APUZ Dossier Bild

22.6.2006 | Von:
Carolin Reißlandt
Gerd Nollmann

Kinderarmut im Stadtteil: Intervention und Prävention

Interventionsansätze: Soziale Dienste und Projekte im Stadtteil

Die sozialen Dienste der kommunalen Kinder-, Jugend- und Familienhilfe stellen auf der Grundlage des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (SGB VIII) situationsadäquate Hilfsmaßnahmen bereit, wenn Krisen, Erziehungsprobleme oder Kindervernachlässigung in Familien auftreten, die das Kindeswohl gefährden. Klassische Hilfsangebote wie Inobhutnahme, Heimerziehung oder sonstige betreute Wohnformen verzeichnen seit einigen Jahren eine gestiegene Inanspruchnahme.[18]

Im Rahmen von Reorganisationsmaßnahmen bildet sich innerhalb der kommunalen Kinder- und Jugendhilfepraxis allmählich die in der Fachöffentlichkeit bereits seit längerem propagierte Devise einer neuen Sozialraumorientierung heraus. Dieser Wandel ist mit weit reichenden Vernetzungserfordernissen, etwa durch Stadtteilkonferenzen und den Ausbau von Ganztagsschulangeboten, verbunden.[19] Ebenso wie von der kommunalen Kinder-, Jugend- und Familienhilfe wird auch von Kindertagesstätten, Schulen und Trägern außerschulischer Kinder- und Jugendfreizeitangebote eine "Öffnung der Einrichtung zum Stadtteil" gefordert.[20]

Frühkindliche Deprivationen bergen das Risiko einer biografischen Verfestigung, etwa in Form von Bildungsarmut.[21] Die im frühen Kindesalter ausgebildeten kognitiven, emotionalen und motorischen Grundfertigkeiten bilden das Fundament, auf dem eine erfolgreiche Sozialisation und Bildungsteilhabe aufbaut. So konzentriert sich eine wachsende Zahl von Projekten im Kindertagesstättenbereich auf die Bekämpfung von Armutsfolgen bei jüngeren Kindern. Je jünger die im Mittelpunkt der Maßnahme stehende Altersgruppe ist, desto größere Bedeutung erlangen Eltern und in besonderem Maße Mütter. Gerade mit jüngeren Kindern haben sich, wie bei Mutter-Kleinkind-Sprachlernangeboten, zielgruppenübergreifende Angebote bewährt. Beispielhaft für weitere elternbezogene Maßnahmen seien Mütterkurse für Alleinerziehende genannt, Sprachförderangebote für Mütter mit Migrationshintergrund, hauswirtschaftliche Bildungsangebote oder die Bereitstellung einer "Beratungs- und Hilfeplanung aus einer Hand" in familiären Notsituationen.

Für ältere Kinder und Jugendliche dominieren sport-, kultur-, erlebnis- und medienpädagogische Aktivitäten sowie Bildungsangebote wie Hausaufgabenbetreuung, die von den Kinder- und Jugendeinrichtungen und den Schulen in den Stadtteilen angeboten werden. Diese Angebote zielen darauf, (Bewältigungs-)Potenziale zu stärken sowie materielle, gesundheitliche, kulturelle oder soziale Deprivationen abzubauen. Nach Themenschwerpunkten können Ansätze der Gesundheits- und Ernährungsförderung, der Sozial- und Kulturpädagogik, der Bildungs- und Sprachförderung sowie Angebote mit Bezug auf die Grundversorgung von Schulkindern und Jugendlichen unterschieden werden. Eine weitere Gruppe von Maßnahmen richtet sich explizit an Jugendliche im Übergang von der Schule in den Beruf. Schließlich sind Fortbildungsangebote für Mitarbeiter sozialer Einrichtungen (wie Kindertagesstätten, Schulen, Stadtteilzentren oder Jugendfreizeitstätten) zu nennen, die unmittelbar mit Kindern, Jugendlichen und deren Familien arbeiten. Zwei ausgewählte Beispiele von sozialraumbezogenen Modellprojekten für von Armut betroffene Kinder seien im Folgenden illustriert.

Saarbrücker Stadtteilprojekte: Mit den in zwei benachteiligten Stadtbezirken Saarbrückens - im Unteren Malstatt und Alt-Saarbrücken - seit 2003 durchgeführten Modellprojekten wird versucht, den Auswirkungen von Armut bei 10- bis 12-jährigen Kindern auf Stadtteilebene zu begegnen.[22] In Trägerschaft zweier Wohlfahrtsverbände wurden verschiedene Aktivitäten für Kinder aus Familien mit Langzeitsozialhilfebezug entwickelt:

Bei dem Alt-Saarbrücker Modellprojekt handelt es sich um ein sozialpädagogisches Schwerpunktprogramm. Die Sprachbildungsangebote fördern die Lese- und Medienkompetenz sowie künstlerische und musische Neigungen bei Kindern. Mittels Freizeit-, Kultur- und Outdoorveranstaltungen werden die gesellschaftliche und kulturelle Partizipation, das Kennenlernen des Stadtteils zwecks Erweiterung des kindlichen Aktionsradius und eine aktive Freizeitgestaltung ermutigt. Ergänzend wird Eltern eine Beratung in Erziehungsfragen und freizeitkulturelle Aktivitäten offeriert und eine Vernetzungsarbeit mit Institutionen im Stadtteil verfolgt.

Im Unteren Malstatt wurde ein Kinderhaus eröffnet, das als niedrigschwellige offene Anlaufstelle einerseits Freizeit- und Kreativitätsangebote, Mittagessen und soziale Unterstützung für Kinder der Nachbarschaft anbietet und andererseits eine Gruppe von Kindern gezielt unterstützt. Durch Hausaufgabenhilfe, Spiel- und Freizeitangebote sowie Elternkurse und eine kontinuierliche Familienarbeit sollen die Ressourcen dieser Kinder und die Selbsthilfepotenziale und Erziehungskompetenzen ihrer Familien gefördert werden. Auf Stadtteilebene werden die Bestandsaufnahme und die Weiterentwicklung einer nachhaltigen Vernetzung verfolgt.

"Ku.Ki" - Kulturarbeit mit Kindern: Das jüngst im Ruhrgebiet begonnene, von der Stiftung Wohlfahrtspflege NRW geförderte Projekt des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands (DPWV) richtet sich an Kinder, insbesondere von Alleinerziehenden mit Migrationshintergrund, die in zwei benachteiligten Gebieten von Duisburg und Bottrop leben. Die Zielgruppe ist nicht nur dem größten Armutsrisiko ausgesetzt, sondern weist auch im Bereich der kulturellen Kompetenzen einen besonderen, über Sprache hinausgehenden Förderungsbedarf auf. Durch eine sozialraumorientierte Kinder- und Jugendkulturarbeit, die von zwei freien Trägern - dem Arbeiter-Samariter-Bund Landesverband NRW e.V. und der Arbeitsgemeinschaft Soziale Brennpunkte e.V. - vor Ort durchgeführt wird, sollen Kinder und Jugendliche verschiedenen Alters in ihren Alltagskompetenzen gestärkt werden. Unter musikpädagogischer Anleitung entwickeln sie Musicals, die als Veranstaltungsreihe im Stadtteil präsentiert werden.

Diese Aktionsform wurde gewählt, weil damit Tätigkeiten wie Tanzen, Singen, Musizieren, Schauspielen und Requisitenherstellen aufgegriffen und ein breites Spektrum kultureller und musischer Kompetenzen von Kindern gefördert werden können. Daneben wird eine aktive Kooperations- und Netzwerkarbeit verfolgt. Die Veranstaltungsreihe soll nach Projektabschluss in das "Regelangebot" einer im Stadtteil ansässigen Einrichtung überführt werden.[23]

Fußnoten

18.
Vgl. G. Holz u.a. (Anm. 8), S. 5.
19.
Vgl. Werner Schefold, Sozialräumlichkeit von Hilfeverfahren, in: Projekt "Netzwerke im Stadtteil" (Hrsg.), Grenzen des Sozialraums. Kritik eines Konzepts - Perspektiven für Soziale Arbeit, Wiesbaden 2005, S. 145ff.
20.
Vgl. auch Wolfgang Mach/Joachim Schroeder, Schule und lokale Bildungspolitik, in: Fabian Kessl u.a. (Hrsg.), Handbuch Sozialraum,Wiesbaden 2005, S. 342ff.
21.
Für Armut im Grundschulalter vgl. Arbeiterwohlfahrt Bundesverband (Anm. 7), S. 78 ff.
22.
Vgl. iSPO-Institut, 2. Zwischenbericht der beiden Modellprojekte zur Bekämpfung der Auswirkungen von Kinderarmut, Saarbrücken 2005, S. 8 ff.; auch zum Folgenden: Rosie Divivier/Dirk Groß, Bekämpfung von Armutsfolgen durch Soziale Arbeit, in: M. Zander (Anm. 12), S. 260ff.
23.
Vgl. www.ku-ki.de.