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Graffito von Simón Bolívar und venezolanischer Flagge auf einer Mauer in Caracas, Venezuela

13.9.2019 | Von:
Stefan Rinke

Geschichte und Geschichtsbilder Venezuelas: eine Skizze

Venezuelas schwierige Staatsbildung

Die Ereignisse der Unabhängigkeitsrevolution wurden von einer ersten Generation von Historikern im Nachhinein zu einem Gründungsmythos verklärt. Demnach hatte sich die bereits seit langem bestehende Nation aus den Ketten der spanischen Stiefmutter befreit, um nun aufzublühen. Damit einher ging eine Heldenverehrung wie etwa für den freigelassenen Sklaven Pedro Camejo, genannt "el negro primero", der den Aufstieg vom Sklaven zum Offizier geschafft hatte und dann den "Heldentod" starb. Er wurde in Volksliedern und auf Hausaltären für die schwarze Bevölkerung geradezu zu einem Volksheiligen stilisiert. Wichtiger noch war aber der Kult für den schon zu Lebzeiten höchst populären Bolívar, den "Befreier". Dass ein Venezolaner in weiten Teilen Südamerikas die Unabhängigkeit erkämpft hatte, erfüllte eine Bevölkerung mit Stolz, die jedoch noch lange nicht vollständig in den neuen Staat integriert war.
El Panteón de los Héroes. Ölgemälde von Arturo Michelena, 1898. Abgebildet ist unter anderem Simón Bolívar (sitzend).El Panteón de los Héroes. Ölgemälde von Arturo Michelena, 1898. Abgebildet ist unter anderem Simón Bolívar (sitzend). (© The Picture Art Collection/Alamy Stock Foto)

Zwar schafften die neuen Machthaber den Sklavenhandel – die Sklaverei selbst blieb zunächst noch bestehen – und den Indigenentribut ab, doch wurden die Latifundien nicht angetastet, denn die meisten Anführer der Patrioten waren selbst Großgrundbesitzer. Durch die Abschaffung des indigenen Gemeinschaftsbesitzes konnten sie ihre Ländereien weiter vergrößern. Viele freigelassene Sklaven und Hilfsarbeiter lebten in Schuldknechtschaft. Auch die wirtschaftliche Ausrichtung Venezuelas auf den Export blieb erhalten und wurde durch den neuen Freihandel vertieft. Zum klassischen Exportgut Kakao waren bereits in der Kolonialzeit Kaffee und Rinderhäute hinzugekommen. Die Nachfrage in Europa stieg beständig, und ausländische Händler machten gute Geschäfte in Venezuela. Sie übernahmen darüber hinaus wichtige Funktionen im Bank- und Transportwesen. Der weitaus größte Teil der Bevölkerung profitierte jedoch nicht davon, sondern lebte weiterhin von der Selbstversorgung. Selbst ein überregionaler Binnenhandel spielte in den ersten Jahrzehnten der Unabhängigkeit noch kaum eine Rolle. Industrien konnten sich vor diesem Hintergrund nicht entwickeln, doch hielten sich Manufakturen und Handwerksbetriebe für den lokalen Bedarf, die unter der Konkurrenz billiger Massenware aus Europa litten.

In politischer Hinsicht stand Venezuela wie viele der jungen lateinamerikanischen Staaten im Bann des Caudillismus: Es erfolgte eine Ruralisierung (Verländlichung) der Macht und eine Militarisierung der politischen Auseinandersetzung. Mit Páez hatten die Eliten, unter denen neben den Militärs weiterhin die alten, Land und Sklaven besitzenden Oberschichten von Caracas den Ton angaben, einen Mann gewählt, der die Sprache des ethnisch gemischten Volks sprach und der es verstand, sich persönliche Gefolgschaft nicht zuletzt unter den Llaneros und Pardos zu sichern. Páez, der selbst aus den Llanos stammte, hatte sich während des Kriegs große Ländereien mit Sklaven und abhängigen Bauern angeeignet. Damit verfügte er nicht nur über das notwendige Ansehen bei den kreolischen Oberschichten, sondern auch über eine Privatarmee, die er im Streitfall gegen konkurrierende Caudillos einsetzen konnte. Dies gab ihm auch die Macht, eine antiklerikale Politik durchzusetzen, um die Macht der Kirche einzuschränken. So erklärte die Regierung die Religionsfreiheit, beanspruchte die Hoheit über das Bildungswesen und wollte sich Teile kirchlichen Besitzes einverleiben. In geschichtspolitischer Hinsicht setzte Páez ebenfalls Maßstäbe, als er 1842 die Überreste Bolívars unter großem Pomp in Caracas beisetzen und 1846 die Stadt Angostura in Ciudad Bolívar umbenennen ließ.[7]

In den Provinzen gab es Widerstand gegen Páez, denn dort war man nicht bereit, die Vorherrschaft von Caracas anzuerkennen. Die separatistischen Aufstände gingen nicht zuletzt von konkurrierenden Hafenstädten wie Maracaibo aus, doch konnten sie niedergeschlagen werden. Bis 1848 sollte Páez der starke Mann im Land bleiben, wenngleich er das Präsidentenamt in dieser Zeit nicht dauerhaft innehatte. Seine Unterstützer organisierten sich zunehmend in parteiähnlichen Strukturen und bildeten die Grundlage der Konservativen Partei. Ihre Widersacher waren die Liberalen. In ihren sozialpolitischen Zielen unterschieden sich die beiden Lager kaum. So unterstützten sie beispielsweise gemeinsam die Verzögerung des Endes der Sklaverei.[8]

Durch eine Verschlechterung der Wirtschaftslage erodierte die Machtbasis von Páez, und es kam zu Aufständen der Unterschichten, worauf das Regime mit der Verfolgung der Liberalen antwortete. Daraufhin kam mit José Tadeo Monagas ein Mann ins Präsidentenamt, der als Marionette des Caudillo galt. Er sollte das Amt im folgenden Jahrzehnt abwechselnd mit seinem Bruder José Gregorio innehaben. Die Brüder emanzipierten sich von Páez, der nach einer militärischen Niederlage ins Exil ging, und näherten sich den Liberalen an. Nach der Niederschlagung von Aufständen föderalistischer Kräfte in den Provinzen Mitte der 1850er Jahre regierten die Monagas das Land wie ihren Privatbesitz und plünderten die Staatskasse zugunsten ihrer Familie und Günstlinge. Die Auslandsverschuldung erhöhte sich und es kam zu Spannungen mit europäischen Mächten, vor allem mit Großbritannien. Immerhin setzte die Regierung mit der endgültigen Aufhebung der Sklaverei 1854 ein wichtiges Signal. Als sich Ende des Jahrzehnts erneut eine Wirtschaftskrise bemerkbar machte, brachten Aufstände, die in den Llanos ihren Ausgang nahmen, das Ende des Regimes. Der darauffolgende Bürgerkrieg, in dem föderale Caudillos aus den Provinzen gegen die Oberschichten der Küstenstädte kämpften und Páez nochmals an die Macht strebte, sollte vier Jahre dauern und das Land an den Rand des Ruins bringen. Mit Ezequiel Zamora, der ein Heer aus "Farbigen" anführte, kamen dabei auch sozialrevolutionäre Elemente zum Tragen.[9]

Letztere konnten sich nicht durchsetzen. Dem Bürgerkrieg folgte eine Ära der Liberalen unter Antonio Guzmán Blanco, der zwischen 1870 und 1888 fast ununterbrochen das Präsidentenamt bekleidete. In der neuen Verfassung von 1864 schrieb man das föderale Prinzip fest und benannte das Land in Vereinigte Staaten von Venezuela um. Ein wirtschaftlicher Aufschwung ergab sich durch die steigende Nachfrage nach Kaffee, Kakao und Rinderhäuten aus Venezuela. Deutsche Händler taten sich dabei besonders hervor. Die Modernisierung des Landes kam in diesen Jahren durch den Ausbau des Straßen-, Eisenbahn- und Telegrafennetzes sowie des Bildungswesens und der Verwaltung voran. Guzmán Blanco, der sich als "aufgeklärter Autokrat"[10] gerierte, gelang es, einen Ausgleich zwischen den föderalistischen Caudillos, als deren Vertreter er an die Macht gelangt war, und dem zentralistischen Anspruch der Hauptstadt, die am meisten von den Modernisierungsprojekten profitierte, herzustellen. Auch den Bolívar-Kult betrieb der Präsident zielstrebig, indem er das Pantheon der Nationalhelden errichten ließ. Die Erfolge von Guzmán Blanco strahlten auch dank der günstigen globalen Konjunktur noch in das Folgejahrzehnt hinein.[11]

Um die Jahrhundertwende taten sich jedoch erneut Probleme auf. Venezuela schlitterte in eine Schuldenkrise, die eng mit dem Verfall der Kaffeepreise zusammenhing und sich auch auf das politische System auswirkte. Das Regime von José Cipriano Castro (1899–1908) war überschattet von Spannungen mit ausländischen Mächten. Diese führten 1902/03 zur sogenannten Venezuelakrise mit weltpolitischen Auswirkungen, da die kurzzeitig auch militärisch geführte Auseinandersetzung zwischen Venezuela und dem Deutschen Reich, Großbritannien und Italien dem auf der "Monroe-Doktrin" basierenden Prinzip US-amerikanischer Außenpolitik, keine europäischen Hegemonieansprüche auf dem amerikanischen Doppelkontinent zu tolerieren, entgegenstand.[12] Auch im Innern gab es Widerstand gegen Castro und heftige Bürgerkriege tobten bis 1903. Erneut stand das Land am Rande des Zerfalls. Dass die Aufstände niedergeschlagen wurden, hatte der Präsident seinem Gefolgsmann und Militärchef Juan Vicente Gómez zu verdanken, der wie Castro aus der andinen Region stammte. 1908 putschte sich Gómez an die Macht.[13]

Fußnoten

7.
Vgl. Zeuske (Anm. 1), S. 176.
8.
Vgl. Robert L. Gilmore, Caudillism and Militarism in Venezuela, Athens 1964, S. 121–137.
9.
Vgl. Jacinto Pérez Arcay, La guerra federal, Caracas 1997, S. 105–155.
10.
Zeuske (Anm. 1), S. 282.
11.
Vgl. Elide J. Rivas, Antonio Guzmán Blanco y la realización constitucional de su régimen 1870–1877, Caracas 2010.
12.
Vgl. Stefan Rinke, Zwischen Weltpolitik und Monroe-Doktrin. Botschafter Speck von Sternburg und die deutsch-amerikanischen Beziehungen, 1898–1908, Stuttgart 1992, S. 65–108.
13.
Vgl. Serapio Eduardo Romero Mendoza, General Cipriano Castro (1858–1924), Caracas 2011, S. 55–106.
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Autor: Stefan Rinke für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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