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22.6.2006 | Von:
Michael Fertig
Marcus Tamm

Kinderarmut in reichen Ländern

Schlussfolgerungen

In diesem Beitrag wurden einige stilisierte Fakten der Entwicklung der Kinderarmut in den OECD-Ländern präsentiert und deren potenzielle Erklärungsvariablen (Familienpolitik, sozio-demographische Trends und Arbeitsmarktsituation) empirisch untersucht. Die empirischen Analysen beruhten auf einer recht schmalen Datenbasis, was bei der Beurteilung der Ergebnisse einschränkend berücksichtigt werden muss. Für eine belastbarere Analyse wäre neben einer breiteren Datenbasis noch eine bessere Abbildung des familienbezogenen Politikeinsatzes in den einzelnen Staaten notwendig. Letzteres setzt wiederum vergleichbare Daten zu beispielsweise der Verfügbarkeit von Kinderbetreuungsmöglichkeiten oder der Ausrichtung von Transferleistungen voraus.

Die im Beitrag präsentierte empirische Evidenz lässt gleichwohl den Schluss zu, dass Kinderarmut mit Hilfe familienpolitischer Maßnahmen bekämpft werden kann. Allerdings scheint eine Erhöhung familienbezogener (monetärer) Transferleistungen nur bedingt dazu geeignet zu sein, einen signifikanten Beitrag zur Verringerung von Kinderarmut zu leisten. Unsere Schätzergebnisse legen den Schluss nahe, dass eine Erhöhung der Ausgaben für familienbezogene Transfers um einen Prozentpunkt des BIP die Kinderarmutsrate um etwas mehr als einen Prozentpunkt verringert. Eine Erhöhung der Transferleistungen in dieser Größenordnung würde beispielsweise in Deutschland eine fünfzigprozentige Anhebung dieser Sozialausgaben bedeuten, was in etwa Mehrausgaben von zehn Milliarden Euro gleichkommt. Eine solche Ausgabensteigerung dürfte angesichts knapper Kassen nur schwerlich umsetzbar sein. Daher erscheint eine stärkere Fokussierung der Transferleistungen, etwa auf dem Wege einer Vergabe des Kindergeldes nach Bedürftigkeit, einen erfolgversprechenderen Weg zur Reduzierung der Kinderarmut darstellen.

Des Weiteren deutet die hohe Erklärungskraft der Ländergruppenindikatoren darauf hin, dass Kinderarmut insbesondere auch auf Faktoren zurückzuführen ist, für die in dieser Untersuchung aufgrund der unzureichenden Datenlage nicht kontrolliert werden konnte. Dies beinhaltet unter anderem nicht-monetäre Unterstützungen für Familien, wie beispielsweise Möglichkeiten zur Kinderbetreuung, und sonstige wirtschaftliche und gesellschaftliche Gegebenheiten. Das gute Abschneiden insbesondere der skandinavischen Länder sollte daher Anlass dazu geben, die institutionellen Regelungen dieser Länder genauer zu untersuchen.