transfers auf die Kinderarmut hin. So würde demnach eine Erhöhung der Transferleistungen um einen Prozentpunkt mit einer Reduktion der Kinderarmutsrate um durchschnittlich 4,5 Prozentpunkte einhergehen. Diese Schätzung lässt außer Acht, dass neben Transferleistungen auch noch andere potenzielle Erklärungsfaktoren existieren. Diese werden in den Modellen II-IV sukzessive berücksichtigt.

Alleine die Berücksichtigung von ländergruppenspezifischen Faktoren (Modell II) lässt bereits den Einfluss der Transferleistungen auf weniger als die Hälfte zusammenschmelzen. Die Ländergruppenindikatoren selbst sind hochsignifikant und weisen einen erheblichen quantitativen Einfluss auf die Kinderarmutsrate auf. Im Vergleich zur Referenzgruppe, den skandinavischen Ländern, liegen die Kinderarmutsraten in allen anderen Ländergruppen deutlich höher und sind nicht auf die Unterschiede in den familienbezogenen Transfers zurückzuführen. Dies legt den Schluss nahe, dass in den einzelnen Ländergruppen Faktoren existieren, die aufgrund der unzureichenden Datensituation nicht direkt berücksichtigt werden können, aber gleichzeitig einen starken systematischen Zusammenhang mit Kinderarmut besitzen.

Die Berücksichtigung sozio-demographischer (Modell III) und arbeitsmarktbezogener (Modell IV) Erklärungsfaktoren reduziert den Einfluss familienspezifischer Transferleistungen weiter. Die Schätzergebnisse der endgültigen Spezifikation (Modell IV) legen den Schluss nahe, dass eine Erhöhung der Ausgaben für familienbezogene Transfers (relativ zum BIP) um einen Prozentpunkt die Kinderarmutsrate unter sonst gleichen Umständen nur um etwas mehr als einen Prozentpunkt verringert. Gleichzeitig wird ein statistisch signifikanter und quantitativ bemerkenswerter Zusammenhang zwischen den sozio-demographischen Erklärungsfaktoren und der Kinderarmutsrate deutlich, wohingegen überraschenderweise die Arbeitslosenquote keinen systematischen Einfluss auf die Kinderarmutsrate aufweist. Da insbesondere Kinder in Haushalten von Alleinerziehenden von Armut betroffen sind,[6] ist es nicht verwunderlich, dass Kinderarmut in jenen Ländern besonders von Bedeutung ist, in denen viele Kinder mit nur einem Erwachsenen zusammenleben. Ein hoher Jugendquotient geht tendenziell mit höheren Kinderarmutsraten einher, ein hoher Altenquotient eher mit niedrigeren.

Abschließend sei angemerkt, dass sowohl die geschätzte Höhe als auch die Signifikanz einzelner Koeffizienten teilweise merklich davon abhängen, welche Erklärungsfaktoren im Modell konkret berücksichtigt werden. Werden zusätzliche Variablen in das Modell mit aufgenommen, etwa der Ausländeranteil, die Beschäftigtenquote oder die staatliche Investitionsquote, so sind diese insignifikant. Da diese Daten außerdem nur für wenige Länder verfügbar sind, wurde hier auf ihre Berücksichtigung verzichtet.

Fußnoten

6.
Vgl. M. Corak u. a. (Anm. 2).