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14.6.2006 | Von:
Lena Horlemann
Susanne Neubert

Virtueller Wasserhandel zur Überwindung der Wasserkrise?

Politische Überlegungen am Beispiel der MENA-Region

Virtueller Wasserhandel hat also aus Sicht verschiedener Disziplinen Potenziale, aber auch Schwachstellen vorzuweisen. Besonders relevant sind aber politische Determinanten, da die Politik letztlich darüber entscheidet, ob virtueller Wasserhandel in einem Land strategisch umgesetzt wird oder nicht. Was könnten also die Motive der Entscheidungsträger sein, sich für die Strategie zu entscheiden, und welches könnten Hinderungsgründe sein?

Wie Anthony Allan[8] mehrfach argumentiert hat, wird nachhaltiges Management von Wasserressourcen - vor allem in der MENA-Region - dadurch verhindert, dass eine öffentliche Diskussion über das Problem der Wasserknappheit kaum existiert. Allan nennt dies einen "sanktionierten Diskurs", womit er ausdrücken will, dass zwar in Kreisen der Politiker wie auch der Wissenschaftler ein Bewusstsein darüber besteht, dass Wasserressourcen zunehmend knapp werden, ein Diskurs in der Öffentlichkeit aber vermieden wird - denn der uneingeschränkte Zugang zu Wasser wird vielfach von der Bevölkerung als grundlegendes Recht verstanden.

Virtueller Wasserhandel als politische Strategie kommt Allan zufolge diesem Phänomen entgegen. Indem verstärkt Nahrungsmittel importiert werden und somit die nationale Produktion nach und nach abnimmt, reduziert sich der Wasserverbrauch in der Landwirtschaft automatisch. Das Problem erledige sich demnach "politisch lautlos" von selbst. Politische Kosten, die notwendig wären, um Aufklärungsarbeit bzw. Akzeptanz für ein politisches Programm zum Wassersparen zu schaffen, entfielen somit. Doch ganz so leicht ist eine Reduzierung der landwirtschaftlichen Produktion nicht möglich, denn es stellt sich im Zusammenhang mit dem Problem der Wasserübernutzung - durch den hohen Wasserverbrauch in der Landwirtschaft - die Frage nach der adäquaten Landnutzung. Ein politisches Eingreifen würde aber bedeuten, dass formelle und traditionelle Landnutzungsrechte berührt würden. Auch Tarife oder Preise für Wasser und seine Bereitstellung können oft nicht erhoben werden, da das Wasser auf privatem Land entnommen wird und staatliche Kontrollen schwierig sind. Zum anderen ist die Vorstellung der Selbstversorgung - mit Wasser oder Nahrungsmitteln - und der Unabhängigkeit von anderen Staaten oftmals eine Frage des Selbstwertgefühls - auch wenn diese vielfach bereits real nicht existieren. Eine öffentliche Debatte um Wassermangel ist daher politisch äußerst sensibel.

Auch der ehemalige jordanische Minister für Wasser und Bewässerung, Hazim El-Naser, meint, dass eine Beschränkung der Wasserentnahmen durch Gesetze kaum möglich sei. Er denkt aber, dass eine Optimierung der Produktionseffizienz (z.B. durch Einführung von Tröpfchenbewässerung) der richtige Ansatz sei, da sie eine realistische Chance zur Umsetzung habe. Strategischer virtueller Wasserhandel könnte seiner Meinung nach in eine Gesamtstrategie zur Verbesserung des Wassermanagements einfließen. Seine Hoffnung setzt er vor allem in die jüngere Generation, deren Bewusstsein für den Umgang mit Ressourcen geschärft werden könne.

Für welche Länder könnte virtueller Wasserhandel sinnvoll sein? Eine Umstellung von landwirtschaftlicher auf industrielle Produktion ist nicht auf Knopfdruck möglich und auch nicht so einfach plan- und steuerbar; das zeigt die Existenz vieler Weltprobleme. Auf jeden Fall handelt es sich um sehr langsame Prozesse. Unterschiedliche Rahmenbedingungen erfordern daher "eine regionalisierte Betrachtung der Sinnhaftigkeit von virtuellem Wasserhandel und seinen sozioökonomischen Voraussetzungen".[9] In vielen Entwicklungsländern arbeitet ein relevanter Anteil der Bevölkerung in der Landwirtschaft für die Sicherung des eigenen Nahrungsbedarfs. Die Subsistenzlandwirtschaft ist dabei zwar vom ökonomischen Kreislauf ausgeschlossen, trägt aber einen wichtigen Teil zur Armutsminderung bei. Für solche Bevölkerungen - und somit offenbar generell für sehr arme Entwicklungsländer - scheidet der virtuelle Wasserhandel daher aus, denn er würde lediglich mit Nachteilen, z.B. mehr Abhängigkeit und mehr Armut, erkauft werden.

Der virtuelle Wasserhandel könnte aber für solche Länder von Interesse sein, die trotz absoluter Wasserknappheit über einen relativ hohen Entwicklungsstand verfügen und die daher die ökonomische Potenz aufweisen, um die nötigen Devisen für virtuelle Wasserimporte zu erwirtschaften. Dies sind vor allem die Länder des Nahen und Mittleren Ostens (z.B. Jordanien, Syrien) und zum Teil des südlichen Afrikas (z.B. Südafrika, Botswana). Zudem eignen sich diese Ländergruppen am ehesten, weil dort die Abhängigkeit von der Landwirtschaft i.d.R. geringer ist als in wenig entwickelten Ländern. Hierdurch sind auch die verknüpften sozioökonomischen Risiken geringer zu veranschlagen.

Fußnoten

8.
Vgl. Anthony Allan, The Middle East Water Question. Hydropolitics and the Global Economy, London - New York 2002.
9.
Vgl. Thomas Kluge/Stefan Liehr, in: Lena Horlemann/Susanne Neubert, "Virtueller Wasserhandel". DIE-Studie, S. 13.