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22.6.2006 | Von:
Carolin Reißlandt
Gerd Nollmann

Kinderarmut im Stadtteil: Intervention und Prävention

Sozialraumspezifische Erscheinungsformen von Kinderarmut

Doch was genau verbirgt sich hinter diesen nüchternen Zahlen? Kinderarmut berührt neben monetären Mangelaspekten der Grundversorgung beim einzelnen Kind auch Lebensbereiche wie Gesundheit, Bildung, Kultur und soziale Teilhabe. Um diese immateriellen Facetten von Kinderarmut messbar zu machen, entwickelte die AWO-ISS-Studie ein kindgerechtes Armutskonzept, nach dem die Lebenslage von Kindern analytisch in vier Dimensionen aufgefächert wird: die materielle und kulturelle Versorgung, die Situation im sozialen Bereich sowie die psychische und physische Lage.[7] Die analytische Trennung familiärer Armut von kindlichen Lebenslagen ermöglicht Aussagen über die vielfältigen Auswirkungen in den einzelnen Lebensdimensionen. Das große Spektrum der Lebenslagen von Kindern lässt sich anhand der drei Typen "Wohlergehen", "Benachteiligung" und "multiple deprivierte Lebenslage" erfassen. Von Armut im jüngeren Kindesalter könne deshalb nur gesprochen werden, wenn ein Kind in einer einkommensarmen Familie lebe, sich materielle, kulturelle, gesundheitliche oder soziale Unterversorgung zeigten und sowohl aktuelle Entwicklungsbedingungen als auch Zukunftsperspektiven beeinträchtigt seien.[8]

Erscheinungsformen von Kinderarmut sind in benachteiligten Stadtgebieten besonders häufig zu beobachten. Sie erschließen sich auch sensibilisierten Betrachtern erst bei näherer Beschäftigung mit den Kindern, frühestens also in Einrichtungen des Elementarbereichs im Stadtteil. Eine in Kindertagesstätten des Erzbistums Köln durchgeführte Untersuchung weist darauf hin, dass negative Auswirkungen familiärer Armut auf das Wohlbefinden von Vorschulkindern im Umfeld "sozialer Brennpunkte" offenbar ausgeprägter sind. Sie werden von den Erzieherinnen häufiger problematisiert.[9] Nicht nur die beengten Wohnverhältnisse und ein häufiger Bezug von Arbeitslosen- oder Sozialhilfe werden im Umfeld benachteiligter Sozialräume prekärer eingeschätzt, sondern auch die negativen Auswirkungen familiärer Armut bei den Kindertagesstättenkindern in den vier eingangs genannten Lebensdimensionen.

Hinsichtlich der materiellen Versorgung artikulierten die Erzieherinnen häufiger, dass Kinder hungrig in die Einrichtung kämen, der Jahreszeit unangemessene oder in schlechtem Zustand befindliche Kleidung trügen oder körperlich vernachlässigt erschienen. Geringer ausgeprägt scheinen Unterschiede im Sozialverhalten zu sein; gleichwohl wurden arme Kinder häufiger als aggressiv gegenüber Gleichaltrigen wahrgenommen. Außerdem seien sie vermehrt alleine in die Einrichtung gekommen. Im kulturellen Bereich wurden sprachliche Auffälligkeiten konstatiert; vermehrt beobachteten die Erzieherinnen und Erzieher, dass Kinder sich nicht verständlich ausdrücken konnten. Am geringsten ausgeprägt waren Unterschiede in den wahrgenommen gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Allerdings bestätigten sich auch hier eingängige Befunde, nach denen Kinder aus benachteiligten Quartieren als unsicherer und ungeschickter in ihren Bewegungen (Motorik), häufiger krank und von chronischen Krankheiten betroffen eingeschätzt wurden.

Fußnoten

7.
Vgl. Arbeiterwohlfahrt Bundesverband e.V. (Hrsg.), Zukunftschancen für Kinder. Wirkung von Armut bis zum Ende der Grundschulzeit, Berlin-Bonn 2005, S. 34ff.; Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch den Beitrag von Gerda Holz in dieser Ausgabe.
8.
Vgl. Gerda Holz u.a., Armutsprävention vor Ort - "Mo.Ki - Monheim für Kinder". Evaluationsergebnisse zum Modellprojekt von Arbeiterwohlfahrt Niederrhein und Stadt Monheim, Frankfurt/M. 2005, S. 21.
9.
Vgl. auch zum Folgenden: Johann M. Gleich, Arme Kinder in katholischen Tageseinrichtungen für Kinder. Untersuchung, Anregungen und Empfehlungen für die Arbeit in den Einrichtungen, Freiburg i.Br. 2005, S. 86ff.